Freitag, September 17, 2021
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Wie Krankheiten die Geschichte beeinflussten (Teil 1): Ein hoher Blutdruck veränderte die Welt

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Mit der Unterschrift unter den Waffenstillstand im Wald von Compiègne fand am 11. November 1918 der I. Weltkrieg sein vorläufiges Ende und alle Welt harrte der Dinge, die da kommen sollten. Dreh- und Angelpunkt waren die USA geworden. Vor dem Krieg eine aus europäischer Perspektive eher bedeutungsarme Landmasse, jenseits ihrer geostrategischen Interessen an der anderen Küste des Atlantiks gelegen, waren sie plötzlich zur neuen Weltmacht des 20. Jahrhunderts geworden. Eine gigantische Aufrüstung, zunächst als Unterstützung für die Engländer gedacht und dann ab 1917 als unmittelbarer Kriegsteilnehmer, hatte ihr wirtschaftliches Potenzial für jedermann sichtbar vorgeführt.

Woodrow Wilson, der 28. Präsident der USA, entwarf bereits am 8.1.1918 – also lange vor Kriegsende – mit seinen, in 14 Punkten zusammengefassten Vorstellungen ein Bild von einer gerechteren Nachkriegsordnung, kurzum von einem Verständigungsfrieden. Diese amerikanischen Vorschläge gingen in den folgenden Monaten in die strategischen Überlegungen aller kriegsteilnehmenden Staaten ein und bildeten die Vorstellungen von der anzustrebenden Nachkriegsordnung. Das Deutsche Reich berief sich bei der Kapitulation dezidiert auf diesen Kompromissvorschlag und sah in Wilson eine Art Retter in höchster Not, einen ehrlichen Makler gewissermaßen. Dass alles nicht so kam wie angedacht, ist hinlänglich bekannt.

Im Rahmen der Vorbereitung der Friedenskonferenz von Versailles reiste Wilson Weihnachten 1918 nach Paris, wo er auf alle einen besorgniserregenden Eindruck machte. Er wäre eigenartig, fast irrsinnig gewesen und hätte körperlich verfallen gewirkt. Einer seiner Leibärzte gab später zu Protokoll: „Dass Wilson seine Fähigkeit verlor, sich geistig den sich wandelnden Bedingungen anzupassen, war ein Ereignis von signifikanter Bedeutung für die Vereinigten Staaten und die Welt“. Die Schaffung des Völkerbundes, des Vorläufers der UNO, sollte sein Lebenswerk krönen, was zu Hause allerdings auf wenig Gegenliebe stieß. An den am – für die Deutschen bedeutungsvollen – 18. Januar 1919 eröffneten offiziellen Friedensverhandlungen nahm er nicht mehr persönlich teil und überließ das Feld den europäischen Siegerstaaten, die sofort das Machtvakuum erkannten und ihre historische Stunde für gekommen sahen. Der Franzose Clemenceau, der Italiener Orlando und Lloyd George aus Großbritannien wurden die ungebremsten Hauptakteure in Versailles, die den von den Deutschen, über alle Parteigrenzen hinweg, als Schmachfrieden empfundenen Vertrag diktierten. Der englische Premier prophezeite in seinen Notizen sybillinisch: „Wenn es (Deutschland) sich im Frieden von 1919 ungerecht behandelt fühlt, wird es Mittel finden, um an seinen Besiegern Rache zu nehmen“.

Anfang September 1919 startete Wilson zu einer Tournee mit der Bahn Richtung Mittlerer Westen, um der amerikanischen Bevölkerung seine Vision von einem Völkerbund und einer gerechteren Nachkriegordnung schmackhaft zu machen. Am 26. September war morgens eine Ansprache an die Einwohner von Wichita in Kansas direkt aus dem Sonderzug vorgesehen. Die Zuhörer auf dem Bahnhof warteten vergebens und das Drama im Salonwagen blieb ihnen verborgen. Die unmittelbare Begleitung des Präsidenten – Gattin Edith, Leibarzt Dr. Grayson und Privatsekretär Tumulty – hatten Mühe, den körperlich und geistig hinfälligen Präsidenten von einem Auftritt auf der Plattform des letzten Waggons abzuhalten. Das offiziöse Bulletin lautete: „Nervöse Erschöpfung“, die allerdings „nicht alarmierend“ sei. Damals eine häufig gestellte Diagnose, vergleichbar dem heutigen Burnout-Syndrom.
Die Lokomotive wurde sofort umgesetzt und es ging zurück nach Washington. Dort angekommen, verschlechterte sich sein Zustand stetig. Am 2. Oktober fand ihn Gattin Edith morgens auf dem Fußboden des Badezimmers liegend. Wilson hatte einen schweren Schlaganfall erlitten, war linksseitig gelähmt und konnte nicht sprechen, sein Gesicht durch den Aufprall auf die Toilettenschüssel blutüberströmt mit einer großen Platzwunde. Von diesem Zeitpunkt an bis zum Ende seiner regulären 2. Amtszeit im März 1921 entstand im Weißen Haus in weltpolitisch hochbrisanter Zeit ein Machtvakuum zum denkbar unpassendsten Zeitpunkt. Dabei war das Ereignis nicht vom Himmel gefallen, sondern hatte sich lange angebahnt. 1856 als Sohn eines presbyterianischen Pfarrers geboren, hatte er keine unkomplizierte Kindheit und häufige psychosomatische Beschwerden waren seit frühen Jahren ständige Begleiter. Obwohl er mit neun Jahren noch nicht lesen konnte, kristallisierte sich im Laufe der Jahre doch eine außergewöhnliche intellektuelle Begabung heraus, die ihn für die höchsten akademischen Würden prädestinierte und schließlich zum Rektor der Princeton Universität machte. Aus unbekannten Gründen brach er 1910 abrupt seine glänzende wissenschaftliche und akademische Karriere ab und wandte sich der Politik zu, die ihn bereits zwei Jahre später in das höchste Amt der USA katapultierte.
Wiederholt musste er öffentliche Reden wegen Schwindelattacken unterbrechen. 1891 konnte er wochenlang die rechte Hand nicht gebrauchen und bereits 1896 im Alter von erst 40 Jahren erlitt er nach großem beruflichen Stress einen ersten Schlaganfall. 1904 ereilte ihn eine arterielle Embolie im linken Auge, die zur einseitigen Blindheit führte. Seine erste Frau Ellen, die 1914 starb, notierte, er benehme sich „wie unter Äther stehend“ und beschrieb seine Leiden als „eine schreckliche Sache, wie ein langsames, Zentimeter für Zentimeter fortschreitendes Sterben – unheilbar“! Bei epikritischer Würdigung aller berichteten Krankheitssymptome muss man zu dem Schluss kommen, dass Wilson seit jungen Jahren an einer arteriellen Hypertonie, möglicherweise sogar an einem besonders schwer verlaufenden malignen Hochdruck litt, der damals nicht effektiv behandelbar war. Die problemlose Blutdruckmessung, wie wir sie heute noch nutzen, wurde erst 1896 durch den Italiener Riva-Rocci eingeführt.

Nach dem Ereignis vom 2.10. verschwand Wilson völlig aus der Öffentlichkeit. Die verfassungsrechtliche Situation war unklar, nur der Todesfall eindeutig geregelt. Ein Triumvirat, bestehend aus der Präsidentengattin Edith, dem Privatsekretär und seinem Leibarzt, übernahm ohne irgendeine Legitimation unauffällig das Regiment. Der wenig machtversessene Vizepräsident Thomas Marshall ergriff keinerlei Initiative, auch nicht, als er vollumfänglich über die Tragödie unterrichtet wurde, was nicht etwa das Triumvirat machte, sondern was er von einem befreundeten Journalisten erfuhr! Leibarzt Dr. Cary Grayson hätte den Präsidenten für amtsunfähig erklären müssen, was dieser aber nicht tat. Das Duo mit Gattin Edith machte weiter, als sei nichts geschehen. Zunächst wurde keiner zu Wilson vorgelassen. Später sahen seltene hochrangige Besucher den Präsidenten im halbverdunkelten Zimmer mit abgeschatteter Lähmungsseite, die die First Lady erst stundenlang vorher „präparierte“. Unvermeidliche Schriftstücke aus dem Präsidialamt begannen mit der stereotypen Floskel „The President says …“! Und alle Papiere ohne Unterschrift, nur mit einem Faksimilestempel „Woodrow Wilson“ versehen. Außenminister Lansing glaubte dem Trio nicht und ahnte, dass da Leute Entscheidungen träfen, die dazu nicht autorisiert waren und befürchtete irgendwann den großen Knall, den großen Skandal! Im Dezember war das Misstrauen des Senats so groß geworden, dass den Senatoren Fall und Hitchcock Zutritt gewährt werden musste. Beide vermerkten die noch sehr schwerfällige, aber verständliche Sprache und selbst einen Rest von Esprit, den er in seiner akademischen Zeit so überreichlich besaß – Hitchcock: „Wir beten für Sie, Sir“, Wilson: „In welche Richtung?“. Nach einem halben Jahr nahm er, im Rollstuhl sitzend, wieder an Kabinettssitzungen teil – pro forma. Wesentliche Entscheidungen irgendwelcher Art, auch hinsichtlich Deutschlands, mit dem die USA erst vor genau 100 Jahren ein separates Friedensabkommen schlossen, hat er nicht mehr inauguriert.

Bis zum regulären Ende seiner Regierungszeit im Jahre 1921 hat er amtiert und wurde 67 Jahre alt. Problematisch, wie bei vielen anderen dieser Verleihungen, der Friedensnobelpreis 1919.

Was wäre gewesen, wenn … Die ewig müßige Frage! Hat möglicherweise der Schlaganfall eines Einzelnen alles verändert? Vorstellbar wäre, dass Versailles und die Geschichte des 20. Jahrhunderts anders verlaufen wären. Ein allseits akzeptierter Verständigungsfrieden wäre denkbar gewesen. Die vielen Konjunktive beschreiben das Dilemma!
Dr. Peter Staudacher

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