Samstag, Oktober 16, 2021
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Wie Krankheiten die Geschichte beeinflussten (Teil 2): Der Anfang vom Ende eines Weltreiches

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Neben einigen anderen oberitalienischen Stadtstaaten war auch Genua eine reiche Stadtrepublik, die sich im 14. Jahrhundert sogar kolonieartige Handelsvertretungen im Ausland leistete. Eine ihrer östlichsten war Kaffa, das heutige Feodossija auf der Krim. Seit Sommer 1346 wurde die Handelsniederlassung von den Tataren belagert, denen es aber nicht gelang, die Stadt einzunehmen.

Eine heimtückische und mörderische Krankheit begann, das Belagerungsheer zu dezimieren und die Angreifer 1347 zum Aufgeben zu zwingen. Geschätzte 85.000 Akteure sollen ihr zum Opfer gefallen sein. Das Geschehen markiert den Anfang vom Ende des Mongolischen Weltreiches, das mit Dschingis Khans Goldener Horde ein Jahrhundert zuvor so glänzend begonnen hatte. Zeitgenössische Beobachter berichten von grausamen agonalen Verzweiflungstaten der Tataren. Mangels Steinkugeln banden sie Leichen auf die Katapulte und schossen diese in die Stadt, nicht wissend, dass sie damit eine Art biologische Kriegsführung initiierten. Die Zusammenhänge des Geschehens blieben den Zeitgenossen weitestgehend verborgen und nicht interpretierbar. Die tatarische Streitmacht wurde von einem Rattenheer und Schwärmen von Flöhen begleitet, was in damaliger Zeit und unter vergleichbaren Umständen nicht ungewöhnlich war. Neu war ein Reisebegleiter: Yersinia pestis – der Pesterreger, benannt nach dem Schweizer Arzt Alexandre Yersin, der ihn 1894 entdeckte. Und erst sehr viel später wurden die Zusammenhänge klar: Floh sticht infizierte Ratte, sticht andere Ratten, sticht Menschen. Bei jedem Stich wird der hochinfektiöse Mageninhalt in den nächsten Stichkanal entleert und das Drama nimmt seinen Lauf.

Doch zurück zu Kaffa und den dortigen Ereignissen von 1346/47. Die entsetzten Genuesen gerieten in Panik und ergriffen die Flucht per Schiff über das Meer Richtung Italien – und die Tragödie fuhr mit. Die Zeit der Überfahrt reichte nicht aus für das Austoben der Seuche, und so kam es wie es kommen musste: Hochinfektiöse Besatzung und Passagiere baten um Landeerlaubnis im heimatlichen Genua – und sie wurde ihnen verweigert! Selbst im Hochmittelalter verbreiteten sich Gerüchte schneller als ein Lauffeuer, jedenfalls schneller als ein Schiff segeln konnte. Und dieses besagte, in den Rümpfen der Genueser Galeeren lauerten Tod und Verderben. So musste nach Marseille ausgewichen werden, wo im denkwürdigen Herbst 1347 die europäische Apokalypse ihren Anfang nahm, und es blieb nicht bei einem einzelnen Annus horribilis! Im ersten Winter starb die Hälfte der Einwohnerschaft! Fast war es wie ein Menetekel, denn in eben diesem Marseille wurde nach fast 400 Jahren das letzte Aufflackern der europäischen Pest in einer Großstadt in den Jahren 1720/22 dokumentiert! Dazwischen lagen Jahrhunderte mit wellenförmigen Seuchenausbrüchen unterschied-licher Intensität und Lokalisation.

Neu war die Krankheit nicht, nur schlicht vergessen. Über die Bibel wurde ihre Erinnerung in allen Bevölkerungskreisen wach gehalten, gehörte sie doch zu den Plagen, die Ägypten schon vor dem Auszug der Israeliten heimsuchten. Obwohl heute seit der Steinzeit nachweisbar, wurde sie als reale Gefahr jedoch seit der Spätantike nicht mehr wahrgenommen.

Schon durch Hippokrates war die Athener Pest aus dem späten 5. vorchristlichen Jahrhundert bekannt, die im Verein mit dem verlustreichen Peleponnesischen Krieg den Anfang vom Ende ihrer Blütezeit einläutete, wobei es heute auch Zweifel an der Pestgenese dieser attischen Seuche gibt. Gleiche Vorbehalte gibt es auch hinsichtlich der Antoninischen Pest im antiken Rom des 2. nachchristlichen Jahrhunderts. Als gesichert gilt hingegen die Pestgenese des Seuchenausbruchs von 542 n. Chr. Sie erfüllte alle Kriterien einer Pandemie. Höhepunkt war die Regierungszeit des oströmischen Kaisers Justinian (527-565), nach dem sie auch als Justinianische Pest benannt wird. Sie gilt als die wesentliche Ursache des Scheiterns der restauratio imperii. Woher sie kam, ist strittig, Indien oder die Subsahara werden diskutiert. Damals wie heute sind die Reise- bzw. Handelsrouten die Treiber derartiger Geschehnisse. In Ägypten, dem Umschlagplatz für Waren und Krankheitserreger, brach sie aus und erfasste rasend schnell das gesamte Mittelmeergebiet, Mittel- und Nordeuropa einschließlich Irland. Kaiser Justinian, der Namenspatron, überlebte die Erkrankung. In seiner Residenzstadt Konstantinopel jedoch starb jeder Vierte, in Syrien allein ca. 25.000 Soldaten. Nach dem Ausbruch der Beulenpest in Konstantinopel (746) verschwand die Krankheit ab etwa 770 vollständig für etwa 600 Jahre.

Auffällig ist: Wirtstiere sind wildlebende Nager (Ratten, Murmeltiere) im fernen Osten. Mit dem Aufkommen der muslimischen Herrschaft über die Meerenge von Bab al-Mandab – also der Verbindung vom Roten Meer zum Golf von Aden – brach ab 630 der schnellere Seehandel mit Asien für etwa 1000 Jahre zusammen, die sehr langsame Seidenstraße mit ihrer extrem langen und lebensfeindlichen Wüstenpassage blieb bestehen. Erst mit Dschingis Khans Erscheinen kam im 13. Jahrhundert wieder eine etwas schnellere Landverbindung zustande. Und, wie wir inzwischen alle wissen, ist diese ideal für Infektionsketten!

Nach der Katastrophe von Kaffa war für Europa nichts mehr wie es war und kaum ein Stein blieb über dem anderen. Die Pandemie traf Menschen, die seit 25 Jahren unter den Folgen einer Klima-anomalität litten. Jahrelang versanken die Ernten in Regen, Hagel, Schlamm und Sturm. Hunger und Unterernährung traf alle Regionen und am Ende auch alle Schichten der Bevölkerung. Höhepunkt des Geschehens war die Magdalenenflut von 1342, die nie gekannte Ausmaße erreichte und in vielen Gegenden die letzen Exis-tenzen vernichtete. Wie sollten diese Mangelernährten und Immungeschwächten 1347 dem eindringenden Trio – Ratten, Flöhe, Yersinien – etwas entgegenstellen? Dazu die unhygienischen Zustände auf dem Lande und in den überbevölkerten Städten. So nahm das Schicksal seinen Lauf , dem geschätzt ein Drittel der europäischen Bevölkerung zum Opfer fiel. Was folgte: Die Urbanisierung stagnierte und ganze Landstriche verödeten. Vergeblich versuchte der spätmittelalterliche Mensch, das Geschehen zu verstehen. Hilflos das Pestgutachten der Medizinischen Fakultät der Universität von Paris von 1348. Was aus all den Orakeln blieb, ist die frühe Erkenntnis, dass etwas Ansteckendes eine Rolle gespielt haben musste. Die einzig schlüssige Hypothese war die Notwendigkeit einer Quarantäne, die hier ihren Ursprung hat und bis heute derartige Ereignisse dominiert.

Auch für dieses apokalyptische Großereignis wurden Verursacher, Schuldige und Brunnenvergifter gesucht und gefunden. Es wurden die Juden. Der erste große Pestzug markiert den Beginn der Progrome. Heinrich Truchseß, ein Geistlicher aus Konstanz, notierte bar jeder Emotion: „ Zwischen Allerheiligen 1348 (1. Nov.) und Michaelis 1349 (29. Sept.) wurden alle Juden zwischen Köln und Österreich verbrannt und getötet“.

Ironie des Schicksals: Nach Abflauen der Pandemie ging es den Überlebenden besser als vorher: Von der gleichgebliebenen nutzbaren Ackerfläche musste ein Drittel weniger Menschen ernährt werden! Die Pestgruben Londons sind heute Stätten unseres Erkenntnisgewinns, die Stadt selbst jedoch erlebte bereits 30 Jahre später ihre erste große Blüte.
Dr. Peter Staudacher

Buch-Tipp zum Thema: Ein Magdeburger
beschreibt die Geschichte der Medizin in der jeweiligen Epoche; Ronald D. Gerste: „Die Heilung der Welt“; Klett-Cotta Verlag 2021; ISBN 978-3-608-98409-5

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