Mittwoch, August 10, 2022
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Wie viel Freiheit bleibt?

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„Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ formulierte einst Rosa Luxemburg. Die Vorstellung über Freiheit ist eine Geisteshaltung. Inzwischen wird der Freiheitsbegriff, wie wir ihn vielleicht zurückliegend gern begriffen haben, von vielen Seiten unterlaufen. Der freie Versuch einer aktuellen Freiheitsbewertung.

Von Thomas Wischnewski

Freiheit ist ein hohes Gut. Im Namen der Freiheit ziehen wir sogar in den Krieg. Freiheit muss gegen Autokraten und Diktatoren verteidigt werden. So hoch wir die eigene Moral zur Freiheit auch halten, unten sind wir bereit, ihr stückchenweise das Fundament auszuhölen, mit weitreichenden Folgen. Doch wir Menschen verdrängen gern. Das ist eine Stabilisierungsfunktion, damit wir den Zusammenhang bzw. den Halt, in den wir gesellschaftlich eingebettet sind, nicht verlieren. Und so redet man sich gern hier und da eine Stabilität von Freiheit ein, die jedoch vielfach bröckelt.

Zunächst müssen wir klären, welche Freiheit wir meinen, wenn wir über sie reden wollen. Natürlich sind Wahlen nicht abgeschafft oder hat sich am Wahlrecht nichts Entscheidendes geändert. Auch die Pressefreiheit bleibt munter und vielfältig, auch wenn gern anderes behauptet wird. Noch jeder kann einen Medienkanal eröffnen, eine Zeitung gründen oder erklären, dass die Pressefreiheit eingeschränkt sei, ohne irgendwelche negativen Folgen erleben zu müssen. Natürlich verbreitet nicht jedes Medium alles. Das ist bei der Nachrichtenflut von heute auch gar nicht möglich. Selbst die krudesten Erklärungen über die Welt finden ihre Verbreitung. Selbstverständlich wird gefiltert bzw. zensiert – was häufiger unschön ist, manchmal ist es aber auch nötig. Eine inhaltliche Vorauswahl über angeblich geeignete Veröffentlichungen zu treffen – das gab es allerdings schon immer –, ist zumindest eine das freie Wort einschränkende Sache. Tatsächlich zeigt sich vor allem in der häufig dozierten Sprachentwicklung ein Potenzial von Einschränkungen. So sensibel und rücksichtsvoll Formulierungen gesetzt werden, sie heften jenen, die das nicht annehmen wollen, ein negatives, teils revisionistisches Etikett an. Hier sei nur an den Artikel 3 des Grundgesetzes erinnert: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, …“ benachteiligt werden. Also auch solche Menschen nicht, die sich einer natürlichen Sprachentwicklung stellen und nicht einer vorgeschriebenen.

Hier kommen wir bereits in das weite Feld moralischer Vorstellungen. Es gibt heute kaum noch einen Lebensbereich, über dem kein Damoklesschwert schwebt, das Begriffe, Verhalten, Produkte, Kunst oder persönliche Leidenschaften in Falsch oder Richtig zerschneiden würde, je nachdem, auf welcher Beurteilungsseite man steht. Es darf an dieser Stelle gern eingewendet werden, dass es solche Vorverurteilungen auch schon vor Jahrzehnten gegeben hätte. Ja, allerdings nicht in der heutigen Quantität. Die sogenannte „Social-Media-Maschinerie“ hat solche Phänome millionenfach ausgebreitet. In Vorinternetzeiten war das Urteilen, Stigmatisieren, Kategorisieren und Diffamieren eine öffentlich eher seltene Erscheinungsform. Und da es auf diesem Gebiet kein Halten gibt, sondern eher eine weitere Expansion, wächst in uns das Gefühl zurückgehender Denk- und Formulierungsfreiheit.
Warum fühlen wir uns oft gegenüber politischen Zielsetzungen hilflos? Die vielen Gründe dazu würden mehrere dicke Bücher füllen. Fakt ist aber auch, dass der Veröffentlichungs- und Verbreitungsdruck in der vernetzten Welt den Eindruck erweckt, an allen Ecken und Enden des Lebens würde man von politischen Maßstäben verfolgt. Andererseits befinden sich Menschen in der Politik im selben Dilemma. Permanent hageln Statistiken und Argumente auf sie ein, durch die dann ein Hang zur Stellungnahme gefördert wird, der oft kontraproduktiv ist. Die Welt will sich nicht erklären, wir Menschen sind es, die der Welt- und Lebenserklärung fortlaufend Kausalitäten hinzufügen wollen. Das Fakten- und Beurteilungswirrwarr fördert die Tendenz zur Ohnmacht bzw. steigert das Gefühl, die Welt nicht mehr verstehen zu können. Unter Ohnmacht wächst die Vorstellung unfreier zu sein.

Alle Spaltungs- und Zurückweisungstrends, die sich unter den vorher beschriebenen Beispielen vollziehen, sind eine Art Gegenwehr zur Hyperkomplexität der Welterzählungen. Und nun platzen noch die Katastrophenberichte und Weltuntergangsgeschichten in die Hirne der Menschen. Natürlich sind diese Erzählungen mit Auswegsdeutungen verbunden. In der Regel werden dann Einschränkungen doziert oder Ansprüche erklärt, dass es so oder so nicht weiterginge. Auch diese – durchaus berechtigten Kritiken am destruktiven Wirken der Menschheit gegenüber der Natur – sind inzwischen mit realen Einschränkungen verbunden. Die Corona-Pandemiemaßnahmen – bei allem berechtigten Gesundheitsschutz – haben Freiheit einschneidend und erlebbar begrenzt. Neben der Politik zur Energie- und Mobilitätswende, fördert der Russland-Ukraine-Krieg die Inflation. Steigende Lebenshaltungskosten schränken tatsächlich die Möglichkeiten an Lebensgestaltung ein. Kulturangebote werden nicht mehr in dem Maße angenommen, andere Freizeitaktivitäten oder Reisen sind nicht mehr für jeden möglich. Man kann dazu auch berechtigte Luxuseinschränkungen im Sinne des Natur-, Emissions- und Ressourcenschutzes sagen. Doch sind es inzwischen viele Stellschräubchen, die engergestellt sind. Freiheit verliert sich nicht per Beschluss, auf jeden Fall durch Krieg, unter den gegebenen Bedingungen siecht sie jedoch vor sich hin bzw. verhält sich wie ein müder Leib in der Hängematte, dem zuviel Hitze zu schaffen macht. Hitze schränkt nämlich Bewegungsfreiheit ein. So real das unter den hohen Sommertemperaturen für alle spürbar wird, so ähnlich verhält es sich in einer Gesellschaft, die inhaltlich heiß läuft oder sich an ihren Rahmenbedingungen reibt. Unsere Freiheit ist nicht irgendwoanders in Gefahr, sondern sie schmilzt schleichend dahin.

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