Mittwoch, August 10, 2022
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Willkommen in der VUCA-Welt

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Die Welt scheint immer stressiger und von Reizen überflutet. Was strömt wirklich auf uns ein und was sind wir davon selbst. | Von Dr. rer. nat. Kathrin Marter

VUCA: Volatil (unbeständig), Unsicher, Komplex und Ambiguos (mehrdeutig) sind die Attribute, die unserer heutigen Lebens- und Arbeitswelt im digitalen Zeitalter zugeschrieben werden.

Wir haben das Gefühl, unsere Arbeits- und Lebenswelten drehen und verändern sich schneller. Hier ein neues Software-Update, das gewohnte Arbeitsabläufe ändert und (eigentlich) optimieren soll, dort eine neue Richtlinie. Hier eine weitere unklare An-weisung, die Fragen aufwirft, dort eine neue Aufgabe für die endlos lange To-Do-Liste. Auch Instagram-Feed und Newsti-cker stehen ihrem Wesen nach niemals still.

Und egal, wofür wir uns interessieren und wohin wir unsere Aufmerksamkeit wenden, über alles ließe sich noch mehr wissen: Autos, Yoga, Bücher, Angeln, Ernährung, Schreiben, Faszien, …

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“ soll Sokrates noch vor unserer Zeitrechnung gesagt haben. Seitdem ist ordentlich Wissen hinzugekommen, das Verständnis und Fortschritt gebracht und unsere Welt komplexer und mehrdeutiger gemacht hat, so dass für alle weiterhin gilt: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Das kann uns verunsichern oder entlasten, je nach zu Grunde liegendem Welt- und Menschenbild und sozialen Spiegeln.

Ist denn die Welt,
in der Sie oder ich
leben, unsicher?

Was braucht es denn, um sich sicher zu fühlen? Und was braucht es, um wirklich sicher zu sein? Habe ich nicht ein sicheres Dach über dem Kopf, sogar mit Bett, um mich vor Kälte, Nässe und potenziellen tierischen oder menschlichen (Fress-)Feinden zu schützen? Mehr noch; wir haben fließend Wasser, Fernwärme, Elektrizität … Habe ich nicht Kleidung am Körper, die mir zusätzlichen Schutz vor Kälte, Nässe, Wind und übermäßiger Sonneneinstrahlung gibt? Mehr noch, wir haben Kleiderschränke voller Klamotten und jederzeit Zugang zu noch mehr.

Habe ich nicht Zugang zu Kohlenhydraten, Fetten, Proteinen, Vitaminen und Mineralstoffen? Mehr noch, wir haben (Kühl-)Schränke und Supermärkte voller Pizza, Chips, Bier und Wein und können von Montag bis Samstag mindestens zwischen 8 bis 20 Uhr für einen schmalen Taler nachladen. Sonntags haben wir ein Problem; da müssten wir zum Nachladen in den Späti oder zur Tanke.

Was macht uns dann so unsicher? Darf es nicht sein, dass sich mit jedem Moment etwas verändert; dass mit jeder Sekunde eben eine Sekunde vergangen ist und es nicht mehr 9:02:33 Uhr, sondern 9:02:34 Uhr ist, dass ich mit jedem Atemzug eben einen Atemzug mehr in meiner Vita habe? Ist es nicht das, was wir alle wollen, wenn wir jammern oder meckern oder im bes-ten Fall lösungsorientiert und konstruktiv an einer Herausforderung arbeiten. Wollen wir nicht eigentlich, dass sich Dinge ändern? Stehen wir dafür nicht jeden Morgen auf? „Nichts ist so beständig wie der Wandel.“ soll nun der Heraklit von Ephesus vor circa 2.500 Jahren gesagt haben.

Veränderungen kosten das Gehirn Energie. Wenn mein Lieblingssupermarkt sein Sortiment neu strukturiert, müssen meine Neuronen raus aus ihren festgefahrenen Bahnen und ich darf mich auf die Suche nach neuen Lösungen begeben, bis ich umgelernt habe, wo der Sellerie ist. Veränderungen halten das Gehirn lernfähig. Wer auch im Alter noch neugierig ist, reagiert freudiger und flexibler auf Veränderungen und nimmt sie nicht als Bedrohung wahr. Was soll denn auch passieren?

Ganz abgesehen davon, gibt es auch Vieles, das gleich bleibt und uns, sofern bewusst und wertgeschätzt, Sicherheit gibt. Geht nicht jeden Morgen die Sonne wieder auf? Gehe ich nicht jeden Abend zu Bett? Ich schnüre meine Schnürschuhe immer auf die gleiche, mit Fünf erlernte Weise. Dieses neuronale Programm ist so gefestigt, da merken wir gar nicht mehr, dass es ein kleines Wunder ist.

Gefühle brauchen keine Berechtigung
Frustriert, wütend, besorgt, verängstigt oder traurig fühlen wir uns dort, wo wir ablehnen, dass das Leben fließt und uns nicht neugierig, geerdet, herz-offen und fokussiert aus der Komfortzone bewegen wollen. „Gefühle brauchen keine Berechtigung.“ sagt Marshall B. Rosenberg, der Begründer der gewaltfreien Kommunikation. In Gefühlen ist, wie in Nahrung, viel Energie gebunden. Sie sollten, um gesund zu sein, wie Nahrung, verdaut und nicht durch diverse Zerstreuungsmechanismen verdrängt werden.

Wer frustriert ist, soll auch erstmal meckern dürfen und zwar ohne gutgemeinte und unprofessionelle Ratschläge wie „Ach, jetzt hab dich mal nicht so!“ aus dem Umfeld zu bekommen. Wer über etwas verängstigt ist, sollte es sich selbst und anderen eingestehen dürfen, ohne verurteilt zu werden oder sich ein dickeres Fell zulegen zu sollen. Wer traurig ist, darf traurig sein. Es ist okay und gesund, sich die Kompliziertheit und Widersprüchlichkeit des Lebens bewusst zu machen und darüber Emotionen zu haben.

Wenn die Gefühle im Körper gefühlt und vom Geist angenommen und bedacht, verdaut sind, klärt sich der ‚Problem-Himmel‘ und zeigt sich auch ein Lösungsweg auf.

Wer die Emotion nicht annimmt und verdrängt, lehnt die Realität ab („Das kann doch nicht wahr sein!“) ohne für sich oder andere etwas zu ändern. Die Folge sind chronische Stress-Symptomatiken des Körpers (z. B. Schulter-, Rücken-, Kopf-, Bauchschmerzen, Entzündungen, geschwächtes Immunsystem, Herzrasen) und der (Göttin!) Psyche (Erschöpfung, Antriebslosigkeit, Unruhe, Gereiztheit). So wird aus Angst noch mehr Angst, aus Frust blinde Wut und Aggression, aus Weltschmerz eine Depression.

Wie lässt sich der VUCA-Welt
nun begegnen?
Die Beschreibung der VUCA-Welt ist zunächst einmal problem-orientiert. Sie beschreibt einen empfundenen Ist-Zustand, der durch seine Attribute von uns negativ bewertet wird.

Was wäre, wenn ich Ihnen gesagt hätte, VUCA stünde für Vision, Understanding (Verstehen), Klarheit und Agilität (Flexibilität, Proaktivität), so wie Bob Johansen sie 2007 für sich definiert hat? Dann gäbe es für Sie womöglich gar kein Problem, keine Emotion, keinen Stressor. Dann hätten wir ein attraktives Ziel, auf das wir hin arbeiten könnten.

Was wäre, wenn wir, jede und jeder für sich und die Unternehmen und Arbeitsgruppen, für die wir einen Großteil unserer Zeit und Energie aufbringen, eine Vision hätten, ein höheres Ziel, dem es entgegenzufließen gilt? Würde uns das Fließen mit der Veränderung dann nicht leichter fallen?

Was wäre, wenn wir den Unsicherheiten mit Verstehen begegnen könnten, wenn wir selbst transparent machen, warum wir uns so oder so entschieden haben und dort nachfragen, wo uns die Transparenz fehlt? Was wäre, wenn wir lange und emphatisch genug zuhören, um wirklich zu verstehen? Was wäre, wenn uns lange und emphatisch genug zugehört würde, um wirklich verstanden zu sein?

Was wäre, wenn wir uns und anschließend anderen klar kommunizieren würden, worum es uns geht, was wir verstanden oder auch nicht verstanden haben, was wir wahrnehmen, wie es auf uns wirkt und was wir uns wünschen? Wenn ich meine Vision klar mache, können andere verstehen. Was wäre, wenn ich wirklich meine, was ich sage und man sich auf das Gesagte verlassen kann?

Was wäre, wenn ich meine Vision klar habe und meinen Herausforderungen klar, geduldig, geerdet (sicher), fokussiert, verstehend und agil, d. h. auch kreativ, fließend und in Körper und Psyche flexibel begegnen könnte? Was wäre, wenn ich mich für die Realität öffne, dass es zwischen Richtung und Falsch, Null und Einhundert, Schwarz und Weiß einen Regenbogen mit unendlich vielen Farben und Möglichkeiten gäbe? Dann hätten wir aus einem Mangelzustand, den wir häufig erfolglos mit Konsum auszugleichen versuchen, einen Zustand der Fülle geschaffen, in dem alles was ist (ja, auch das Komplizierte und Widersprüchliche des Lebens), da sein darf und wir sicher und versorgt sowohl in die Aktion als auch zur Ruhe kommen können.

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