Sonntag, Juli 3, 2022
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Der FCM verabschiedet sich nach drei Jahren aus der dritten Liga. Riesenjubel in der MDCC-Arena. Drei Spieltage vor Saisonende steht der Aufstieg der Blau-Weißen wie gemeißelt.

Von Rudi Bartlitz

Wenn es ans Feiern geht, zeigt die Sportstadt Magdeburg so richtig, was in ihr steckt. So wieder einmal zu besichtigen am zurückliegenden Sonntag, als der 1. FCM den Aufstieg in die 2. Bundesliga perfekt machte. Bereits drei Spieltage vor Ultimo. Gut 26.000 auf den Rängen, die größte Kulisse in der 2006 eröffneten MDCC-Arena, die es jemals gab. Die Fans außer Rand und Band, ohne Corona-Fesseln, die MDCC-Arena in Blau und Weiß gefärbt. Rotkäpp­chen statt Dom Péri­gnon. Vom Rasen war, nachdem die Anhänger ihn gestürmt hatten, nichts mehr zu sehen.

Nach zwei Jahren, in denen es mehr schlecht als recht über den Rasen rumpelte, nach zwei Jahren, die beinahe im Nirvana der Amateur-Kicker geendet hätten, erlebte die Elbestadt plötzlich eine Explosion des schönen Fußballs. Es geht doch, hieß es. Nicht immer, aber immer öfter. Zuweilen wähnte der Zuschauer sogar, den Bob Marley-Song von den „Three Little Birds“ im Ohr zu haben: „Sorge dich um nichts, alles ist ok.“ Motto: Fußball ist Freiheit.
Bei allen Tiefen der Vergangenheit, es sind drei Daten, die die FCM-Erfolgsgeschichte des letzten Jahrzehnts exakt markieren: der 31. Mai 2015, der 21. April 2018 und eben der 24. April 2022. Bei erinnerungswürdigen Ereignissen wird später oft die schon traditionelle Frage gestellt: Wo warst Du an diesem Tag? Was hast Du getan? Nicht nur eingefleischte Fans werden darauf antworten: Da habe ich mit den Blau-Weißen gefeiert und getanzt.
Schauen wir diese Daten etwas näher an: 31. Mai 2015 – Im Rückspiel der Aufstiegspartien für die 3. Liga besiegte der FCM in Offenbach die dortigen Kickers mit 3:1. Nach einem Vierteljahrhundert in der Diaspora, oft verdammt nahe am Freizeitfußball, hatte er sich wieder für den Profibereich qualifiziert. Das Stadion am Bieberer Berg glich anschließend einem blau-weißen Fahnenmeer. Nachdem die Magdeburger bereits das Hinspiel mit 1:0 gewonnen hatten, sorgten Schiller, Fuchs und Hebisch nach einem 0:1 Rückstand noch für einen Sieg der Härtel-Truppe.

April 2018 – Drei Jahre nach dem Aufstieg in Liga 3 gelingt erstmals die Qualifikation für die 2. Bundesliga. Durch den 2:0-Heimerfolg vor 23.000 Zuschauern gegen Fortuna Köln ist dem FCM der Sprung nach oben nicht mehr streitig zu machen (Torschützen: Türpitz, Hammann). Magdeburg feierte seinen erstmaligen Zweitliga-Aufstieg, nachdem man in den beiden Vorsaisons schon jeweils Tabellenvierter geworden war. Bereits am 6. Spieltag stand die Mannschaft erstmals auf einem direkten Aufstiegsplatz, den man ab Spieltag 16 nicht mehr abgab. Mit zehn Siegen aus den letzten zehn Spielen konnte Magdeburg die bis dato meist vorn liegenden Paderborner endgültig übertrumpfen. Mit 85 Punkten und einer Tordifferenz von +38 spielten sie zudem die zweitbeste Saison der Drittliga-Historie (Braunschweig hatte 2010/11 ebenfalls 85 Punkte, aber eine Tordifferenz von +59 aufzuweisen).

April 2022 – Ein 3:0 gegen den FSV Zwickau krönt einen Bravourritt durch die 3. Liga. Bereits am 7. Spieltag übernahm der FCM endgültig die Tabellenspitze und baute sie kontinuierlich aus. Zuweilen betrug der Vorsprung auf einen Nichtaufstiegsplatz mehr als zehn Punkte. Nahezu alle Experten waren sich einig: Das ist das spielerisch eindeutig beste Team mit einer Offensivpower, wie sie keiner sonst in dieser Staffel aufzuweisen hat.
Hauptverantwortlich für den phänomenalen Aufschwung waren zwei Architekten am Spielfeldrand (Trainer Christian Titz und Sportgeschäftsführer Otmar Schork) sowie ein Vorarbeiter auf dem Rasen (Regisseur Baris Atik). Die Erstgenannten zimmerten ein Team, das seinesgleichen in dieser Liga sucht. Atik wiederum ist ein Influencer. Einer, der den Verlauf einer Partie mit einer unauffälligen Spielverlagerung überreden kann, sich in eine bessere Richtung zu entwickeln. Der diese Momente im Fuß hat, die an die Schönheit des Spiels glauben lassen. Und der obendrein noch selbst vorbereitet und trifft – so oft, wie noch keiner vor ihm in der nunmehr 14-jährigen Geschichte der 3. Liga.

Und trotzdem, beim FCM mieden sie, selbst mit einem satten Punktevorsprung, das „A-Wort“ wie der Teufel das berühmte Weihwasser. Wie hinterlistig die Frage auch daherkommen mochte, die Antwort endete stets: im Nichts. Hinter vorgehaltener Hand fragten einige schon besorgt: Wollen die möglicherweise gar nicht hoch? Bei einem Satiriker hätte sich ein imaginäres Gespräch aus diesen Tagen vielleicht so gelesen: Gratulant: „Herzlichen Glückwunsch zum Aufstieg!“ Jemand aus der Chefetage: „Wir haben es geschafft? Gut, dass sie mir das sagen. Das war mir noch gar nicht bewusst.“

Nun scheint der Bann, gottseidank, gebrochen. Schork verlängerte, und Titz gestand 48 Stunden vor der Zwickau-Partie schelmisch: „Ich habe gar keinen Vertrag für die dritte Liga.“ Für die Zukunft, fügte der 51-Jährige hinzu, seien im Verein viele Dinge „klar geregelt, wie die Zukunft weitergehen kann“. Diese Zukunft, das ist allerdings eine Liga (Start bereits am 15. Juli), in der es schon ein bisschen anders zugehen wird als in den zurückliegenden Monaten. So gesehen ist der FCM, was Qualität und innere Struktur angeht, derzeit noch eine Baustelle, ein Team under construction. Gerade in der Defensive muss einiges passieren, will man nicht, wie 2019, wie ein Papierboot im offenen Meer schwimmen, letztlich vom Strudel des Abstiegs erneut geschluckt werden.

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