Dienstag, September 21, 2021
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Wirklich Erleichterung und mehr Einfachheit beim Kommasetzen?

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Beziehungen sind nützlich, so wird gesagt. Was wir hier in unserem Text meinen, das sind Beziehungen, die sich in Sätzen eines Textes ausdrücken. Und das kann mit Hilfe sogenannter Satzzeichen geschehen. Satzzeichen, das klingt eigentlich ziemlich hochtrabend, denn in der Regel sind die Kommas gemeint. Von Ausrufezeichen und Fragezeichen wird wenig gesprochen, obwohl die natürlich auch vorkommen. Vergessen wir dabei aber auch nicht den Punkt zum Abschluss eines Satzes.

Das Setzen eines Kommas ist nicht immer einfach, auch wenn seit der letzten Rechtschreibreform vor rund 20 Jahren häufig die Meinung vertreten wird, es gäbe hier jetzt viel mehr Freiheit und weniger Zwang als vorher. Gleich mal zu Ihrer Selbstüberprüfung: Wie würden Sie entscheiden, wenn Sie den folgenden, sehr langen Satz lesen? Wird hier ein Komma gesetzt oder nicht? „Der nach einem langen Krankenhausaufenthalt in der Berliner Charité genesene und sofort nach seiner Ankunft in Moskau in Haft genommene Kreml-Gegner Nawalny ist durch ein Moskauer Gericht wegen angeblicher Nichtbeachtung von Bewährungsauflagen aus einer früheren Verurteilung zu einer dreijährigen Gefängnisstrafe verurteilt worden und kann nicht mit einer vorzeitigen Entlassung rechnen.“ Bevor wir zu einer Antwort kommen, wollen wir uns noch einige Grundzüge des Satzbaus ansehen.

Was ist ein Satz?
Bei der Entscheidung, ob ein Komma zu setzen ist oder nicht, müssten wir uns überlegen, was überhaupt ein Satz ist. Was sind die Kennzeichen eines Satzes? Ist ein einzelnes Wort ein Satz? „Feuer!“, das kann ein alarmierender Angstschrei oder der Befehl eines Offiziers an seine Soldaten zum Schießen sein. „Hilfe!“ passt ebenfalls in diese Kategorie der Sätze, die wir als Ein-Wort-Sätze bezeichnen können. Aus dem Schulunterricht erinnern Sie sich vielleicht noch, dass ein Satz ein Subjekt (= Satzgegenstand), ein Prädikat (= Satzaussage) und eventuell ein Objekt (= Beifügung in einem bestimmten grammatischen Fall) haben kann. Möglich sind auch noch adverbiale Bestimmungen (= Umstandsbestimmungen, z. B. des Ortes, des Grundes, der Zeit), die bestimmte Teile eines Satzes noch konkreter machen können. In der Praxis haben wir es aber auch mit Sätzen zu tun, denen solche Satzglieder wie Subjekt, Prädikat oder Objekt fehlen können. Sehen Sie sich einen solchen Text an: „Habe versucht, Sie zu erreichen. Zwecklos. Keine Verbindung.“ Der Text ist verständlich, obwohl Sie die bereits oben genannten Satzglieder – Subjekt, Prädikat, Objekt, adverbiale Bestimmung – nicht exakt bestimmen können. Es ist einfach schwierig, unsere lebendige Sprache in ein sprachliches, grammatisches, Korsett einzuzwängen. Und schon viele Sprachforscher haben versucht, Definitionen für das Wesen eines Satzes zu finden. Für unsere Zwecke begnügen wir uns mit den formellen Merkmalen, dass in einem Text gleich zu Beginn ein Satz beginnt, und dann innerhalb des Textes ein Satz durch das Satzzeichen Punkt vorher und den Punkt nachher gekennzeichnet ist, das bedeutet also ganz einfach, dass ein Satz zwischen zwei Punkten steht. Die überwiegende Mehrzahl der Sätze besteht natürlich aus den Satzgliedern Subjekt, Prädikat, Objekt, adverbiale Bestimmung. Das sind also Satzglieder, die bestimmte Funktionen innerhalb des Satzes erfüllen. Bei dieser Gelegenheit möchten wir auf den Unterschied zwischen Satzgliedern und Wortarten hinweisen, auch wenn dies nicht unbedingt im Zusammenhang mit der Rubrik Kommasetzung steht. Wortarten sind Substantive (= Dingwörter, Hauptwörter), Verben (= Tätigkeitswörter), Adjektive (= Eigenschaftswörter), Pronomen (= Hinweiswörter oder Ersatz für ein Substantiv), Numeralien (= Zahlwörter), Konjunktionen (= Bindewörter) und eine Reihe von anderen Wörtern. In Fachkreisen wird von rund neun oder zehn Wortarten gesprochen, denn Sprachwissenschaftler streiten darüber, wie viele Wortarten es tatsächlich in der deutschen Sprache gibt, weil nicht eindeutig klärbar ist, was für Wörter tatsächlich zu der einen oder zu einer anderen Wortart gerechnet werden sollen.

Erleichterung bei der
Kommasetzung?
Was soll eine Reform in der Rechtschreibung bewirken? Dass alles leichter und übersichtlicher wird, dass man beim Schreiben weniger nachdenken und noch weniger im Duden nachschlagen muss, kurz, dass es einfacher wird. Die vorletzte Rechtschreibreform gab es zu Kaiserzeiten, nämlich im Jahre 1901/1902. Das Problem Zeichensetzung, also das Setzen des Kommas, war damals aber nicht geregelt worden. Die Kompetenz dazu wurde der Dudenredaktion übertragen. Es wurde sich also beim Beistrich (Beistrich ist die frühere Bezeichnung des Kommas) ein Jahrhundert lang nach den Vorgaben dieses Nachschlagewerks gerichtet. In der in unserer Jetztzeit vorgenommenen Reform, häufig unter dem Titel Rechtschreibung 2000 anzutreffen, gibt es ein spezielles Kapitel zur Zeichensetzung. Es wird in Kommentaren und Erläuterungen dazu von Vereinfachungen beim Komma vor und und oder sowie in Verbindung mit Infinitivgruppen gesprochen. Dem Schreibenden wird hier größere Freiheit eingeräumt. Dadurch hat er mehr Möglichkeiten, dem Lesenden die Gliederung zu verdeutlichen und das Verstehen zu erleichtern. – So in Kommentaren und Erläuterungen. Ist das wirklich so? Wir wollen versuchen, das an Beispielen zu überprüfen und einzuschätzen.

Mit und verbundene Sätze
„Es wurde immer kälter, und der Wind blies von Norden.“ „Nur noch wenige Minuten sind es, und wir können endlich beginnen.“ „Es regnet, und wir bleiben im Zimmer.“ Diese Version der Schreibung von zwei durch und miteinander verbundenen Sätzen (häufig werden die Sätze als Hauptsätze bezeichnet) ist die alte, die konservative, so, wie es vor der Rechtschreibreform vor über 20 Jahren üblich war. Für unsere Zwecke wandeln wir diese Sätze einfach dadurch um, dass wir die Kommas weglassen, und damit haben wir die neue Schreibweise, so, wie sie gemäß der letzten Reform möglich ist: „Es wurde immer kälter und der Wind blies von Norden.“ „Nur noch wenige Minuten sind es und wir können endlich beginnen.“ „Es regnet und wir bleiben im Zimmer.“ Noch ein ganz aktueller Text: „Angela Merkels lange Amtszeit endet und es wird eine neue Regierung gewählt.“ Um es gleich vorweg zu sagen: Mir, dem Schreiberling dieser Zeilen, gefällt diese neue Schreibweise mit dem Weglassen des Kommas bei durch und verbundenen Hauptsätzen nicht. Obwohl sie jetzt gang und gäbe ist. Wenn Sie Zeitung lesen, werden Sie sehr häufig darauf stoßen. Und wenn Sie ganz ehrlich sind, müssen Sie einen ganz klitzekleinen Moment, also wirklich kaum messbare Bruchteile von Mikrosekunden, nachdenken, um zu erkennen, dass der Gedanke des ersten Hauptsatzes zu Ende ist und dass nun ein neuer Gedanke kommt. Hinzu kommt, dass wir es ja häufig mit viel komplizierteren Satzgebilden zu tun haben, mit Verschachtelungen und ähnlichem, nicht nur mit so einfachen, eher für die Schulgrammatik konstruierten Sätzen. Wir waren bisher, vor der Reform, gewöhnt, dass das Bindewort und eine weitere Komponente eines Satzgliedes, sozusagen eine Ergänzung, anschließt. Und wir kennen alle, die die Schule besucht haben, noch die Regel, dass bei Aufzählungen vor und kein Komma steht. In Analogie dazu haben vielleicht die Autoren der Rechtschreibreform 2000 gemeint, dass das dann auch für die Hintereinanderreihung von Sätzen gelten könne. Wenn Sie Hunderte von Seiten eines Romans mit dieser Erscheinung, also dem Wegfall des Kommas bei durch und verbundenen Hauptsätzen, lesen, dann kann die Lesegeschwindigkeit insgesamt etwas gemindert sein, und die lesende Person muss zusätzliche, ermüdende, eigentlich überflüssige Denkarbeit auf sich nehmen, die ihr vom Autor des Geschriebenen aufgebürdet wird, weil er eben auf das Komma verzichtet. Aber durch den Wegfall des Kommas leidet die Übersichtlichkeit, und die Lesegeschwindigkeit verringert sich.
Erweiterter Infinitiv mit zu

„Ich habe keine Lust, ihm zu schreiben.“ „Wir bitten Sie, für eine schnelle Klärung zu sorgen.“ „Er ging weg, ohne ein Wort zu sagen.“ So sehen die Texte gemäß den bis zum Jahre 2000 geltenden Regeln aus. Der Infinitiv, also die Nennform des Tätigkeitsworts, wird in diesen Texten mit zu verbunden und durch ein Objekt (eine Ergänzung) erweitert. Dieser sogenannte erweiterte Infinitiv wurde durch ein Komma vom anderen Teil des Satzes abgetrennt. Auch hier wird dem Schreibenden jetzt eingeräumt, auf das Komma zu verzichten.

Wir haben dann die gleiche Situation wie bei den mit durch und verbundenen Hauptsätzen. Es obliegt der lesenden Person, sich selbst die Erweiterung, das Objekt oder die adverbiale Bestimmung, zu erschließen. Das kann manchmal schwierig sein, wie im folgenden Text erkennbar: „Die EU-Regierungschefs vereinbarten am Abend eine Abstimmung über weitere Sanktionen vorzunehmen.“ Wir spüren, hier muss ein Komma gesetzt werden. Aber wo? Nach vereinbarten? Dann ist der Sinn, dass am Abend die Abstimmung erfolgen soll. Nach am Abend? Das bedeutet dann, dass die Abstimmung später vorgenommen wird. Aufschluss zu diesen Fragen kann nur der Schreiber dieser Mitteilung geben.

Ja, die Antwort auf die Frage zu dem langen Satz über Nawalny: Es besteht kein Grund, hier ein Komma einzufügen.

Ihr Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer
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