Freitag, September 30, 2022
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Wortkunstwerke

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Die Sprache ist unser Vermittlungscode für alles. Nun behaupten manche, es gäbe da sprichwörtlich Dinge zwischen Himmel und Erde, die sich uns Menschen nicht erschließen. Das stimmt. Doch jede Meditation, jede Musik, jede energetische Reaktion, alles, was wir ohne Sprache aufzunehmen vermögen, mündet am Ende doch in eine Selbsterklärung. Wir beschreiben positive Zustände und Erfahrungen, die mit spirituellen Techniken erzeugt wurden. Das Unbewusste wird uns doch bewusst, ob die Worte am Ende auszudrücken vermögen, was wirklich ist, steht auf einem anderen Blatt.

Das Wort

Das Wort, ein seltsam Ding,
das soll so vieles sagen –
doch liegt herum ein Ring
aus tausendfachen Fragen.

Wirf’ es in die Mitte
und jeder wird es sehen.
So tanzt es da zum Kitte
als Wunder am Verstehen.

Es kann verführend singen
und bitterböse schneiden,
zieht gefährlich enge Schlingen
und ist Meister im Verkleiden.

Inhalt bleibt doch Schein.
Zeichen in einer Reihe –
sie sind kein Stück vom Sein,
sondern Glaube einer Weihe.

Das Wort, als ein Konstrukt,
wird häufig unbedacht,
zu schnell ausgespuckt
von anderen belacht.

Die Süße und die Schwere,
das Leichte und die Kraft –
darin ruht Wortes Schere
aus der man alles schafft.

Der ganze Weltenzauber
wohnt in keinem Wort!
Es war die Welt noch sauber,
Namen hatten keinen Ort.

Des Lebens Glück und Übel,
als sie noch nicht benannt,
war’n ohne Geist und Grübel
jungfräulich unerkannt.
Thomas Wischnewski

Sprache und ihr Code, der sich in Worten widerspiegelt, ist die Kunst des Menschen, die Welt zu sehen, sich selbst zu begreifen, Wissenschaft zu betreiben und Ideen zu erzeugen. Poesie, die sich in Lyrik oder Liedtexten zeigt, kann deshalb emotionale Momente erzeugen, weil zahlreiche Worte in den Texten mit den Gefühlserfahrungen ihrer Leser und Hörer zusammenfallen. Im Prinzip könnte man vereinfacht sagen, wer es schafft, in anderen Widerhall von Erfahrungs- oder auch Wissenszuständen zu erzeugen, beherrscht die Wortkunst gut. Rhetorisches Geschick beruht zum größten Teil da-rauf, passende Worte im konkreten Moment aussprechen zu können.

Nun gibt es heute Vertreter einer Überzeugung, die glauben, das Miteinander unter Menschen würde gerechter, wenn sie einen vorhandenen Code mit neuen Zeichen anreichern würden. Das ist am Ende genauso konstruktivistische gedacht, wie dem Ursprungssprachcode Konstruktion unterstellt wird. Die komplette sinnliche Erfahrungswelt oder der Wissensreichtum eines Menschen kann sich nicht in wenigen Zeichen erklären. Anders gesagt, man darf gespannt sein, welche emotionalen Übertragungen entstehen sollten, könnten wir die ganze berühmte Songwelt in heutige Gendersprache übersetzen. Wie viele Möglichkeiten zum Reimen enstehen wohl mehr, wenn mehr Worte auf dieselbe Silbe „in“ endeten? Möglicherweise ist die Vorstellungskraft des Autors an dieser Stelle auch zu klein, um die dann entstehende Schönheit der gerechten Benennung erkennen zu können. Ein Einschub sei noch erlaubt: Gendergerechte Sprache soll traditionelle Rollenmuster aufbrechen, damit Menschen sich darin und in ihren sozialen Geschlechtervorstellungen nicht eingesperrt fühlten. Grundsätzlich ist das eine schöne Idee. Nun muss dann zurückgefragt werden, warum beispielsweise gerade Transsexuelle gerade die Muster des Geschlechtes, in dem sie sich wohlfühlen, übernehmen und am Ende nur für eine Verfestigung der Rollenmuster sorgen.
Zurück zu den Worten, die als pure Kunst begriffen werden. Aktuell erleben wir in ganz Deutschland eine Art Kulturmüdigkeit. Livekonzerte oder Aufführungen der Darstellenden Kunst mangelt es vielfach an Publikum. Es gibt erste Stimmen, die behaupten, die Einschränkungen zur Corona-Pandemie hätten zu einem Entwöhnungseffekt geführt. In der existenziellen Selbstversicherung erklären Kulturakteure permanent ihre Wichtigkeit. Das ist derselbe Mechanismus, in dem sich eine Partei als unabdingbar erklärt.

Natürlich wird Kunst nicht aufhören, aber die Bedingungen, unter der sie entsteht, ändern sich. Die Zahl der Menschen, die weltweit regelmäßig Videospiele spielen ist von 2020 mit rund 2,87 Milliarden auf über 3,1 Mrd. gestiegen. Bis 2025 soll die Hälfte der Menschheit solche Spiele spielen. Selbst Videostreaming hält mit der Entwicklung nicht Schritt. Wie viel Platz wird unter den künftigen Generationen also die Kunst der Worte – Prosa, Drama, Lyrik, Märchen u.v.a.m. noch einnehmen?

Die Wortkunst muss indes nicht schlechter werden. In der sogenannten Hochzeit der deutschen Klassik mit Dichtervertretern wie Goethe und Schiller gab es wesentlich weniger Akteure auf dem Gebiet der Literatur als heute. Nicht solche, die sich redlich um künstlerische Ausdrucksformen mühen, werden aussterben, aber das Konsumverhalten innerhalb der als solcher bezeichneten Hochkultur wird einem Wandel unterliegen. Wie sich die- se Veränderung vollziehen wird, bleibt vorerst offen. Wortkünstler werden da-rüber grübeln, wie sie sich immer wieder neu auszudrücken vermögen und entsprechende Formen finden. Interessant wäre in diesem Zusammenhang, ob solche Vertreter ihr Grübeln und Suchen nach Ideen auch gendergerecht denken können. (tw)

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