Wozu das alles?

Imperativ, Plusquamperfekt, Infinitiv, adverbiale temporale Bestimmung, Akkusativ, Personalpronomen, Relativsatz, Partizip II, Substantivierung, Dativ, Adjektiv, usw. usf. Wozu brauche ich das alles, wird sich mancher fragen. Ich bin Deutscher, ich kann Deutsch lesen und schreiben, mich versteht jeder, und ich verstehe alles, was gesagt wird. Wozu soll ich mich da mit solchen schwierigen theoretischen Dingen und dann noch mit einem Haufen von Fremdwörtern abplagen?

Solche Fragen und Bemerkungen sind erstmal nicht von der Hand zu weisen. Und wenn Sie in den Duden schauen, aber nicht nur in den Teil mit der Auflistung der Wörter, sondern in den Teil der Grammatik – leider, entschuldigen Sie bitte, wissen manche Nutzer des Dudens gar nicht, dass solch ein Grammatikteil existiert –, dann könnte man vielleicht verzweifeln. Denn außer den dort verzeichneten Regeln wimmelt es von Ausnahmen von diesen Regeln. Es ist schwierig, eine Logik zu finden, und wenn man glaubt, auf dem richtigen Wege zu sein, gibt es doch Verwirrungen.
Es geht uns hier um die sogenannte Grammatik (griechisch, „Sprachlehre“). Sie umfasst die Morphologie (Formenlehre; Lehre vom Wort, von den Wortarten und der Beugung der Wörter), die Syntax (Lehre vom Satzbau, also von der Verbindung der Wörter als Satzglieder zu sinnvollen Sätzen) und die Phonetik (Lehre von den Lauten). In den ersten Klassen der Grundschule werden allen Schülern die Grundkenntnisse dieser Grammatik vermittelt, sicherlich nicht mit hochtrabenden Fremdwörtern, aber alle werden mit den Hauptregeln vertraut gemacht. Es wird, auch wenn sich dessen nicht jeder bewusst ist, ein Grundgerüst, ähnlich einem Code, für die Bildung von Sätzen vermittelt. Auf der Basis dieses Gerüsts produzieren wir gesprochene und geschriebene Äußerungen, und im Allgemeinen können wir sicher sein, dass die Angesprochenen, also die Empfänger, die Rezipienten, unsere Äußerungen tatsächlich verstehen. Sehr häufig benutzen wir Muster und Modelle von Äußerungen anderer Menschen, die wir schon gehört oder gelesen haben und die uns als Vorlage dienen.

Betrachten wir zunächst, wie wichtig Sprache überhaupt ist. Die Menschen in der Urzeit lebten bereits in Gemeinschaften, um überleben zu können. Ihre Aktivitäten, z. B. in der Jagd, mussten sie gemeinschaftlich ausführen, sei es, um ein größeres Tier zu erlegen, eine Herde von Wildpferden einen Abhang hinunterzutreiben, sich gegen Angriffe anderer Horden zur Wehr zu setzen usw. Für die Verständigung untereinander war es erforderlich, sich einer Sprache zu bedienen. Auch im Tierreich verständigen sich die Artgenossen untereinander, wenn z. B. ein Löwenrudel einen Angriff auf ein Gnu startet, oder wenn Vogelmännchen durch ihren Gesang die Aufmerksamkeit von Weibchen auf sich ziehen wollen. Die Sprache der Menschen ist, entsprechend ihren vielfältigen Aktivitäten, wesentlich weiter gefächert, und sie ist ständig in Bewegung und muss sich stets den ständig wachsenden Bedürfnissen anpassen. Mit der Weiterentwicklung der Menschheit, mit der Arbeitsteilung, mit dem Privateigentum, wurden immer neue, höhere Anforderungen an die sprachliche Gestaltung von Schriften, Anordnungen und Gesetzen gestellt. Die Herrschenden mussten sicher sein, dass ihre Befehle verstanden wurden. Schriftgelehrte hatten häufig die Aufgabe, Schriftliches abzuschreiben, zu kopieren. Dabei machten sie sich ebenso Gedanken, ob der Text unter ihrer Feder klar und deutlich ist. Sie stellten fest, welche sprachlichen Konstruktionen sich wiederholten. Wiederholungen könnten dann als das Normale angesehen werden. Solche Beobachtungen bildeten die Grundlage für die sogenannte deskriptive Grammatik, also beschreibende Grammatik. Es wird erfasst, welche sprachlichen Konstruktionen häufig auftreten und damit als etwas Normales angesehen werden können. Damit kann die deskriptive Grammatik als Grundlage für die normative Grammatik gelten, das heißt für das Normen- und Regelwerk zur Gestaltung von sinnvollen Sätzen.
Bis weit in das Mittelalter hinein dominierte auf unseren jetzt zu Deutschland gehörenden Territorien die lateinische Sprache. In der Kirche, im Verwaltungswesen, in Gelehrtenkreisen wurde Lateinisch gesprochen. Diese Sprache war bezüglich ihres Aufbaus, ihrer Grammatik, gut beschrieben. Ganz anders sah es jedoch in Bezug auf die deutsche Sprache aus, soweit man überhaupt von einer solchen sprechen konnte. Sie war dem Pöbel und den Bauern vorbehalten, und erst mit der Entwicklung der Städte und des erstarkenden Bürgertums entwickelte sie sich so, dass sie überhaupt Beachtung fand. Und nun versuchten einige Sprachgelehrte, diese sich entwickelnde deutsche Sprache in ein Korsett zu zwängen, nämlich ihr die Grammatik der lateinischen Sprache aufzupfropfen. Ein solches Unternehmen muss aber scheitern! Nicht nur, weil es eine im Vergleich zum Deutschen alte Sprache ist, sondern weil die Unterschiede in der Grammatik zu groß sind. Wohl jeder Schüler ist im Fremdsprachenunterricht schon darauf gestoßen, dass die grammatischen Strukturen der einen Sprache nicht immer einfach auf die andere Sprache übertragen werden können. Was sicherlich aus der mittelalterlichen Zeit geblieben ist, das sind für die Grammatik der deutschen Sprache die vielen Bezeichnungen grammatischer Strukturen aus dem Lateinischen. Nebenbei: Das Streben nach lateinischen oder latinisierten Namen gipfelte in solchen Blüten, dass manche Personen an ihre normalen Familiennamen ein -us oder -ius anfügten oder ihren Namen ganz und gar übersetzten – Agricola heißt also übersetzt Bauer, Frau Avenrius ist Frau Hafermann, der Mercator ist Kaufmann. Positiv ist aber zu vermelden, dass sehr viele Wörter aus dem Lateinischen Eingang in die deutsche Sprache gefunden haben: Alphabet, Logik, Materie, Philosophie, Extrakt, Medizin, Physik. Außerdem kam es zu Lehnübersetzungen wissenschaftlicher Termini: Nenner (denominator), Meerbusen (sinus maritimus), Brennpunkt (punctum ustionis).

Es ist das große Verdienst von Martin Luther, dass er mit der Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache der Entwicklung der deutschen Sprache zu einer einheitlichen Nationalsprache einen bedeutenden Aufschwung gegeben hat. Hinzu kommt die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Johann Gutenberg 1450, wodurch das mühsame Abschreiben von Büchern mit der Hand abgelöst wurde.
Es ist die Grammatik, die im Satzgefüge Verknüpfungen und Beziehungen zwischen Wörtern herstellt und damit Klarheit und Deutlichkeit in unseren Redeäußerungen, schriftlichen wie mündlichen, bewirkt. Dabei sind unzählige Kombinationen möglich, die aber nicht immer genutzt werden. Grundlegende Neuerungen setzen sich, im Gegensatz zum Wortschatz, nur langsam durch. Die Muster der Verbindungen zwischen Wörtern sind im Allgemeinen überschaubar und, wie oben schon gesagt, wiederholen sich und sind durch viele Menschen reproduzierbar. Ihr Auftreten ist mitunter vorhersehbar und erleichtert das sprachliche Verstehen. So, nun können Sie, liebe Leser, mit Ihrem Hund Gassi gehen. Gassi gehen – was hat denn das mit Grammatik zu tun? Dieter Mengwasser |Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

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