Wuchernde Hybris

Der Mensch kann alles erreichen. Seiner Entfaltung sind keine Grenzen gesetzt. Damit einher geht die Zerstörung von Lebensgrundlagen. Im Gegenzug formieren sich Kräfte, die glauben, dem destruktiven Wirken begegnen zu können. Offenbar wächst die Vorstellung, die Menschheit könne überwinden, was sie hervorbrachte. | Von Thomas Wischnewski

Hybris soll eigentlich der Name einer Nymphe, mit der Zeus den Halbgott Pan gezeugt habe, sein. Seit den antiken griechischen Tragödien wird Hybris als ein Auslöser für das Scheitern vieler Protagonisten, die in ihrer Überheblichkeit Gesetze ignorieren, bezeichnet. So antik der mytholoische Ursprung auch mit diesem Namen verbunden ist, überwunden sind Selbstüberschätzung und Anmaßung nicht. Man kann jedenfalls heute den Eindruck haben, dass Hybris eine sehr verbreitete Erscheinung ist. Der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper (1902 – 1994) sagte dazu: „Die Hybris, die uns versuchen lässt, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verführt uns dazu, unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln.“ Und man möchte seinem Ausspruch aus dem Vorwort zum Werk „Das Elend des Historizismus“ in Anbetracht des zerstörerischen Wirkens der Menschheit sofort unterschreiben. Nur begegnen uns Anmaßung und Selbstunterschätzung nicht nur bei der Zerstörung von natürlichem Lebensraum für Pflanzen und Tiere, sondern ebenso in den Vorstellungen, den menschlichen Beutezügen für Rohstoffe und Nahrungsmittel Einhalt zu gebieten. Und dabei wuchern Ideen, die im Kern mit diktatorischen Tendenzen einhergehen.

Im Großen und Ganzen wird uns die zerstörerische Kraft des Menschen bewusst. Bücher, Zeitungen, Dokumentarfilme und TV-Berichte sind voll davon. Täglich fügen sich Nachrichten zu einem Mosaik über Verwüstung und Zerstörung auf dem Planeten Erde zusammen. So verheerend die Widerspiegelungen auch daherkommen, sie alle reflektieren nicht, was die Informationen aus unserem Denken und Schlussfolgern erzeugen. Es entstehen vielfach Ohnmacht, Angst und Hilflosigkeit. Darauf keimen immer öfter Ideologien und Programme, die mit einfachen Lösungen, wie Popper sagt, ein Himmelreich auf Erden versprechen. So ist die Reaktion auf eine Massenfluchtbewegung aus Krisengebieten und Elend, die Abschottung und Zurückdrängung fordert, am Ende nur ein Plazebo, dass keine Gründe für Migrationsbewegungen beseitigt. Genauso hilflos ist die Vorstellung, wir könnten von Deutschland oder Europa aus mit politischen Sonntagsreden Konflikte lösen und vielschichtige historische, wirtschaftliche, ethnische und soziale Ursachen beseitigen.

Man breche die Unmöglichkeit solcher Ansinnen auf die individuelle Ebene herunter. Dazu ein Beispiel: Kürzlich veröffentlichte unsere Redaktion ein Video über eine Neueröffnung eines Einkaufsmarktes in Magdeburg. Sofort kam dazu ein Kommentar, der unterstellte, dass ein baulich ernergieeffizient gestalteter Markt Schwachsinn sei, weil das alte Gebäude abgerissen wäre. Doch das Gebäude, das den Markt zuvor beherbergte, steht noch und wird demnächst neu genutzt. Für den Kommentator ist die Realität um die Ecke erlebbar, aber seine Meinung bildet er sich aus dem virtuellen Ausschnitt und seiner Überzeugung, von bester Nachhaltigkeit getragen zu sein. Auf dieselbe Art und Weise wird heute jede ausufernde Debatte im Internet geführt. Ganz viele angeblich Wissende und von bestimmten Standpunkten überzeugte, prügeln verbal auf alles und jeden ein, von dem sie annehmen, dass ihre guten Absichten unterlaufen werden. Unterstellungsfantasien haben Hochkonjunktur. Sie sind eben nicht nur mit den Worten Fake-News oder Verschwörungtheorien zu erklären, sondern weisen viel mehr auf ein Wahrnehmungsphänomen der vernetzten Menschheit hin.

Im Grunde müssten wir uns eingestehen, dass wir das Ereignisuniversum auf unserem Planeten nicht mit unserem einordnenden Verstand und seinen oft schlichten Benennungsmöglichkeiten erfassen können. Doch wer gibt schon gern zu, dass die Welt nicht für einen Geist begreifbar ist? Genau das ist eine Quelle für moderne Hybris. Und natürlich wird eine Kritik an der eigenen Informationsverarbeitung permanent unterlaufen. Einerseits findet das in der Medienwelt statt, in der natürlich fortlaufend Lösungen kolportiert werden, andererseits sind es Politiker – jeweils aus der Wurzel ihrer Parteiprogrammatik –, die der ganzen Nation oder gar anderen versprechen, entsprechende Lösungen parat zu haben. In einstigen Epochen, als Informationsübermittlung vorrangig lokal oder regional funktionierten, waren Zusammenhänge noch recht gut überschaubar. Heute reden wir zwar aufgrund des gewachsenen Vernetzungspotenzials von der Welt als „globales Dorf“, weil jede Information von überallher auf uns einströmt, aber damit verbundene Details bleiben vielfach verborgen bzw. können kaum erkannt werden. So werden beispielsweise die Bedingungen für den Abbau von Kobalt im Kongo als notwendiger Rohstoff für Batterien angeprangert, aber ausgeblendet bleibt, dass dies keine industriell organisierten Arbeitsbedingungen sind. Dort haben Menschen in Selbstorganisation – und natürlich unter widrigen Umständen – eine Möglichkeit gefunden, sich einen Lebensunterhalt zu verdienen. Wollten wir ihnen dies nach unseren moralischen Vorstellungen verbieten, entzögen wir ihnen wahrscheinlich die einzige Existenzgrundlage. Ansprüche über angemessene Arbeits- und Lebensbedingungen an anderen Orten der Erde werden ständig von irgendjemandem angemeldet. Doch die Welt der anderen lässt sich nicht aus einem deutschen Wolkenkuckucksheim erklären.

Wissenschaft und Fortschritt werden heute genauso als Heilsbringer für viele Menschheitsprobleme angeführt. Oft erhält man den Eindruck, als würde in Kürze auf vielen Gebieten ein technologischer oder Forschungsdurchbruch möglich. Geduld, Durchhaltevermögen und langwierig akribische Arbeit, die vielmehr von Nöten wäre, werden ausgeblendet. So lange die Medizin noch nicht einmal eine Pille gegen einen Schnupfen erfinden kann, ist höchst zweifelhaft, wann der Kampf gegen den Krebs gewonnen werden könnte. Mit Künstlicher Intelligenz wird aktuell häufig die Prophezeiung verknüpft, Probleme lösen zu können. KI selbst kennt gar keine Probleme – es sind aber unsere und viele davon erzeugen sich manchmal aus einem rein geis-tigen Verständnis über einen empfundenen Mangel.

Es ist tief in unserer sozialen Natur verankert, dass wir Gruppen- oder heute gar Weltlösungen anbieten wollen. Jede ideologische Idee – selbst die über Gottes Himmelreich – fußt auf diesem Urmechanismus unseres gesellschaftlichen Wesens. Sie müssen nur nach rechts oder links lauschen – wie oft hören sie da Äußerungen, wie dumm sich doch die Menschen verhalten würden. Sie lernten einfach nicht, sie müssten doch nur dieses oder jenes tun und schon würden sich alle Probleme in Luft auflösen. Man stelle sich nur vor, Ihnen würde man so begegnen. Genau solche Vorstellungen sind die eigentliche Krise. Das Individuum der Moderne kann nicht die unüberschaubare Differenzierung von Arbeitsteilung überblicken. Kein medizinischer Spezialist würde ins Gebiet eines anderen Facharztes hineindoktern. Oft ist das eigene Fachgebiet schon unüberschaubar. In den Köpfen geistern aber mehr und mehr Ideen herum, anderen Lebens- und Verhaltensweisen oktroyieren zu können, damit sich der Planet von der Plage der Menschheit erholt.

Es sei die These gewagt, dass mit zunehmender Informationsexpansion die Lebenszusammenhänge noch schwieriger zu durchschauen sind. Allerdings begegnen wir diesen Möglichkeiten noch immer mit denselben Denk-, Logik- und Bewusstseinsprozessen wie eh und je. Es gibt sogar Menschen, die fordern von anderen ein neues Denken, versagen aber im nächsten Augenblick, wenn man ihnen abverlangt, Denken überhaupt zu erklären. Da Geistesarbeit handwerkliche und handgeschickliche Tätigkeit verdrängt, steigen die Potenziale für Welterklärungen, Lösungsvorschriften und Theorien über einzelne Drahtzieher, die alles und jeden manipulieren könnten. Die Aufklärer über solche angeblichen Manipulationen erkennen vielfach ihre Selbstmanipulation nicht. Deshalb wird die Hybris in der Welt bleiben und weiter destruktiv wirken. Im EU-Parlament gab es schon Vorschläge die „Kirchhoffschen Gesetze“ für Stromkreise zu ändern, weil diese einer ungebremsten Verteilung elektrischer Energie entgegenstünden. Schließlich sei man ja das EU-Parlament und nicht irgendwer. Solche und viele weitere Ansichten machen heute die Runde. Es verbreitet sich ein Virus, als könnten wir den Ursprung, der uns hervorbrachte, bzw. Naturgesetze überlisten. Der wuchernden Hybris werden wir künftig sicher noch oft begegnen. Vielleicht gelingt es Ihnen, zum Weihnachtsfest,die Verbesserung anderer Zeitgenossen abzustreifen und sich am gemeinsamen Erleben zu erfreuen.

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