Dienstag, November 29, 2022

Wüsten-Jackpot und Millionenspiel

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Die Handballer des SC Magdeburg sind in dieser Saison erstmals in den beiden attraktivsten internationalen Wettbewerben vertreten. Mitte Oktober geht es in Saudi-Arabien zunächst um den Super Globe, die inoffizielle Vereinsweltmeisterschaft.

Anno 1997, als alles begann, war es noch ein Turnier mit fünf Mannschaften. Einfach und übersichtlich – in jeder Hinsicht. Nur beim Namen griff der Erfinder, der Handball-Weltverband IHF, gleich ins höchste Regal. Super Globe nannte sich der Wettbewerb hochtrabend. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klaffte damals allerdings eine gewaltige Lücke. Als man sich nämlich in Wien zur Erstauflage traf, zeigte die Creme des Welthandballs den Veranstaltern die kalte Schulter. Und so triumphierten bei der ersten Auflage die Spanier von Cantabria Santander im Finale gegen die Norweger von HK Drammen. Wahrlich nichts, wonach sich der Handball-Fan die Finger leckte. Im geschlagenen Feld Nobodys wie Doosan KyongWol (Südkorea), der HC Bruck (Österreich) und Kawkab Marrakesch. Es sollte fünf Jahre dauern, bis ein zweiter Anlauf unternommen wurde.

Der Weltverband lernte dazu

Eines muss der IHF zugestanden werden: Sie hatte dazugelernt. Nicht nur der Austragungsort änderte sich 2002 (Doha statt Wien), hinzugekommen war vor allem die Erkenntnis, dass sich mit Speck Mäuse fangen lassen, vulgo: nur mit Geld das Interesse der Großen der Branche zu animieren ist. Dieses Kalkül traf sich mit den Vorstellungen ehrgeiziger nahöstlicher Handball-Liebhaber, die den Fokus der Sportart gern einmal auf ihre Region gerichtet haben wollten. Und Geld sollte in dieser Gegend nun wahrlich nicht das Problem Nummer eins darstellen. Einer der ersten, der die Signale erhörte und dem Lockruf aus dem Morgenland folgte, war Bernd-Uwe Hildebrandt, seinerzeit ebenso umtriebiger wie allmächtiger Manager des SC Magdeburg. Es passte prima, dass die Grün-Roten im selben Jahr Gewinner der europäischen Champions League geworden waren. So schienen sie sportlich geradezu prädestiniert, den alten Kontinent zu vertreten.

Noch immer fehlte aber spielstarke Konkurrenz, so dass Optimisten schon davon sprachen, die Reise nach Katar könne für den SCM zu einem Selbstläufer werden. Die Siegprämie schon über dem Wüstensand zu flimmern. Es musste nur noch zugegriffen werden. Das Ganze erwies sich jedoch als eine Fata Morgana. Denn schon ein Ausrutscher der Schützlinge von Meistertrainer Alfred Gislason beim 32:35 gegen den einheimischen Vertreter Al-Sadd SC Doha genügte, um in dem Fünfer-Turnier, bei dem jeder gegen jeden antrat, nur auf dem zweiten Rang zu landen. Es war übrigens jene Zeit, als die Teams aus dem arabischen Raum begannen, sich nur für dieses Turnier Star-Spieler aus anderen Ländern auszuleihen. Als das Team von Alfred Gislason nämlich die El-Sadd-Formation zu Gesicht bekam, stellte sich schnell heraus, dass da profilierte Akteure aus europäischen Spitzenteams eingekauft und einzig und allein für diesen Wettbewerb verpflichtet worden waren. Verboten war das seinerzeit nicht.

Die Botschaft des Geldes wirkte

Es sollte das erste und für 19 Jahre letzte Mal gewesen sein, dass sich der SCM für eine Teilnahme qualifizierte. In der Folge nahm der Super Globe allmählich Fahrt auf. Die Botschaft des Geldes eben. Inzwischen winken allein dem Sieger satte 500.000 Dollar. 2007 und 2010 holte sich der in jener Zeit dominierende spanische Klub Ciudad Real die Trophäe, bevor auch wieder deutsche Vertretungen unter den Gewinnern auftauchten: THW Kiel (2011) und zweimal die Füchse Berlin (2015/2016). Sportlich begann anschließend die Herrschaftszeit des großen FC Barcelona, der mit fünf Pokalerfolgen die Liste der erfolgreichsten Klubs bis heute anführt. Inzwischen wird der Pokal jährlich vergeben, und Doha hatte sich zum Dauergastgeber emporgeschwungen, bevor der Austragungsort 2019 nach Saudi-Arabien wechselte.

Dann kam 2021. Seither ist der 9. Oktober jenes Jahres für immer mit güldenen Lettern ins Geschichtsbuch des Magdeburger Handballs eingetragen. Zum ersten Mal holten sich die Sachsen-Anhalter den inoffiziellen Titel eines Vereinsweltmeisters. In einem denkwürdigen Finale bezwangen sie in Jeddah das Star-Ensemble des Rekordgewinners FC Barcelona mit 33:28 (19:16) – und das unerwartet deutlich. Schon vor dem Endspiel hatte Trainer Bennet Wiegert die Tragweite des Spiels aufgezeigt. „Für uns ist das Finale gegen Barcelona vielleicht sogar eine Jahrhundertchance”, hatte der Coach dem MDR gesagt. Nach klaren Siegen über den katarischen Vertreter Al Duhail (35:29), den Sydney Uni Handball Club (32:20) und Aalborg Handbold (32:30) war der SCM ins Endspiel eingezogen.

Diesmal in Dammam

Geht es nach den Spielern, wollen sie in diesem Jahr genau wieder dorthin. Die erste Stufe ist gemeistert: Denn als Titelverteidiger sind die Magdeburger automatisch für das Turnier gesetzt, das vom 18. bis 23. Oktober erneut in Saudi-Arabien stattfindet. Diesmal ist jedoch nicht Jeddah am Roten Meer Austragungsort, sondern die 4.290 Kilometer Luftlinie von Magdeburg entfernte Hafenstadt Dammam am Persischen Golf. Gespielt wird in der 5.200 Zuschauer fassenden Sports Hall. Erneut winkt dem Gewinner ein attraktiver Wüsten-Jackpot: Mit 500.000 Dollar ist der erste Rang ausgeschrieben. Selbst der Verlierer des Endspiels kann sich noch mit einer Viertelmillion Dollar trösten.

Der wegen Menschenrechtsverletzungen viel kritisierte Golfstaat versucht mit lukrativen Sportveranstaltungen, sein Ansehen aufzubessern. Mit viel Geld holt Saudi-Arabiens Kronprinz Mohammed bin Salman hochkarätige Sport-Events ins Land: darunter die Formel 1, Boxen, Pferderennen und derzeit vor allem Golf. Mit schier unbegrenzten Mitteln wurde gerade eine Konkurrenz-Serie zur amerikanischen PGA-Tour aus dem Boden gestampft, die Golfprofis werden mit bis zu dreistelligen Millionenbeträgen abgeworben. Das Königreich soll als eines der führenden Länder im Sport etabliert werden, verkündete Sportminister Al Faisal jüngst. Dazu gehört genauso die irre (und inzwischen von den zuständigen olympischen Komitees sanktionierte) Idee, 2029 mitten in der Wüste die asiatischen Winterspiele auszutragen.

Jetzt erst einmal ist der Super Globe dran. Neu dabei, dass erstmals zwölf Mannschaften teilnehmen. „Da der Handball immer beliebter wird, wurde das Teilnehmerfeld für diese Ausgabe von zehn auf zwölf Mannschaften aufgestockt”, begründete die IHF die Vergrößerung des Teilnehmerfeldes. Erstmals kommen dabei allein vier Teams aus Europa, unbestritten der Nabel des Welthandballs: Neben Titelverteidiger SC Magdeburg und Champions-League-Sieger FC Barcelona erhielten Benfica Lissabon als Sieger der European League und Lomza Industria Kielce als Finalist der Champions League jeweils eine Wild Card. Der Name einer inoffiziellen Vereinsweltmeisterschaft ist also längst kein Etikettenschwindel mehr. Die zwölf Teams, die sechs Konföderationen vertreten, sind in vier Gruppen aufgeteilt. In der Vorrunde bekommt es der SCM mit Khaleej aus Saudi-Arabien und der Sydney University zu tun. Der Begriff „sicher lösbare Aufgabe“ sollte hier zutreffend sein. Die vier Gruppensieger bestreiten dann die beiden Halbfinals.

Neun Monate Champions League

Zwar nicht am Aschermittwoch, aber nach fünf Tagen ist in Dammam alles vorbei. Der zweite Wettbewerb, in dem der SCM in dieser Saison mitmachen darf, streckt sich dafür über stattliche (und kräfteraubende) neun Monate. Dafür verkörpert die Champions League aber nach Olympia, WM und EM das Non-Plus-Ultra der Ballwerfer schlechthin, ist der wichtigste Wettbewerb des internationalen Handballs für Klubvertretungen – noch ziemlich weit vor der Vereins-WM anzusiedeln. Sie trägt das Prädikat Königsklasse völlig zu Recht. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Ballung von 16 europäischen Top-Teams, von denen nahezu jedes beim Super Globe ganz vorn landen könnte.  

17 lange Jahre mussten die Männer aus Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt warten, bis sie sich endlich wieder einmal für diesen Top-Wettbewerb qualifizieren konnten. Das letzte Aus war im Dezember 2005 gekommen, als sie als Meisterschafts-Dritter das (Mit)Spielrecht erworben, dann jedoch im Achtelfinale mit zwei Niederlagen gegen den FC Barcelona ausschieden. „Wie lange haben wir auf diese Chance gewartet?“, meinte SCM-Coach Bennet Wiegert dieser Tage in einem „Sport-Bild-Interview“. Auch für ihn werde das alles neu sein. „Ich habe noch kein Champions-League-Team gecoacht. Da werden uns Dinge begegnen, die wir noch nicht kennen. Aber das ist doch geil.“

2002 gelang Husarenstück

So richtig „geil“, um mit Wiegert zu sprechen, war es schon einmal an der Elbe, im Frühjahr 2002. Da gelang dem SC Magdeburg ein wahres Husarenstück. Als erstes Bundesliga-Team überhaupt holte die Mannschaft von Alfred Gislason den „Pott“ nach Deutschland. Die Bilder vom Finaltriumph über die Ungarn von KC Veszprém, der Corso in offenen Caprios von der Bördelandhalle, wie sie damals noch hieß, zum Alten Markt und die anschließende ausgelassene Jubelfeier auf dem Rathausbalkon fehlen selbst 20 Jahre später in keinem TV-Sportrückblick, der etwas auf sich hält. In der Tat, es war ein historischer Moment für den deutschen Handball.

Am 27. April 2002 gewann mit dem SC Magdeburg zum ersten Mal ein deutscher Klub die Champions League. Nachdem zuvor insgesamt 13 Mal Mannschaften aus der BRD oder DDR den damaligen Pokal der Landesmeister für sich entscheiden konnten (davon zweimal der SCM), hatte seit Gründung der Champions League 1993 nur der THW Kiel in der Saison 1999/2000 einmal das Endspiel erreicht. Magdeburg hatte 2002 das Hinspiel in Veszprém knapp mit 21:23 verloren und dadurch alle Chancen für das Rückspiel vor heimischem Publikum am Leben gehalten. Die Bördelandhalle glich an jenem Tag einem Hexenkessel, über 8.000 Fans, mehr als Behörden und Feuerwehr eigentlich erlaubten, drängten sich auf den Traversen. Unten auf dem Parkett hielten die Mannen um Kuleschow, Stefansson, Stiebler, Perunisic und Kervadec dem Druck stand und triumphierten mit 25:20. Dass damit ein Stück deutsche Sportgeschichte geschrieben wurde, sei ihnen egal gewesen, meinte Linksaußen Stefan Kretzschmar hinterher: „Ab und zu sagt jemand mal so etwas. Von uns interessiert das aber keinen. Wir wollten nur gewinnen.” Der Champions-League-Sieg sei „wie olympisches Gold mit der Nationalmannschaft“, betonte Torwart Christian Gaudin.

Es gibt richtig gutes Geld

Wer heute, 20 Jahre später, einmal auf die finanzielle Seite dieses Premium-Produkts des Europäischen Handballverbandes (EHF) schaut, wird den historischen Gold-Vergleich des französischen Keepers gar nicht so abwegig empfinden. Die Champions League ist inzwischen wahrlich zu einem Millionenspiel geworden. Allein den Gewinnerscheck ziert eine Eins mit sechs Nullen. Das ist übrigens das Zehnfache dessen, was der SCM im vergangenen Jahr für den Sieg in der European League, dem zweitwichtigsten europäischen Pokalwettbewerb, erhalten hat. Für die 14 Gruppenspiele, die die in zwei Achter-Gruppen aufgeteilten 16 Teilnehmer absolvieren müssen, erhalten sie nach SCM-Angaben zunächst einmal je 140.000 Euro. Hinzu kommen 5.000 Euro pro gewonnenen Punkt. Für jede Partie im Achtel- und Viertelfinale würde es weitere 10.000 Euro geben. Zusätzlich steigen die Punktprämien pro Runde um 2.500 Euro. 

Vier Runden sind in der Gruppenphase nunmehr absolviert. Für den SCM stehen bisher drei Siege und eine Niederlage zu Buche. Dass letztere gegen Paris derart drastisch ausfiel und hinterher viele von einer regelrechten Lektion sprachen, gehörte zu den Dingen, die in einem derartigen Wettbewerb nicht ausbleiben. „Mit unserer Zwischenbilanz sind wir vorerst einmal zufrieden“, resümierte Cheftrainer Bennet Wiegert. „Keiner kann erwarten, dass wir in der Champions League, in der wir neu sind und wo nahezu jeder jeden schlagen kann, wie das Messer durch die Butter marschieren. Sechs Punkte haben wir erst einmal auf dem Konto. Sie können noch ziemlich wertvoll dafür sein, unser Ziel, die K.o.-Phase der besten zwölf Teams, zu erreichen. Ab dann sind Prognosen ohnehin sehr vage.“  

Doppel-Wumms nicht nötig

Geht es um eine Prognose, wer denn diesmal am Ende beim Final-Four im Juni 2023 in Köln die Nase vorn haben könnte, herrscht selbst unter den Wettanbietern noch gehörige Ungewissheit. So weit wagen sie sich zumindest aus der Deckung: Stand heute liegen in den Quoten Titelverteidiger FC Barcelona und der THW Kiel vorn. Den SCM haben die wenigsten auf der Rechnung. Auf die Grün-Roten einen Betrag zu setzen, könnte sich also, einmal rein finanztechnisch gesehen, durchaus lohnen. Bleiben wir jedoch realistisch: Der internationale Doppelauftritt der Wiegert-Schützlinge, so schön er ist und für die Qualität des Teams spricht, er muss ja nicht unbedingt gleich – um einen Vergleich aus der Politik zu bemühen, den ein gewisser Bazooka-Scholz geprägt hat – mit einem Doppel-Wumms enden.

Text: Rudi Bartlitz, Seite 36-37, Kompakt Zeitung Nr. 219

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