WuP: Nichts geht ohne Respekt – 3. Änderungstarifvertrag

Wenn Sie mal einen Tag in einer Pflegeeinrichtung verbringen und dabei verfolgen, was die Mitarbeiter leisten – vom Pflegepersonal bis hin zu den Reinigungskräften –, dann können Sie zumindest ein bisschen nachvollziehen, was hinter dieser Leistung steckt“, sagt Norbert Lendrich, Geschäftsführer der Wohnen und Pflegen Magdeburg gGmbH und Respekt schwingt in seiner Stimme mit. Ein Weg, den zahlreichen Mitarbeitern des Unternehmens Respekt entgegenzubringen, ist, sie angemessen für ihre Arbeit zu entlohnen. Daher wurde vor den Weihnachtsfeiertagen im Dezember 2019 der 3. Änderungstarifvertrag vom Geschäftsführer der Wohnen und Pflegen Magdeburg gGmbH, vom Landesbezirksleiter der Gewerkschaft ver.di, Oliver Greie, und von Gewerkschaftssekretär Thomas Mühlenberg unterschrieben. Bei der feierlichen Unterzeichnung waren nicht nur die Leiter der sieben Pflegeeinrichtungen anwesend, sondern auch Mitglieder des Aufsichtsrates, des Betriebsrates und der Tarifkommission sowie Mitarbeiter aus dem Personal-Bereich und dem Controlling-Bereich.

Eine tarifliche Anpassung der Gehälter wird in jedem Jahr vollzogen“, erklärt Norbert Lendrich. „Doch eine Anpassung in dieser Höhe ist außergewöhnlich.“ Seit dem 1. Januar 2020 erhalten die Mitarbeiter im Bereich der Pflege 10 Prozent mehr Lohn, im nächsten Jahr werden die Gehälter um weitere 5 Prozent erhöht. In allen anderen Bereichen steigen die Gehälter um 7,5 Prozent und 2021 ebenfalls um zusätzliche 5 Prozent. Der Geschäftsführer zieht die Schultern nach oben, hebt die Arme und lässt sie dann wieder sinken. „Wenn ich könnte, würde ich meinen Mitarbeitern noch mehr zahlen“, sagt der gebürtige Thüringer mit optimistischer Miene. „Aber das wäre aus wirtschaftlicher Sicht wenig sinnvoll, zumal die Zuzahlbeträge für die Bewohner damit noch mehr steigen würden und das wäre nicht nur den Bewohnern, sondern auch ihren Angehörigen gegenüber nicht zu rechtfertigen.“

Was das Tauziehen um das Finanzielle betrifft, damit kennt sich Norbert Lendrich aus. Als er 2009 zum Geschäftsführer ernannt wurde, befand sich das Unternehmen in einer schwierigen Situation. „Wohnen und Pflegen ist damals aus einem städtischen Amt heraus entstanden und die Überführung in eine GmbH war alles andere als einfach.“ Nottarifverträge mussten ausgehandelt werden, um einen Verkauf des Pflegeunternehmens zu verhindern. „Etwa 300 Mitarbeiter waren damals betroffen“, erinnert sich der Geschäftsführer. „Ihnen musste ich erklären, warum es sinnvoll ist, auf ein höheres Gehalt zu verzichten. Und ich sehe noch heute den Hausmeister der Einrichtung im Heideweg vor mir, der fragte, warum er und die anderen unterschreiben und gerade mir vertrauen sollten.“ Die einzige Antwort, die Norbert Lendrich dazu einfiel: „Weil mich meine Mutter zu einem anständigen Kerl erzogen hat.“

Von den 300 Mitarbeitern unterschrieb ein Großteil die Arbeitsverträge und viele von ihnen sind auch heute noch bei der Wohnen und Pflegen Magdeburg gGmbH tätig. „Glaubwürdigkeit ist das größte Gut eines Geschäftsführers und die hat mir damals dazu verholfen, so viele Menschen in ein Boot zu holen. Und weil ich diesen Menschen, die vor etwa zehn Jahren auf so vieles verzichtet haben, zu großem Dank verpflichtet bin, ist der Ehrgeiz erwachsen, ihnen das zurückzugeben.“ Doch auch denjenigen, die noch nicht so lange im Unternehmen tätig sind, sollte der nötige Respekt gezollt werden. Norbert Lendrich lehnt sich auf seinem Stuhl zurück. „Abgesehen von den Pflegekräften, die wirklich Unglaubliches leisten, denken wir beispielsweise mal an das Reinigungspersonal: Sie stehen so früh auf, setzen sich in die Straßenbahn, um zur Einrichtung zu gelangen und machen dort alles sauber, bevor der eigentliche Alltag beginnt“, schildert der Geschäftsführer und macht eine kurze Pause, um sich dann auf seinem Stuhl nach vorn zu beugen. „Für sie und alle anderen Mitarbeiter ist das Beste gerade gut genug.“

Und da nach Ansicht des Wahl-Magdeburgers Geld nicht alles, aber ohne Geld alles nichts ist, möchte er neben den finanziellen auch andere Anreize für seine Mitarbeiter bieten. „Wir bemühen uns um eine familiäre Atmosphäre im Unternehmen, veranstalten regelmäßig Mitarbeiterfeiern und bringen uns gegenseitig den nötigen Respekt entgegen.“ Ohne Respekt könne man nicht die richtigen Personalentscheidungen treffen und Personal sei Mangelware. Daher wird bei Wohnen und Pflegen großer Wert darauf gelegt, den eigenen Nachwuchs heranzuziehen. „Soll heißen, wir wollen für unsere Auszubildenden ebenfalls Anreize schaffen, um sie anschließend bei uns im Unternehmen halten zu können.“ Und die Zahlen sprechen dafür: Im vergangenen Jahr wurden 30 Azubis neu eingestellt, insgesamt arbeiten 60 im Unternehmen, die eine angemessene Ausbildungsvergütung erhalten. Und für das aktuelle Ausbildungsjahr gibt es bereits jetzt 10 Bewerber.          

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