Sonntag, August 1, 2021
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Zeitgeschehen: Geschlechterstreit um Namen beenden – Vorschläge zur Güte

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Wie überall gibt es auch in Magdeburg Streit um Straßennamen. Der Geschlechterproporz ist etwa 50 zu 50, aber Frauennamen auf den Straßenschildern sieht man kaum. Von über 1700 Straßen sind 460 nach Männern und 46 nach Frauen benannt. Das ist his-torisch zu erklären. Frauen wurden über Jahrhunderte von wissenschaftlichen und künstlerischen Berufen sowie von politischen Ämtern weitestgehend ausgeschlossen. Sie konnten demzufolge selten Leistungen von historischer Dimension erbringen. Diese Ungerechtigkeit findet ihren Niederschlag in der Unausgewogenheit bei Benennung von Straßen und Institutionen. Nun aber ist ein Problembewusstsein erwacht und alle fortschrittlichen Kräfte sind bedacht, das Unrecht zumindest zu mildern. Es ist klar, dass es in unserer Geschichte eine große Anzahl von Frauen gibt, die es wert wären, geehrt zu werden. Wenn wir alle Möglichkeiten nutzen, könnte Magdeburg eine stark weiblich geprägte Stadt werden. Wenn nicht Magdeburg, wer sonst? Es ist für eine Stadt, die die Wortkomponente „Magd“ im Namen und eine Frau im Stadtwappen hat, sehr naheliegend.

Maximalforderungen helfen nicht

Die Maximalforderung einer parteiübergreifenden Gruppe von 14 Frauen im Stadtrat lautete, dass bis zur Herstellung einer vollständigen(!) Parität ausschließlich frauenwürdigende Straßenbenennungen vergeben werden dürften. Der kürzlich in den Ruhestand verabschiedete Baubeigeordnete Dieter Scheidemann hatte darauf verwiesen, dass dann auf mehr als hundert Jahre kein Mann mehr als Namensgeber infrage käme. Das liegt einfach daran, dass es einen begrenzten Zuwachs von Straßen und Plätzen gibt. Scheidemann wurde erwartungsgemäß für die bloße Nennung einer Tatsache angefeindet. Wenn es um emotional aufgeladene Themen geht, gerät Sachlichkeit unter die Räder. Es ist im Übrigen zu fragen, ob es der Sichtbarmachung von Frauen wirklich nützt, wenn aus arithmetischen Gründen in den abgelegenen Neubaugebieten der Stadt Straßen und Wege an verdienstvolle Frauen erinnern. Es kommt dort kaum jemand hin.

Politikernamen

Politiker möchten Straßen und Plätze gern nach Politikern ihrer eigenen Präferenz benennen. So schlugen manche Stadträte vor, allen Bestrebungen zur Feminisierung des Straßenbildes zum Trotz, Magdeburg sollte je eine Straße nach Dr. Reinhard Höppner (SPD) und Hans-Jochen Tschiche (Bündnis90/Grüne) benennen. Da wird das Thema Straßennahmen noch zusätzlich mit Zündstoff aufgeladen. Auch die Vorschläge, Straßen nach Mildred Scheel, der Frau des früheren FDP-Politikers und Bundespräsidenten (1974 -1979), und Christiane Herzog, Frau des CDU-Politikers und Bundespräsidenten (1994 – 1999) Roman Herzog, zu benennen sind da nicht besonders glücklich. Natürlich soll nicht verkannt werden, dass die genannten Persönlichkeiten jenseits vom Wirken ihrer Ehemänner ein eigenes Lebenswerk vollbracht haben. Mildred Scheel hat die Deutsche Krebshilfe ins Leben gerufen und Christiane Herzog gründete die Christiane-Herzog-Stiftung für Mukoviszidose-Kranke. Dies sind beides sehr segensreiche Institutionen und eine Würdigung der Gründerinnen wäre angemessen. Allerdings steht zu befürchten, dass solche Straßenbenennungen dem eigentlichen Anliegen, der Erhöhung der Frauenpräsenz im Bewusstsein der Bürger, gar nicht so viel nützt wie angestrebt. Eine „Christiane- Herzog-Straße“ würde vermutlich in den Augen der meisten als „Roman-Herzog-seine-Frau-Straße“ gesehen werden und Spötter würden dies wohl auch bewusst so grammatisch grotesk sagen.

Forderungen kreativ begegnen

Man könnte denken, dass es in einer Situation, in der die wichtigsten Straßen und Plätze schon benannt sind und der Zuwachs nur langsam voranschreitet, kaum noch Möglichkeiten gibt, Frauennamen ins Stadtbild zu bringen. Und trotz aller Akzeptanz für die Bevorzugung von Frauennamen, muss es weiterhin möglich sein, Persönlichkeiten, die Hervorragendes für Magdeburg geleistet haben, zu ehren und zwar geschlechtsunabhängig. Aber was tun? Es gibt Beispiele, wie das gehen kann. Als kürzlich unser großer Bildhauer und Maler Heinrich Apel gestorben ist, kam sofort der Wunsch auf, ihn mit einem Straßennamen zu ehren. Die Lösung ist, einen Platz, der bisher ein namenloses Anhängsel der Leiterstraße war, nach dem verdienten Künstler zu benennen. Es gibt also Lösungen. Und so kann man noch viel mehr Möglichkeiten erschließen. Magdeburg muss auf jeden Fall den kürzlich verstorbenen Musikwissenschaftler Dr. Wolf Hobohm ehren. Er hat ganz wesentlich die Wiederentdeckung und Erschließung des Werkes Georg Philipp Telemanns initiiert und somit dazu beigetragen, dass Magdeburg weltweit als Metropole der Barockmusik wahrgenommen wird. Wie wäre es, die bisher namenlosen Wege im Klosterbergegarten, also Orte, die sich in unmittelbarer Nähe zum Gesellschaftshaus mit dem Zentrum für Telemann-Pflege und -Forschung und den Konzertsälen des Hauses befinden, nach Persönlichkeiten der Musikwelt zu benennen? Dr. Wolf Hobohm wäre für den Platz unmittelbar vor dem Gesellschaftshaus zur Gartenseite ein Muss. Aber die anderen Wege sollten nach weiblichen Persönlichkeiten der Musikwelt benannt werden. Fanny Hensel und Clara Schumann stünden für mich ganz oben auf der Liste der Kandidatinnen. Weitere Vorschläge könnte man von den Musikwissenschaftlern des Telemann-Zentrums erbitten. Ich denke, dass Namen, die an dieser Stelle für Wege benutzt werden, auf denen viele Magdeburger und Touristen wandeln, viel eher ins Bewusstsein gelangen, als neue Straßennamen in den jetzt entstehenden Eigenheimsiedlungen am Rande der Stadt.

Frauen gegen Kriege

In unserer Geschichte waren es besonders Frauen, die sich gegen Kriege eingesetzt haben. Auch sie sollte man ehren. Berta von Suttner und Rosa Luxemburg haben in Magdeburg ja schon je eine Straße, aber andere Frauen, die in diesem Sinne gekämpft haben, sind kaum bekannt. Es wäre ein wunderbarer Kontrast, wenn man die Wege rund um das Kriegerdenkmal im Fürstenwallpark nach ihnen benennen würde. Margarethe Lenore Selenka (1860 – 1923), Lida Gustava Heymann (1868 – 1943) und Anita Augspurg 1857 – 1943) wären es wert, geehrt zu werden. Stellvertretend für alle möchte ich Clara Immerwahr (1870 – 1915) vorstellen. Sie promovierte als erste Frau an der Universität Breslau im Fach Physikalische Chemie. Ihre Eheschließung mit Fritz Haber führte zum Ende ihrer Forschungstätigkeit. Sie verurteilte, dass ihr Mann seine Arbeit in den Dienst der Kriegsführung stellte. Er war maßgeblich an der Entwicklung von chemischen Massenvernichtungswaffen beteiligt, die im 1. Weltkrieg erstmals beim Giftgasangriff bei Ypern/Flandern unter seiner Leitung zum Einsatz kamen. Völlig resigniert erschoss sich Immerwahr am 2. Mai 1915, am Morgen vor Habers Abreise zu einem noch größeren Giftgaseinsatz. Seit 1991 verleiht die deutsche Sektion der internationalen „Vereinigung von Ärzten für die Verhütung des Atomkrieges“ eine „Clara-Immerwahr-Auszeichnung“.

Frauen in der Wissenschaft

Es ist großartig, dass Magdeburg seinen Handelshafen zum Wissenschaftshafen umgebaut hat. In diesem Zusammenhang wurden dort Straßen nach Wissenschaftlern benannt: Joseph von Fraunhofer, Werner Heisenberg, Nils Bohr und Otto Hahn. Schade dass Liese Meitner nicht dabei war, denn sie wäre eine ebenbürtige Namensgeberin. Sie hat die theoretischen Grundlagen für die Kernspaltung erarbeitet und Hahns Versuchsanordnung geplant. Als Jüdin musste sie 1938 emigrieren. Otto Hahn kämpfte dafür, dass auch sie einen Nobelpreis bekommt, weil ihre Verdienste gleichrangig waren. Das erfüllte sich leider nicht. Erfreulich ist, dass Otto Hahn immer zu ihr gehalten hat, auch in der NS-Zeit, obwohl das für ihn lebensgefährlich war.

In einem früheren Leserbrief an die Volksstimme hatte ich angeregt, den Platz zwischen Niels-Bohr-Straße, Werner-Heisenberg-Straße, Joseph-von-Fraunhofer-Straße und dem Hafenbecken „Liese-Meitner-Platz“ zu nennen. Alt-OB Dr. Willi Polte informierte mich daraufhin, dass der Platz schon „Charles-de-Gaulle-Platz“ heißt. Ich hatte es übersehen. Kein Wunder. Bei Google-Maps ist er nicht ausgewiesen und bei einer Inaugenscheinnahme kommt man nicht darauf, dass das Areal direkt am Hafenbecken und die beschilderte Platzkomponente zusammengehören. Der Platz ist optisch zweigeteilt. Deshalb trotzdem noch einmal die Anregung, den Teil direkt am Hafenbecken nach der Kernphysikerin zu benennen und den südlichen Teil als Charles-de-Gaulle-Platz zu belassen. Man könnte so ein wunderbares und thematisch schlüssiges Ensemble schaffen. Der „Liese-Meitner-Platz“, mit schattenspendenden Bäumen und mit Bänken ausgestattet, könnte ein Ort sein, wo Tagungsteilnehmer ihre Pausen verbringen. Eine Reihe von Informationstafeln an dieser Stelle könnte verdiente Wissenschaftlerinnen ehren. Ich denke an Emmy Stein und Paula Hertwig, die als erste die mutagene Wirkung von Radiumstrahlen entdeckt haben und die somit die Mütter des Strahlenschutzes sind. Paula Herwig war zudem weltweit die erste Dekanin einer medizinischen Fakultät, nämlich an der Martin-Luther-Universität Halle, also in unserem Bundesland. Auch Rosalind Franklin sollte geehrt werden. Sie gilt als Sinnbild der Unterdrückung der Frauen in der Wissenschaft. Sie hätte den Nobelpreis für die Entschlüsselung der DNA-Struktur verdient, genauso wie James Watson und Francis Crick. Franklin hat ganz entscheidende Befunde geliefert, die Watson und Crick illegal verwendet und – freilich auch genial – damit ihr Modell entwickelt haben. Als Frau durfte Franklin in den 50er Jahren am Londoner King´s College nicht einmal gemeinsam mit den männlichen Akademiker-Kollegen im Casino des Institutes essen gehen. Nun gut, das war in England, aber viel besser war es wohl in der Bonner Republik auch nicht. Wenn im Wissenschaftshafen einmal neue Straßen benannt werden, würde ich mir wünschen, dass die genannten Namen Berücksichtigung finden.

Die feminin geprägte Gartenstadt

Der Stadtrat hat beschlossen, in den öffentlichen Flächen künftig auch Obst und Gemüse anbauen zu lassen. Nach der Idee der „Essbaren Stadt“ soll jedermann unentgeltlich in den Grünanlagen ernten dürfen. Kinder sollen am Rande der Spielplätze Beeren naschen. Eltern, die ihren Kindern zu Recht einbläuen, dass es gefährlich ist, ohne ihre Aufsicht Beeren aus der Natur zu essen, dürften beunruhigt sein, Kinderärzte auch. Schließlich gibt es in den Grünanlagen jede Menge giftige Beeren, wie z. B. die der Eibe, der Berberitze und des Ligusters. Man muss Giftiges und Essbares streng voneinander trennen. Für letzteres könnte man gartenähnliche Areale anlegen und sie klar benennen, womit wir wieder beim Thema „Sichtbarmachung des weibliches Geschlechts“ sind. Luthers Ehefrau pflanzte nicht nur Blumen, sondern baute auch Obst und Gemüse an. Katharina von Bora gilt als die Mutter des Pfarrgartens. Wie wäre es, in Magdeburg „Katharina-von-Bora-Gärten“ einzurichten, etwa unterhalb der Johanniskirche und auch anderswo? Das können Streuobstwiesen sein, ergänzt durch Beerensträucher und natürlich durch Blumen. Und da bringe ich auch gleich noch Hildegard von Bingen ins Spiel, ein Universalgenie, das dichtete, komponierte und Gelehrte zum Thema Heilpflanzen war. Sie hat zwar mit Magdeburg nicht direkt etwas zu tun, aber da unsere Stadt sich zu Recht mit der Geschichte des Mittelalters schmückt, wäre ein „Hildegard-von-Bingen-Garten“ unterhalb des „Klosters Unser Lieben Frauen“ passend und ein attraktiver Ort für Magdeburg und seine Besucher. Wenn man nur wenig Geld zur Verfügung hat, wären ein paar Beete mit Heilkräutern schon ein Gewinn. Wenn man ein großartiges Ensemble schaffen will, könnte man es durch eine Skulptur von ihr ergänzen und durch Tonsäulen, an denen man auf Knopfdruck Hildegard-von-Bingen-Gesänge hören kann. Vielleicht wären ja sogar Magdeburgs Apotheker bereit, ein Sponsoring zu übernehmen, wenn sie ihr Engagement mit kleinen Werbetafeln ausweisen dürften.

Außer dass ihr Vater, Matthäus Merian, viele berühmte Kupferstiche (auch Kriegsbilder) von Magdeburg gefertigt hat, gibt es keine Verbindung von Maria Sibylla Merian (1647 – 1717) zu unserer Stadt. Trotzdem wäre auch sie als Namensgeberin zu empfehlen, denn sie war eine große Wissenschaftlerin und Künstlerin. Sie erforschte die Metamorphose von Schmetterlingen und hinterließ zahlreiche künstlerisch hochwertige kolorierte Stiche von Faltern, deren Raupen und Puppen, sowie von Blumen. Wäre es nicht angemessen, das Schmetterlingshaus im Elbauenpark nach Maria Sibylla Merian zu benennen? Und daneben könnte man gleich noch eine größere Fläche als „Maria-Sibylla-Merian-Garten“ gestalten, also als Biotop, in dem die Förderung von Schmetterlingen und anderen Insekten Priorität hat. Raupen und Käferfraß erwünscht! Dazu brauchte man nektarreiche Blütenpflanzen und ein geeignetes Sortiment an Futterpflanzen für die Raupen, selbst solche, die nach unserem Empfinden gar nicht schön sind, wie z. B. Brennnesseln. Solche Maria-Sibylla-Merian-Gärten sollte es in Magdeburg viele geben. Wir dürfen den Insektenschwund nicht nur beklagen, sondern wir müssen etwas tun. Wenn wir damit eine großartige Frau ehren können, umso besser!

Die vierte Frau im Bunde für diese Gartenträume wäre Loki Schmidt. Sie war nicht nur die Frau eines großartigen Bundeskanzlers, sondern mehr! Sie und die nach ihr benannte Stiftung setzten und setzt sich für den Schutz bedrohter Wildpflanzen ein. Es wäre zu empfehlen, in unseren Grünanlagen Refugien für Wildpflanzen anzulegen und diese als „Loki-Schmidt-Biotope“ auszuweisen. Im einfachsten Falle wären das Wildblumenwiesen, die nur selten gemäht werden. Wenn die Stadt in dieser Richtung etwas ganz Tolles zu Wege bringen wollte, könnte sie einen kleinen Botanischen Garten schaffen, eben einen „Loki-Schmidt-Garten“. Ein passender Ort wäre gleich neben den Gruson-Gewächshäusern, wo es auch einen Teich gibt. Das Gewächshaus-Team könnte die wissenschaftliche Leitung übernehmen. In Magdeburg ein weiblich kanonisiertes Gartenreich zu haben, wäre ein eigenes Kulturgut, das in die Zeit passt und Ausstrahlung besitzt.
Von Reinhardt Szibor

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