Mittwoch, September 28, 2022
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Ziemlich geschlossene Gesellschaft

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Warum Journalisten bei der Mitgliederversammlung des 1. FC Magdeburg nicht
willkommen sind. Von Rudi Bartlitz

Es ist dies die höchst unglückselige Geschichte eines Versuchs, über einen Fußballklub zu berichten – einmal abseits des Rasens. Es fällt schwer, um das gleich vorwegzunehmen, dabei nicht völlig in eine Posse abzugleiten.

Wer also trotz liebgemeinter Warnungen von Kollegen („Die lassen euch doch eh jedes Mal über die Klinge springen.“ „Lasst es sein!“) diesen Versuch unternimmt, sollte sich als erstes an einen sehr alten, nichtdestotrotz sehr weisen Spruch erinnern: Du hast keine Chance, also nutze sie. Der gilt auch für Journalisten, die über die vermeintlich schönste Nebensache der Welt berichten (wollen). Mitgliederversammlungen des 1. FC Magdeburg sind ein solches Corpus Delicti.

Die Geschichte also, die geht so. Der Verein bittet zunächst um eine Akkreditierung. Und obwohl du weißt, du bewegst dich im absoluten Loser-Bereich, meldest du dich trotzdem an. Um dann – so geschehen vor einigen Tagen – nach erfolgreicher Bestätigung (ein rotes Bändchen mit der Nummer „182 104“ bezeugt es) eine Viertelstunde nach Veranstaltungsbeginn zu erfahren: Das Hohe Haus, sprich die Versammlung, hat entschieden, Journalisten seien nicht erwünscht. Wieder einmal. Jährlich grüßt das Murmeltier. Die gutmeinenden Freunde hatten recht behalten. Also, Narrhalla-Marsch und in guter alter Mainzer Fassenacht-Tradition die Frage des Sitzungspräsidenten: Wolle mer se rauslasse?
Die Hoffnung, es könnte diesmal anders werden, gründete sich leichtsinnigerweise auf zwei Dinge. Zum einen auf die rundum Gute-Laune-Stimmung nach dem Zweitliga-Aufstieg. Zum anderen, wir geben es zu, auf moderne Technik, die diesmal beim Stimmauszählen zur Anwendung kam. Vielleicht könnte dies das berühmte Nadelöhr sein, irgendwie durchzuschlüpfen? War es nicht! Dafür gab es aber vom Katheder herab eine vergnügliche Lektion über die Handhabung moderner elektronischer Apparate, die wie von Zauberhand blitzschnell die Voten entscheidungsfreudiger Menschen einsammeln. Nebenbei erhielt der geneigte Besucher bei der Abstimmung vorausgehenden Tests durchaus schon einmal wichtige Informationen. Wir wissen nicht, ob wir die hier ausplaudern dürfen (war ja eine geschlossene Veranstaltung), tun es aber einfach mal. Wer wusste denn bisher schon etwas über heimliche Eisvorlieben der FCM-Mitglieder? Wir verraten es: Vanille kommt allemal vor Schoko! Mango ist chancenlos.

Genug gescherzt. Zum Ernst der Sache. Einstiegsfrage: Warum entscheidet das höchste Forum des FCM, der sonst gern auf seine Transparenz und Offenheit verweist, sich gegen die Anwesenheit von Medien? Antwort: Weil man es kann. Weil Paragraf 2 der Geschäftsordnung, also ganz vorn platziert, die Handhabe dazu liefert. Die Passage besagt: „Alle Versammlungen sind nicht öffentlich.“ Oha. Die erste Vermutung, da wäre beim Redigieren versehentlich ein Satz aus alten DDR-Zeiten hineingeraten, trifft nicht zu. Das Papier stammt vom Oktober 2021. Ein Satz, der, so ergaben Stichproben, in entsprechenden Papieren anderer Vereine in dieser drastischen Form nicht zu finden ist. Nicht bei Traditionsklubs (als der sich der FCM ja versteht) wie Schalke 04 oder dem FC Bayern. Nicht ein- mal beim HFC steht er so explizit. Da hilft selbst der FCM-Nachsatz kaum weiter, „auf Antrag und Beschluss der Versammlung kann die Öffentlichkeit zugelassen werden“. Kann und hätte, Viererkette.

Welch herrliche Geschichten wären eben dieser Öffentlichkeit und der Nachwelt insgesamt verlustig gegangen, wären Medien anderswo hinter den Zaun verwiesen worden. Wie etwa die von Schalke-Faktotum Charly Neumann, der auf dem Podium, statt einen Redebeitrag abzuliefern, plötzlich laut die Vereinshymne anstimmte: „Blau und Weiß, wie lieb ich dich …“ Ähnlichkeit zum Hier und Heute sind beabsichtigt. Oder etwa die Auftritte von Schalkes Ex-Präsident Günter Eichberg, den sie den „Sonnenkönig“ nannten. „De Günna is’n Kamikaze“, raunten sie sich bei den Königsblauen zu. Er verpflichtete Netzer als Berater und Lattek als Trainer. Drunter kam für ihn nichts infrage. Seine Lebensgefährtin, zu jener Zeit nur die „Gräfin“ genannt, ließ auf der Geschäftsstelle Picasso-Bilder aufhängen. „Damit die hier mal kapieren, dass das nicht der Mittelstürmer von Real Madrid ist.“

Ein anderes Mal waren 132 (!) Medienvertreter ins Sportzentrum Schürenkamp gekommen, um der Mitgliederversammlung beizuwohnen. Sie durften bleiben. Alle. In Anbetracht der vielen Presseleute kommentierte der Versammlungsleiter, der unvergessene Jürgen W. Möllemann: „Hier sind mehr Journalisten als bei der Amtseinführung von George Bush als US-Präsident.“ Oder jener denkwürdige Beitrag des Rentners Hans Bitzkowski, der verkündete: „Ich gebe dem Verein 250.000 Mark, wenn ich Präsident werde. Und einen VW-Bus für die Jugend dazu.“ Aber: „Wenn ich nicht gewählt werde, behalte ich mein Geld.“
Beim FC Bayern sorgten jüngst Kontroversen um Marketingaktionen mit Unternehmen aus Katar für tumultartige Zustände bei der Mitgliederzusammenkunft. Dummerweise hat die Öffentlichkeit davon erfahren. Betreutes Wählen, liebe Bayern, geht anders. Die Journalisten notierten eifrig. Zudem war alles per Livestream überall im Land zu besichtigen. Gewollt sogar. Originalton Verein: „Auch Nichtmitglieder können die Veranstaltung live verfolgen, und das sogar kostenlos.“

Außer einem sehnsuchtsvollen Blick gen Schalke und Bayern, was bleibt für Journalisten von einem zumindest für sie unerquicklichen Abend? Wohl nur dies: Die Entscheidung der FCM-Mitglieder – nolens, volens – demütig hinzunehmen. Respektieren muss man sie deshalb noch lange nicht. Oder sollten die ungebetenen Gäste es lieber, im feinsten Denglisch, bei einem souveränen „Sponge over“ belassen? Schwamm drüber. Wir sehen uns nächstes Jahr ohnehin wieder.

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