Zwickmühle Magdeburg: Augen auf und richtig zugezwickt

Vielleicht ist ein Kabarettprogramm genau das Richtige, um auf die vergangenen 30 Jahre zu schauen, auf das deutsch-deutsche Sein. Diesen Eindruck erhält, wer Hans-Günther Pölitz in „Augen auf und durch“ erlebt. Ein Sommerkabarett in der Zwickmühle war angekündigt – Spielzeit statt Sommerpause, um wenigstens etwas von der verlorenen Zeit des Auftrittsverbots während des Corona-Lockdowns aufzuholen. Wichtig für das Kabarett und sein Überleben, aber auch für das Publikum, das reichlich Karten wollte. Kaum angekündigt, schon ausverkauft. Und, um es vorweg zu nehmen, es hat sich gelohnt. Die politisch-satirische Collage, so der Untertitel, zeigte sich als treffsicher durch drei Jahrzehnte. Immer etwas anders als andere – eben nicht Augen zu, sondern auf und durch.
Es beginnt im Heute – mit Abstandsregeln und dem Dank ans Publikum, für den Mut, einen Vertreter der Risikogruppe zu besuchen. Pölitz, Jahrgang 1952, betrachtet die gegenwärtige Situation nicht nur künstlerisch und gekonnt politisch, ebenso persönlich, und das ist neu. Er spricht dabei ganz offensichtlich so manchem im Publikum aus dem Herzen, ebenfalls jenseits der 60.

folgt uns für weitere News

Dann folgt, was wohl nur jemand mit seiner Erfahrung kann: Ein Rückblick der besonderen Art, mit Fakten, die das Wort Erinnerung überschreiben. Erstaunliches bringt er dabei zu Tage. Zieht Vergleiche, die amüsant und manchmal fast erschütternd sind. Was hat sich geändert seit den Demonstrationen 1989? Welche Wünsche haben sich erfüllt, welche Luftblasen sind zerplatzt, was ist gleich geblieben oder geworden? „Ist doch fast alles wieder wie vor der Wende“, sagt Pölitz, schaut in die Runde, spricht von der (Nicht)Reisefreiheit im Lande DDR und fabuliert über „Quarantäne“. Die Älteren erinnern sich. Auch an die leeren Regale, die es bereits Jahrzehnte vor dem Lockdown gab. Der Mann kennt sich aus. Mehr als das. Seine Wissensvielfalt fasziniert. Ebenso die Auswahl von „Zeitzeugen“ via Videoeinblendungen, eigene Programme ebenso wie Auftritte mit der Lach- und Schießgesellschaft darunter. Würde nicht die (technische) Qualität ihr Alter verraten, könnte man sie für heutige halten, so aktuell erscheinen sie.

Satire ist die Macht der Kleinen, um sich zu wehren gegen die Großen, sagt Hans-Günther Pölitz. Der zeigt sich alles andere als klein, wieder einmal. Einer, der zur besten Kabarettszene deutschlandweit gehört wie kaum ein anderer. Einer wie wir ihn brauchen, gerade in schwerer Zeit. Also: Augen auf! Und hin. In die Zwickmühle. B. Ahlert

Vielleicht gefällt dir auch