Dienstag, Juli 5, 2022
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Zwischen Frust und Freude

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Auf den deutschen Handball richten sich derzeit viele Blicke. Weil die Liga Spannung bietet wie selten zuvor. Und weil der neue Bundestrainer Gislason zwar als Hoffnungsträger für mehr Chancen in der Zukunft gilt, das Prozedere seiner Ernennung aber höchst umstritten war. | Von Rudi Bartlitz

Wer dieser Tage zur Handballbundesliga pilgert, bekommt nicht nur etwas geboten. Wenn er obendrein Fan eines der 18 Klubs ist, benötigt er oft zusätzlich starke Nerven – und erhebliche Nehmerqualitäten. Zuweilen wirkt die für viele immer noch stärkste Liga der Welt derzeit wie ein Tollhaus. Da wachsen Underdogs reihenweise über sich hinaus, stürzen Favoriten ab, gleicht die Tabelle einer Achterbahnfahrt. Nach 22 Spieltagen weist das Ranking für den Spitzenreiter (THW Kiel) bereits acht Minuspunkte auf. Und das nach erst zwei Dritteln der Saison. Wer einmal in den Liga-Annalen blättert, sieht, dass diese acht Zähler heute schon mehr sind als sie in den meisten anderen Jahren der spätere Titelträger am Ende auf seinem Konto hatte.

Achtmal ging seit 2009/10 die Meisterschaft mit acht oder weniger Minuspunkten weg. Einsamer Spitzenreiter sind die Kieler, denen 2011/12 das Husarenstück gelang, alle 38 Begegnungen zu gewinnen. Ein Rekord für die Ewigkeit.

So sehr man sich einerseits über diese Ausgeglichenheit – international ein echtes Markenzeichen der höchsten deutschen Klasse – und die damit ein- hergehende Spannung freuen darf, die Betroffenen, die es gerade wieder einmal erwischt hat, sehen das gewiss anders. Ein Beispiel dieser Art war am vergangenen Donnerstag in der Magdeburger Getec-Arena zu besichtigen. Da wirkte Bennet Wiegert, der SCM-Chefcoach, nach der Partie gegen den TSV Hannover, als befinde er sich hinter einer imaginären Nebelwand. Zu sehr hatte den 38-Jährigen offenbar aufgerieben und mitgenommen, was er in den vorausgegangenen eineinhalb Stunden miterleben musste. Da hatte sein Team die Spitzenpartie über 50 Minuten dominiert, zuweilen mit sieben Treffern geführt. Und musste dann in den letzten Sekunden sogar noch froh sein, noch ein 30:30 gerettet zu haben.
Unerklärlich. Ein 0:6-Lauf in den letzten Minuten, und das vor eigenem Publikum! Katastrophale Abspielfehlerwehr. Leichtsinn. Es ging durcheinander wie auf dem berühmten Hühnerhof. Das darf einem Team, das (sicher nicht zu Unrecht) den Anspruch erhebt, zu den Top-Klubs der Liga zu zählen, einfach nicht passieren. Vielen Fans auf den Traversen blieb vor Sprachlosigkeit der Mund offen. Wiegerts erster Satz in der Pressekonferenz: „Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Am besten, man blickt gar nicht auf die Tabelle …

Ja, da hatte der SCM (einschließlich der vorausgegangenen Niederlage in Flensburg) eine große Gelegenheit verpasst, im Titelrennen weiter ganz oben mitzumischen. Bei allem Ärger – in der beschriebenen Ausgeglichenheit der Liga liegen eben auch Chance und Hoffnung. Man erinnert sich: Schon ein- mal in dieser Saison, im Herbst, hatten die Grün-Roten durch mehrere Ausrutscher die Plätze ganz ganz oben scheinbar unerreichbar aus den Augen verloren. Um dann zum Jahreswechsel wieder auf zwei Punkte an Tabellenführer THW Kiel heranzurutschen. Der 32:26-Erfolg zum Auftakt der EHF-Gruppenphase gegen den slowenischen Vertreter Gorenje Velenje könnte da durchaus als Mutmacher dienen.

Es gab noch ein anderes Thema, das die SCM-Familie zuletzt umtrieb: die Berufung Alfred Gislasons zum neuen Bundestrainer. „Ihr“ Alfred, jubelten viele an der Elbe, nun Coach der Nationalmannschaft des größten Handballverbandes der Welt. Ein gutes halbes Jahr genoss Gislason, der einstige Magdeburger und Kieler Erfolgstrainer, die Ruhe und Abgeschiedenheit auf seinem Bauernhof in Wendgräben. Es glich schon einem gehörigen Paukenschlag, andere sprachen sogar von einem Beben, als der Verband Bundestrainer Christian Prokop schasste und den 60- jährigen Isländer zu seinem Nachfolger erkor. Auf den Köthener Prokop folgt nun also ein weiterer Mann aus Sachsen-Anhalt. Nicht nur altersmäßig trennen die beiden knapp zwei Jahrzehnte, es ist eine, wie die „FAZ“ schrieb, „vollständige Kurskorrektur: von einem jungen Team-Entwickler zu einem erfahrenen Chef mit maximaler Autorität“.

Mit der beschaulichen Ruhe im Westfläming, wohin sich Gislason mit seiner Frau in ein altes Bauernhaus zurückgezogen hatte, ist es also schnell wieder vorbei. Die deutsche Mannschaft zu übernehmen, sagte er, sei ein „Traumjob”. Dennoch war es ein überraschendes Angebot an ihn: Gislason hatte selbst nicht damit gerechnet, dass Prokop aussortiert wird. Leisere und lautere Kritik am Ex gab es freilich fortlaufend; etwa weil er es auch im dritten Turnier nicht schaffte, eine Medaille zu holen und dem DHB-Team ein überzeugendes Offensivkonzept zu implementieren. Oder, weil er in einer Auszeit plötzlich den Namen des Spielers Timo Kastening vergaß.

Dennoch sicherte der Verband nach der EM im Januar Prokop zu, mit ihm den Weg nach Olympia zu gehen. Dass sich dies zwei Wochen später ganz anders las, ist, um es gelinde zu sagen, alles andere als ein Ruhmesblatt für den DHB. Es zeigt die innere Zerrissenheit an der Spitze von Verband und Liga-Vereinigung. Zum anderen lag plötzlich die Option Gislason, um den man sich schon 2016 bemüht hatte, kurzzeitig auf dem Tisch. Der DHB griff eigenen Aussagen zufolge in allerletzter Minute zu. Mit dem Isländer, so die Überzeugung, konnte man nicht allzu viel falsch machen: Dreimal hatte der die Champions League gewonnen (zweimal Kiel, einmal Magdeburg), zahlreiche Meisterschaften und Pokale, war fünfmal Trainer des Jahres in Deutschland, kurzum: ein deutlich erfahrenerer Mann als Prokop.

Unter Gislason, so die Hoffnungen der SCM-Anhänger, könnte sich auch für Magdeburger Nationalmannschafts-Kandidaten wieder einiges zum Besseren wenden. Denn natürlich wurde registriert, dass die (sicher nicht allzu zahlreichen) deutschen Stars der Grün-Roten unter Prokop jeher nicht die allerbesten Karten besaßen. Krönung war die Nicht-Berücksichtigung von Matthias Musche bei der EM 2021. Was auch immer die konkreten Gründe beim Links- außen gewesen sein mögen – um rein sportliche allein kann es sich, schaut man auf die Alternative, den Stuttgarter Nobody Patrick Zieker, kaum gehandelt haben.

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