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Wie viele Medien braucht der Mensch

Von Thomas Wischnewski

Der Medienkonsum steigt. Wobei eher der Unterhaltungs- und Zerstreuungssektor auf dem Vormarsch ist. Klassische Nachrichten werden von immer weniger Menschen erzeugt. Die Disruptionen, die wir gesellschaftlich registrieren, haben mehr damit zu tun, wie und wie oft sich Informationen verbreiten. Eine Momentaufnahme zur aktuellen Medienwelt mit keiner guten Perspektive.

Ein paar Zahlen vorweg: statistisch verbringt jeder Deutsche 71 Stunden pro Woche im Internet. Das entspricht etwa zehn Stunden pro Tag. Vor fünf Jahren waren es noch 21 Stunden weniger. Die Altersgruppe der 18- bis 39-Jährigen hängt sogar 93 Stunden pro Woche vor ihren Bildschirmchen. Das sind fast vier ganze Tage und Nächte. In der Arbeitszeit werden durchschnittlich 4,5 Stunden online verbracht. Dies sind die jüngsten Zahlen aus der „Digitalstudie 2023“ der Postbank. Die Menschen haben sich der virtuellen Welt also mehr und mehr selbst ausgeliefert.


Gesellschaftlich registrieren wir fortlaufend Polarisierungen. Auch das politische Klima scheint sich darunter zuzuspitzen. Bisher feste Institutionen der Demokratie wie Parlamente, Parteien und klassische Medien, insbesondere der Öffentlich-rechtliche Rundfunk, werden in ihrer Stellung kritisiert, angezweifelt oder gar abgelehnt. Seitens der Kritiker werden Gründe dafür bei den Medienakteuren selbst gesehen. Entweder sind Beiträge oder ganze Medien etwas zu links in ihren Veröffentlichungen oder sie werden im gegenteiligen, rechten Lager verortet. Allerdings fußen diese Einschätzungen auf einem sich selbst nährenden Prozess. Zweifelsohne ringen Journalisten um ihre Bedeutung. Und diese scheint mit der Zeit geringer zu werden. Ein Hinweis darauf gibt eben die wachsende Nutzungszeit und die zunehmende Anzahl an Menschen, die sich online artikulieren bzw. Inhalte massenhaft weiterverbreiten und das oft genug ohne Prüfung der Quellen oder Behauptungen auf Plausibilität bzw. Wahrheitsgehalt. Sogenannten Fake-News sitzen aber nicht nur Menschen auf, die in einer gefälschten Nachricht die Bestätigung ihrer Ansichten sehen wollen, sondern auch Medienvertreter. Ein jüngeres Beispiel waren Fotos und ein Video über angeblich extra herangefahrene Flüchtlinge beim Kanzlerbesuch im Flutgebiet Mansfeld-Südharz. Hier sollte eine Inszenierungsgeschichte verbreitet werden.

 

Soziale und mediale Infektion

Die Masse an Informationen und ihre schnelle Verbreitung schaffen quasi eine neue Qualität eines Inhaltsraumes, der mit der Abbildung tatsächlicher Geschehnisse nicht mehr in Übereinstimmung gebracht werden kann. Aus der Individualpsychologie weiß man, dass Menschen häufig dazu neigen, Geschehnisse subjektiv auf- oder abzuwerten. Multipliziert sich dieses subjektive Abweichen tausendfach, leuchtet es jedem schnell ein, dass die virtuelle Erregung wenig mit der Realität gemein haben kann.

 

Wir erleben immer öfter eine soziale und moralische Infektion. Bei dem Vorwurf über einen angeblich antisemitischen Vorfall in einem Leipziger Hotel, den Gil Ofarim inszeniert hatte, entstand eine Massenentrüstung, genauso wie bei den Vorwürfen über den Rammstein-Sänger Til Lindemann. Inzwischen gab es viele solcher Beispiele. Aktuell jazzen sich Abertausende an der Enthüllung des Rechercheteams Correctiv über ein Treffen in Potsdam hoch, als würden Staat und Demokratie in Gefahr sein und wir kurz vor der Übernahme von Rechtsradikalen stehen. Medien haben natürlich einen wesentlichen Anteil an einer aufgeheizten Stimmung in der Gesellschaft, insbesondere wenn die Berichterstattung in einer Art und Weise erfolgt, dass einordnende Begriffe Verwendung finden, die Menschengruppen in Schwarz-Weiß- oder Gut-Böse-Lager teilen. Seit Jahren wird hierzulande eine sensible Sprache gefordert. In der politischen Auseinandersetzung ist indes eine Verschärfung zu erleben. Populismusvorwürfe, die ebenso schnell über vereinfachende Beschreibungen erhoben werden, sind in vielen medialen Darstellungen an der Tagesordnung.

 

Wenige journalistische Akteure

Bei Medien ist oft von drei Krisen die Rede: 1. ökonomischer Druck, 2. mangelnde Unterscheidbarkeit, 3. Qualitätsverlust. Die ökonomische Krise ist unbestreitbar. Presse und Rundfunk haben auf dem Werbemarkt verloren. Im Internet gibt es attraktive Alternativen. Die Folge ist, dass Medienunternehmen Stellen abbauen, Kooperationen eingehen oder fusionieren. Die Axel Springer AG investiert lieber außerhalb des Journalismus in Verkaufs-, Such- oder Partnervermittlungsportale. Gemessen an der Anzahl der Menschen, die in sogenannten Sozialen Medien einen Account unterhalten – weltweit sind es inzwischen über fünf Milliarden – sind hauptberufliche Redakteure eine verschwindend geringe Schar. Knapp 22.000 Redakteure waren laut des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ) bei etwa 1.300 Publikumszeitschriften (Zeitungen und Zeitschriften) im Jahr 2020 in Deutschland festangestellt. Dazu kommen rund 22.500 hauptberuflich freie Journalisten. Beim Öffentlich-rechtlichen Rundfunk sind es rund 7.000. Ähnlich hoch ist die Anzahl bei privaten TV- und Radiostationen. Die Mehrzahl der etwa 120.000 journalistisch arbeitenden Menschen in Deutschland ist im Bereich Öffentlichkeitsarbeit tätig. Die Anzahl der Nachrichtenproduzenten und Kommentatoren ist gemessen an den wachsenden Inhalten, die durch Privatpersonen oder Influencer erzeugt werden, eher klein. Auch das verändert die Sicht auf die Welt bzw. gesellschaftliche Geschehnisse.


Allein die zunehmende Quantität an Informationen kann kaum einzig als Gewinn, Wissenszuwachs oder mehr Wahrheitsverbreitung angesehen werden. Im Gegenteil, es kommt zu einer Art Zerfaserung von Informationen beim immer schnelleren Konsum. Selbst in der Wissenschaft weiß man in vielen Fachgebieten, dass die Anzahl an Forschungsveröffentlichungen pro Jahr nicht mehr von einzelnen Forschern überblickt werden kann. Bei den allgemeinen Infos im Netz ist es eben noch schlimmer. Es lässt sich daraus ableiten, dass die freie Mitwirkung von einer wachsenden Anzahl an Individuen im Internet zu mehr Durcheinander und Orientierungslosigkeit führt. Dieser Menge gegenüber ist der Einzelne machtlos. Und dabei ist oft von der sogenannten schweigenden Mehrheit die Rede. Würden also noch mehr Menschen permanent posten, kommentieren und teilen, ist zu vermuten, dass uns die Welt noch unruhiger, katastrophaler und durcheinander erscheinen würde.

 

Reformunfähigkeit beim ÖRR

Nun sollte in diesem medialen Wirrwarr der Öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) so etwas wie ein Fels in der Brandung sein. Das Bild in der Öffentlichkeit hat durch Selbstbedienungsskandale, Ausuferung des Finanzbedarfs, einer häufig moralisch-einordnenden Berichterstattung jedoch gelitten. Der Ruf nach Reformen hallt seit Jahren durchs Land. Wirksame Ergebnisse sind nicht in Sicht. Der ÖRR umfasst Programme des Hörfunks sowie Fernsehens der Sender ARD, ZDF und Deutschlandradio. Im Fernsehen werden über zwanzig Sender gezählt, darunter Voll-, Sparten- und Auslandsprogramme. In der Radiolandschaft existierten im Jahr 2023 74 öffentlich-rechtliche Sender in Deutschland. 1990 wurden noch 42 öffentlich-rechtliche Radiosender gezählt. Inzwischen mischt die Berichterstattung genauso umfangreich im Internet auf allen Kanälen mit. Offenbar macht jedoch Masse noch keine Klasse. Eine Reform des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks bedürfe also nicht nur einer strukturellen, sondern vor allem einer inhaltlichen Veränderung. Anstatt in Geschwindigkeit und Verbreitung überall vornweg zu laufen, sollten Solidität und Glaubwürdigkeit inhaltlicher Maßstab aller Berichterstattung sein. Sich selbst als Qualitätsmedium zu bezeichnen, macht noch keines.


Die jüngsten Veröffentlichungen über Honorare der Spitzenverdiener wie Markus Lanz, der für seine Moderationen knapp 1,9 Millionen Euro pro Jahr erhalte, Fernsehkoch Horst Lichter mit 1,7 Millionen Euro oder bei Oliver Welke („heute-Show“) mit 1,2 Millionen Euro nähren den Ruf eines Selbstbedienungsladens. Auch die Enthüllung im vergangenen Jahr, dass 200 Journalisten des ÖRR in den vergangenen fünf Jahren für die Bundesregierung gearbeitet und dabei ordentlich kassiert haben, ist Wasser auf die Mühlen, dass öffentlich-rechtliche Medien gemeinsame Sache mit der Regierung machen.

 

Schlichte Darstellung gewinnt

Die Welt der Unterhaltung ist derart groß und unübersichtlich geworden, dass Inhalte, die bisher von traditionellen Medienbetrieben erzeugt wurden, ins Hintertreffen geraten. Jede Minute werden weltweit 500 Stunden YouTube-Videos hochgeladen. Das sind jede Stunde 30.000 Stunden und jeden Tag 750.000 Stunden. Und diese Zahlen stammen aus dem Jahr 2019. Vermutlich sind es inzwischen noch mehr Stunden pro Minute. Schließlich kommen pro Sekunde weltweit 8,4 neue Social-Media-Nutzer hinzu.


Es mag vielleicht kurios klingen, aber die zunehmende Nutzung inszenierter Inhalte – und nichts anderes ist die Wiedergabe auf einem elektronischen Gerät – werden Realität, soziale Wirklichkeit und tatsächliches Zusammenwirken von Menschen zurückdrängen. Über den persönlichen zeitlichen Medienkonsum muss jeder selbst entscheiden. Echte Nachrichten haben gegenüber den Unterhaltungsangeboten ohnehin das Nachsehen. Außerdem werden oft nur Überschriften gelesen oder Kurzvideos gesehen. Hintergründe, Zusammenhänge und Komplexität über Geschehnisse lösen sich dabei weiter auf. Die Spaltung oder Polarisierung, die wir registrieren, hat also viel mit unserer eigenen massenhaften und kurzen Nutzung an Infoschnipseln zu tun. Und weil sich die öffentlich-rechtlichen Medienanstalten dieser Nutzungseinfalt vielfach annähern bzw. die Darstellungen übernehmen, können sie auch nicht auf den Status quo „Qualitätsmedien“ pochen. Solche Perlen gibt es natürlich auch im ÖRR, aber die Verbreitung verkürzter und schlichter Darstellungen gewinnt. Mehr Selbstkritik bei Medienleuten als auch bei allen Nutzern zum eigenen Verhalten wäre ein Anfang, um die destruktive Entwicklung wenigstens zu erkennen. Aber Selbstkritik ist schwer. Das zeigt sich oft genug bei Medienvertretern.

Seite 20/21, Kompakt Zeitung Nr. 249