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Wem gehört der Fußball?

Rudi Bartlitz

Über Investoren, über die Macht des Geldes und dessen zerstörerische Wirkung, über die Transformation des Fußballs zu einem gigantischen Geschäft und über ein drohendes Ende der Verbindung zwischen Fans und Vereinen.

Grundsatzfragen sind an sich eine schöne Sache. Sie zu klären ebenfalls. Oft ist dies sogar mit einem Lust-, wenn nicht sogar Erkenntnisgewinn verbunden. Münzt man Grundsatzfragen allerdings auf den Sport um, sagen wir: den Fußball, wird es schon schwieriger. Dann gilt häufig der alte Kalauer: elf Leute, zwölf Meinungen.


Die jüngste, heiß erörterte Grundsatzfrage, die sich angesichts der wochenlangen Proteste in den deutschen Stadien gegen den Einstieg eines Investors in die Profiligen-Vereinigung DFL stellte, lautete: Wem gehört eigentlich der Fußball? Dabei ging es beim Aufbegehren der Fans, das muss vorausgeschickt werden, am Ende gar nicht mehr nur um den Einstieg eines Investors, der von den Befürwortern des Deals übrigens lieber mit dem Euphemismus „strategischer Partner“ umschrieben wird. Es ging um Grundsätzliches.

 

Die weiße Fahne

 

Nun sind Tennisbälle per se nichts Grundsätzliches. Dennoch flogen sie in den letzten Wochen samt Schokomünzen, ferngesteuerten Autos, Modellflugzeugen und sogar verschlissenen Sitzmöbeln auf die Rasenflächen deutscher Arenen. Der Profifußball sah sich mit einer Protestwelle konfrontiert, wie es sie so noch nicht gegeben hatte. Letztlich wussten die Verantwortlichen des Ligaverbandes dem nichts mehr entgegenzusetzen. Sie hissten die weiße Fahne – und beschlossen, den Einstieg eines Investors (CVC Capital Partners mit Sitz in Luxemburg) abzusagen. „Nie war die Macht der Fans größer“, kommentierte der „Spiegel“ diese Entwicklung.


Hinter all dem verbirgt sich die alte, seit der horrenden Kommerzialisierung dieses Sports jetzt aber mit neuer Brisanz gestellte Frage, wem der Fußball denn nun gehöre. Zunächst könnte man meinen, auf den ersten Blick drei unterschiedliche Lager klar auszumachen, die dieses Privileg für sich beanspruchen. Zum einen die Vereine mit ihren Mitgliedern. Zum anderen, vor allem im europäischen Ausland, Kapitalgesellschaften oder sogenannte Oligarchen, die kraft ihres finanziellen Engagements in den Klubs bestimmen. Und zum dritten natürlich die Fans. Dass diese drei teils heftig miteinander konkurrieren, andererseits bei einigen prinzipiellen Fragen auf derselben Seite stehen, macht die Sache für den Außenstehenden relativ undurchsichtig: Wer mit wem? Und wer mit wem auf keinen Fall?

 

Das letzte Wort

 

In Deutschland gibt es einen Mechanismus, der die Vereine vor der Kontrolle (und, wichtiger noch, Einflussnahme) durch Außenstehende schützt. Die sogenannte 50+1-Regel (siehe auch nebenstehenden Beitrag) garantiert, dass die Klubmitglieder stets die Mehrheit, also auch das letzte Wort haben. Das ist demokratisch und das komplette Gegenteil von dem, was zum Beispiel in England praktiziert wird. Dort können die Vereine im Besitz von Investmentfonds sein und demnach als Spekulationsobjekt herhalten. Oder aber zur Verfolgung einer politischen Agenda von Golfstaaten dienen. Als Stichworte mögen hier nur die in europäischen Spitzenklubs agierenden Staatsfonds aus Saudi-Arabien und Katar genannt sein.    


Zurück zur Ausgangsfrage: Wem gehört denn nun der Fußball? Kann er noch, wie oft behauptet, ein Allgemeingut sein, wenn ganze Bevölkerungsgruppen durch exorbitante Eintritts- und Pay-TV-Preise von ihm ferngehalten werden? Und: Muss ein Spieler wirklich 200 Millionen Euro und mehr im Jahr verdienen? Fest steht, dass immer mehr Geld im Fußball steckt und diejenigen, die mit ihm verdienen wollen, immer mehr Gewicht bekommen.

 

Warnendes Beispiel

 

Als warnendes Beispiel dient der deutschen Bundesliga die englische Premier League. Sie ist zwar die bei weitem reichste Liga der Welt, mit den besten Spielern und demnach dem erfolgreichsten Fußball, doch ist die berühmte Fankultur in den 1990er-Jahren Stück für Stück aus den Stadien verdrängt worden. Genau diese Fankultur ist nun, ob sie es so wollte oder nicht, das Alleinstellungsmerkmal der Bundesliga. Keine andere der großen Ligen Europas kann ein derartiges Stadion-erlebnis bieten. Andererseits: Wenn es um die internationale Vermarktung geht, ist die Fankultur offenbar das einzige wirkliche Pfund, das der deutsche Profifußball in die Waagschale werfen kann. So gesehen war die Entscheidung, die Investorengespräche ab- oder zumindest zu unterbrechen, die einzig plausible. Man muss mit den Fans und der Wahl ihrer Mittel nicht immer einer Meinung sein, doch sollte sich der gemeine Fußballfreund, sagen die Befürworter, auch nicht jeden Auswuchs des sogenannten „modernen Fußballs“ gefallen lassen. 

 

Erhebliche Bedenken

 

In diesem Sinne begrüßte auch FCM-Sportgeschäftsführer Otmar Schork, dass es zu keiner Aufnahme von Gesprächen zwischen DFL und CVC gekommen sei. „Von unserer Seite waren erhebliche Bedenken vorhanden, dass diese strategische Partnerschaft, die aus unserer Sicht irgendwann einmal kommen sollte und muss, um Fortschritte für die Liga zu bekommen, in kürzester Zeit abgehandelt werden sollte.” „Bei uns steht der Fußball im Vordergrund“, unterstrich er. Er gehöre, im Sinne der eingangs gestellten Frage, „allen“. Schork weiter: „In unserem Verein den Mitgliedern“. Er gehöre „den Kindern, die gerne Fußball spielen wollen. Er geht über alle Bereiche und den ganzen Amateursport – überall, wo Fußball gespielt wird.“ Ebenso gehöre er den Fans, die die Stadien besuchten und schlichtweg für das runde Leder lebten.
Unübersehbar dennoch: Es verläuft eine Kampflinie zwischen organisierten Fans und jenen Bundesligisten, die einen Investoren-Einstieg wollten – und weiter wollen. Treibende Kraft in dieser kritischen Auseinandersetzung sind die Ultras. Bei ihnen verbindet sich Leidenschaft mit Selbstinszenierung. Zurzeit befinden sie sich vor allem im Kampf um die Deutungshoheit, um Gestaltung von Mitbestimmung und gegen die anhaltende Kommerzdiskussion. Nicht übersehen werden darf dabei allerdings die Rolle jener fundamentalistischen Verweigerer aus den Fanszenen, die meinen, allein ihr Auftreten habe das ganze Investoren-Vorhaben zum Einsturz gebracht.

 

Der große Unterschied

 

Immer wieder verweisen Fans und ihre Vertreter darauf, dass sich das Ballspiel in Deutschland massiv von der Fußball- und Fankultur anderer Länder unterscheide. In Deutschland habe Fußball eine „gesellschaftliche Relevanz”, sagte etwa die Journalistin Mia Guethe („11Freunde“) jüngst in der ARD-Sendung „Hart, aber fair“. Ihre Meinung steht für viele. Und ohne 50+1, fügte sie hinzu, „kappst du die Verbindung zwischen Tribüne und Platz, und dann stirbt das letzte bisschen Fußballkultur, das wir noch haben“. Podcaster Nico Heymer ergänzte: „Während der Corona-Pandemie hat man gelernt, dass Zuschauer auf den Rängen wichtiger sind als Zuschauer vor dem Fernseher.” Die TV-Sender vermarkteten nicht nur den Sport, sondern eben auch die Stimmung und die tollen Bilder aus den Stadien.


DFL-Geschäftsführer Steffen Merkel ist hingegen der Meinung, dass „die Anhänger anerkennen müssen, dass der Fußball nicht nur den Fans gehört.“ Der Fußball, postuliert daraufhin die Gegenseite, reformiere sich jedoch nicht aus sich selbst heraus, es brauche externen Druck. Motto: „Der kann von uns kommen.“ Was passiert denn, wenn keine Fans mehr da sind?, fragt deren Seite. Spielen die Spieler dann begeistert vor leeren Rängen? Zahlen die Investoren teure Werbung, wenn sie keiner sieht? Arbeiten Trainer, Spieler und alle anderen Mitarbeiter dann ehrenamtlich?

 

Gegen Einbahnstraße

 

Der damalige FC-Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hatte vor einigen Jahren konstatiert: „Wir sind leider angekommen an einem Punkt, an dem ich von den Ultras immer nur lese: Wir fordern dies, wir fordern das. Jetzt wollten sie auch Mitsprache bei der Debatte um die Verteilung der TV-Gelder.“ Rummenigge fügte hinzu: „Aber wenn ich immer nur fordere, aber nie bereit bin, Pflichten und auch Verantwortung zu übernehmen, endet das in einer Einbahnstraße.“ Inzwischen gehen die Befürchtungen noch weiter. Der jüngste DFL-Investorenbeschluss, sagt die andere Seite, könne das Selbstbewusstsein der Fan-Szene maßlos befeuern und sie zu immer neuen Forderungen anstacheln. Mit anderen Worten: Die Liga habe sich schlichtweg erpressbar gemacht. Bald gehe es nicht nur gegen „Heuschrecken“-Investoren, sondern um niedrigere Ticket-Preise, Mitbestimmung bei Spielansetzungen oder eben der Verteilung der TV-Gelder, um Einfluss auf die Klub-Philosophie. Einige sehen schon die freie Entscheidung der Vereine, beispielsweise bei ihrer Trainerauswahl, in Gefahr.

 

Am Scheideweg

 

In diesem Spannungsfeld zwischen kommerziellen Interessen und fan-basierten Werten steht die Bundesliga an einem Scheideweg. Die Entscheidungen, die nun getroffen werden, könnten langfristige Auswirkungen auf die Identität und die Richtung des deutschen Fußballs haben. Es bleibt abzuwarten, ob die DFL eine Möglichkeit findet, diesen Konflikt zu lösen, der sowohl die rechtlichen Rahmenbedingungen respektiert als auch dem Willen der Fanbasis gerecht wird. Längst hat sich auch die Wissenschaft der Frage angenommen, wem denn der Fußball letztlich gehöre. „Wir untersuchen, inwieweit die Eigentumsverhältnisse im Fußball die Regeln in den Verbänden beeinflussen“, sagt Professor Mike Geppert, Inhaber des Lehrstuhls Strategisches und Internationales Management an der Uni Jena. Er konstatiert, dass sich die vorherrschenden marktwirtschaftlichen Regeln einzelner Länder im Fußball widerspiegeln. Während in Deutschland mit seiner Idee der sozialen Marktwirtschaft die 50+1 Regel gilt, gelten etwa in England andere Regeln. Dort würde ein freierer Markt erlauben, dass Sportvereine gekauft werden können.

 

Fußball als öffentliches Gut

 

In der Studie der Uni Jena „Who owns football?“ geht es auch um die Frage, in welchem Maße der Fußball als öffentliches Gut anzusehen ist. Geppert konstatiert, dass über diese Frage verstärkt seit etwa 20 Jahren debattiert werde. Ein Beleg für die Bedeutung des Fußballs als öffentliches Gut sei sicherlich die Tatsache, dass die europäischen Ligen trotz Corona mehrheitlich weitergelaufen seien. „Ein wenig hat das etwas von Brot und Spiele“, sagt Geppert.


Wem der Fußball gehöre, schreiben Wissenschaftler der renommierten Schweizer Universität in St. Gallen, sei als „eine der Kernfragen“ dieses Sports anzusehen. Um herauszufinden, warum sich die Dinge so entwickelt haben, wie es viele Fans gar nicht sehen wollen, gelte es, „den Fußball als Geschäft zu betrachten und die grundlegenden Ideen der Managementlehre anzuwenden. Vielen Fans mag der Gedanke zuwider sein, dass sich ihr Sport zunehmend kommerzialisiert. Doch wenn sie den Fußball wieder mitgestalten wollen, müssen sie den Fußball als Geschäft verstehen, ihre Rolle im Fußball finden und aktiv im Gestaltungsprozess des Geschäfts Fußball werden.“

 

Komplexes Machtgefüge

 

Bereits vor rund zehn Jahren war in der juristischen Schriftreihe „Causa Sport“ zu lesen: „Auf dem Platz gilt beim Fußball noch immer 11 gegen 11. Doch das Kräftemessen im Hintergrund wird längst nicht mehr durch Vereine und Fans bestimmt. Die tonangebenden ,Mannschaften` hinter den Kulissen sind ganz andere. Das Fußballspiel und die Tabelle sind gehörigem Einfluss, auch von Konzernen und Investoren, ausgesetzt. Das Machtgefüge ist komplex. Hat der Vorstand mehr Befugnisse als der Aufsichtsrat und haftet er für einen sportlichen Fehleinkauf? Wie sichert der Investor seinen Einfluss beim Trainer und wie lange gibt es noch die 50+1-Regelung?“ Es geht sogar so weit: „Welche Rolle spielt das Thema Korruption in den undurchsichtigen Strukturen der Profiligen?“


In Deutschland erhält der Disput um den Stellenwert des Fußballs zudem eine zusätzliche Note. Hierzulande gilt der Kicker-Sport vielen nämlich als ein nationales Kulturgut; ein Tatbestand, den Übereifrige in ihren Höhenflügen sogar gern im Grundgesetz verankert sähen. Fußball sei nicht zuletzt Kultur, heißt es, weil er ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Erinnerungskultur ist, in der sich sportliche mit gesellschaftlichen und politischen Ereignissen verbinden. Gern wird in diesem Zusammenhang auf die Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz verwiesen, als der Titelgewinn des Herberger-Teams für viele als eine zweite Geburtsstunde der neuen deutschen Republik galt. „Fußball“, schränkt zwar der angesehene deutsche Sportphilosoph Gunter Gebauer ein, „ist weder eine Institution der politischen Geschichte noch eine der hohen Kultur.“ Dennoch fügt er hinzu: „Er füllt jedoch im nationalen Symbolhaushalt eine Stelle aus, die sonst leer bleiben würde“.

 

„Keiner wundert sich“

 

Schon vor weiland zwei Jahrzehnten fragte Deutschlands Trainer-Legende Jürgen Klopp: „Wo verändert sich so wenig, wo kann man im Grunde immer Kind bleiben?“ Um sich selbst die Antwort zu geben: „Das bietet nur der Fußball. Hier kannst du lachen und heulen und die Arme hochreißen und kindisch sein – und keiner wundert sich!“ Prima gesagt. Ach, wenn es sich doch alles nur auf diese Faktoren reduzieren ließe! Dann könnte es – um auf die Eingangsfrage zurückzukommen – so ziemlich egal sein, wem der Fußball gehört. Dann könnte sogar die Antwort, er gehöre allen, mehrheitsfähig werden.

 

KOMPAKT
Fußball und Wirtschaft

Die Zahl der Kapitalgesellschaften im deutschen Fußball nimmt immer mehr zu. Im vergangenen Jahr waren nur noch 22 Prozent der Klubs als Verein am Kampf um die Bundesliga-Meisterschaft beteiligt. 78 Prozent nahmen als Kapitalgesellschaft teil. Interessant ist, dass die in der Bundesliga populärste Gesellschaftsform der GmbH & Co. KG aA ansonsten im Wirtschaftsleben nur selten vorkommt. Lizensierte Klubs können auch an einer Börse gelistet werden und sich dort mit Eigenkapital versorgen. In diesem Fall kann sich ein größerer Investoren- und Fankreis durch einen gewöhnlichen Aktienkauf an der Fußball-AG und -GmbH & Co. KG aA beteiligen. In Deutschland haben zunächst nur zwei Klubs den Schritt aufs Börsenparkett gewagt, Borussia Dortmund und Drittligist (!) Spielvereinigung Unterhaching.


An lizensierten Kapitalgesellschaften sind Investoren beteiligt. Der DFB hat aber die Schleusen für sportinteressierte Investoren nicht komplett geöffnet. Anders als im europäischen Ausland können in Deutschland weder Private Equity-Investoren noch einzelne reiche Oligarchen ganze Klubs unter ihre Kontrolle bringen. Ihr Einfluss wird durch die vom DFB geschaffene 50+1-Regel beschränkt. Mit ihr wurde ein sportpolitischer Kompromiss geschaffen. Die Profivereine sind nur dann in der DFL spielberechtigt, wenn sie rechtlich unabhängig bleiben. Konkret heißt das, dass der Mutterverein, der seine Lizenzspielerabteilung in eine Kapitalgesellschaft umgewandelt hat, an dieser grundsätzlich mehrheitlich beteiligt bleiben muss. Der Verein muss also über 50 % der Stimmrechte zuzüglich eines Stimmrechts (also „50+1“) verfügen.

Seite 32, Kompakt Zeitung Nr. 251, 6. März 2024

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