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Ich spreche Deutsch:
Gedanken und Vergleiche

Dieter Mengwasser - Dipl.-Dolmetscher und -Übersetzer

Im Jahre 2017 war der jetzige Präsident Frankreichs Emanuel Macron für seine neugegründete Bewegung „En Marche“ auf Wahlkampftour. Sie führte ihn auch in das Städtchen Villers-Cotterêts in der Region Aisne, östlich von Paris gelegen. Alexandre Dumas, Autor spannender Romane, darunter „Der Graf von Monte Christo“, ist hier geboren. Beim Rundgang durch den Ort von rund 10.000 Einwohnern kamen Macron und seine Begleiter an einem Schloss vorbei, dessen schlechter Zustand nicht zu übersehen war. Der Innenhof konnte nicht betreten werden, es bestand Einsturzgefahr. Vernachlässigtes materielles und historisches Erbe, das durfte nicht so einfach hingenommen werden. Zumal diese Stätte in früheren Jahrhunderten als Lust- und Jagdschloss königlicher Familien diente.

 

Am 30. Oktober war Macron wieder in diesem kleinen Städtchen Villers-Cotterêts. Dieses Mal als Präsident nach seiner Wiederwahl in der zweiten Amtsperiode. Und dieses Mal auf dem Innenhof des Schlosses mit einer feierlichen Rede vor auserwähltem Publikum. Er eröffnete hier das mit großem Aufwand restaurierte Schloss als „Internationale Stätte der französischen Sprache“ (Cité internationale de la langue française).

 

Was hat das alles nun mit unserer Kolumne „Ich spreche Deutsch“ zu tun? Im nachstehenden Text wollen wir einige Auszüge aus der Rede des französischen Staatspräsidenten bringen, und Sie, liebe Leserinnen und Leser, könnten sich fragen, ob bei uns in Deutschland eine so hohe Persönlichkeit des öffentlichen Lebens sich jemals über unsere deutsche Sprache geäußert hat oder sich dazu äußern würde und ob wir – bei allen gegenwärtigen Schwierigkeiten – unserer Muttersprache überhaupt einen solch hohen Stellenwert beimessen.

 

Betrachten wir doch einige Kernsätze aus der Rede Macrons, die nicht nur für die französische Sprache zutreffen, sondern auch für unsere eigene deutsche Sprache.

 

Vorerst ist zu erwähnen, dass im Artikel 2 der französischen Verfassung geschrieben steht, dass „die Sprache der Republik das Französische ist“, und im Gesetz Nr. 94-665 vom 4. August 1994 wird ausdrücklich verfügt, dass die Sprache der öffentlichen Dienste das Französische ist. Zum Vergleich mit den Verhältnissen bei uns in Deutschland: Nirgendwo in unserer Verfassung, also dem Grundgesetz, ist festgehalten, dass die deutsche Sprache Nationalsprache ist und dementsprechend im öffentlichen Verkehr anzuwenden ist. Auch nicht bei der Gründung des Kaiserreichs 1871, auch nicht 1919 in der Weimarer Verfassung, und ebenfalls nicht im Grundgesetz der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland wird Bezug auf die deutsche Sprache genommen. Wahrscheinlich wurde davon ausgegangen, dass sich die im Verlaufe von rund 1.000 Jahren herausgebildete deutsche Sprache so fest installiert hat, dass sie durch alle Einwohner des Reiches bzw. des Landes verstanden und gesprochen wird und deshalb auch keine besondere Erwähnung in den Verfassungen notwendig war. Die Zahl der Ausländer, die Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben könnten, kann sicherlich für die Jahre der Reichsgründung 1871 und der Gründung der beiden Staaten BRD und DDR 1949 vollständig vernachlässigt werden.


Macron greift die Gedanken auf, die andere zu einer Sprache vor ihm bereits geäußert haben: „Eine Sprache kann man nicht in ein Museum stecken.“ Ja, eine Sprache ist wie ein lebendes Wesen, sie ist keine abgeschlossene Konserve, sie ist ständig im Wandel. Und sie wird auch in der Politik gebraucht: „Denn die französische Sprache schafft die Einheit der Nation, und die französische Sprache ist eine Sprache von Freiheit und Universalismus.“

 

Diese Aussage soll auch dazu dienen, das Projekt der Gründung dieser Stätte der Frankophonie in dem besagten Schloss zu rechtfertigen, hat doch die Renovierung der alten Gebäude riesige Geldsummen gekostet. Aber eben gerade an diesem Ort hat der französische König Franz I. (François I.) im Jahre 1539 die Verordnung erlassen, dass das Französische die einheitliche Sprache des Landes, der Justiz und der Verwaltungsorgane ist. Diese Hervorhebung der Sprache sollte auch dazu dienen, den Machtanspruch des Herrschers gegenüber den Fürsten, die ihre Selbstständigkeit in ihren bisherigen Herzogtümern beibehalten wollten, zu bekräftigen. Macron greift dies auf: „Wir sind ein Land, das sich durch die Sprache vereinigt hat.“ Er verweist darauf, dass damals, im Mittelalter, mit dieser Sprache auch das gemeine Volk einbezogen wurde und Justiz und Klerus auf das bisher übliche Latein zu verzichten hatten.

 

„Die Sprache ist schon immer ein kontroverses Objekt gewesen, und dass es leidenschaftliche Debatten über die französische Sprache gibt, ist ein Zeichen guter Gesundheit.“ Tatsächlich ist aber auch die französische Sprache Angriffen ausgesetzt. Schon 1962 schrieb der damalige Präsident Charles de Gaulle an seinen Verteidigungsminister: „…  Ich habe festgestellt, dass insbesondere auf militärischem Gebiet ein exzessiver Gebrauch der angelsächsischen Terminologie besteht. Ich wäre Ihnen verbunden, wenn Sie Instruktionen geben, dass die ausländischen Begriffe jedes Mal unterlassen werden, wenn eine französische Vokabel eingesetzt werden kann…“

 

Nun gibt es in Frankreich bereits seit 1634 die Académie française. Angeregt wurde diese Einrichtung durch Kardinal Richelieu, Erster Staatsminister, dessen wesentliches innenpolitische Ziel die Stärkung der königlichen Zentralmacht war. Entgegen dem, was wir in Deutschland unter Akademie verstehen, ist diese Académie française eine Institution, deren alleinige Aufgabe in der Vereinheitlichung und Pflege der französischen Sprache besteht, also den Gebrauch, den Wortschatz und die Grammatik der Sprache zu überwachen. Ihre 40 Mitglieder werden auf Lebenszeit berufen; es sind im Wesentlichen Dichter, Schriftsteller, Philosophen, aber auch Schauspieler, Politiker, Geistliche und Wissenschaftler. Ein gewisses Versagen dieser Einrichtung lässt sich sicherlich nicht leugnen – siehe den Brief von de Gaulle. Und auch im Alltagsleben der Franzosen ist der Vormarsch englischer Ausdrücke unübersehbar. ‚weekend‘ als maskulines Substantiv in der Bedeutung ‚Wochenende‘ ist voll in der Öffentlichkeit und in den Wörterbüchern akzeptiert. ‚C’est cool‘ ist üblich. (Für Freunde der französischen Sprache: Nach ‚C’est cool que‘ folgt der Subjonctif. Beispiel: ‚C’est cool que tu sois là‘ – ‚Schön, dass du da bist.‘). Im Allgemeinen jedoch, so ist unsere Einschätzung, ist der Einfluss des Englischen auf den französischen Wortschatz geringer als der auf unseren deutschen Wortschatz. So wurde zu Zeiten der Corona-Pandemie von ‚confinement‘ gesprochen, während es bei uns den ‚Lockdown‘ gab.

 

„… Die Sprache muss leben können, sich von anderen inspirieren lassen, Wörter stehlen, auch vom anderen Ende der Welt, … sich erfinden, dabei aber die Grundlagen, die Sockel ihrer Grammatik, die Kraft der Syntax beibehalten und nicht den Launen der Zeit nachgeben.“

 

Ohne den Begriff ‚Gendern‘ zu erwähnen, hat sich Macron zu diesbezüglichen Tendenzen so geäußert: „In unserer Sprache ist das Maskulinum geschlechtslos. Es ist nicht nötig, hier Punkte oder Zwischenstücke inmitten des Wortes zuzufügen …“
Am selben Tag des 30. Oktober hat der Senat, das Parlament ähnlich dem britischen Oberhaus, in erster Lesung einen Gesetzesvorschlag angenommen, mit dem die französische Sprache vor den Auswüchsen der sogenannten Inklusivschreibweise geschützt werden soll. Unter Inklusivschreibweise ist praktisch das zu verstehen, was wir bei uns als ‘Gendern’ bezeichnen. Dieser Gesetzesvorschlag wird an die Nationalversammlung zur Abstimmung weitergeleitet. 
Auf der Welt sprechen rund 320 Millionen Menschen Französisch. Macron verhehlt nicht, dass diese Tatsache ein Ergebnis von Gewalt und Zwang ist. Denn Frankreich hatte in seiner Vergangenheit ein großes Kolonialreich – das zweite hinter Großbritannien – mit Unterdrückung und Ausbeutung vieler Völker geschaffen. Ehemalige Kolonien sind jetzt frei und unabhängig, aber sie bleiben beim Gebrauch der französischen Sprache. Und der französische Staat ist bemüht, dass sie diese Sprache auch weiterhin beibehalten und pflegen. Regelmäßig gibt es Kampagnen der Francophonie in und mit diesen Ländern; zahlreich sind die Zulassungen von Studenten aus solchen Ländern an französischen Bildungseinrichtungen.
Nun, liebe Leserinnen und Leser, gibt es etwas zu lernen von den Franzosen, etwas zu übernehmen, etwas besser zu machen oder einfach nur zu diskutieren, kann die dortige Sprachenpolitik Vorbild sein für unsere deutsche Sprache?

 

 

Buch-Tipp: Die Beiträge von Dieter Mengwasser sind als Buch unter dem Titel „Ich spreche Deutsch! – Sprachbetrachtungen eines Sprachkundigen“ erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.

Seite 42, Kompakt Zeitung Nr. 246, 10. Dezember 2023