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A Never Ending Story

Rudi Bartlitz

Der unendlichen Geschichte der Überbelastung im Handball und deren Folgen ist nach der WM ein neues Kapitel hinzugefügt worden. Diesmal trifft es insbesondere den SC Magdeburg.

Foto: Peter Gercke

Es passierte alles binnen drei Wochen: Erst der Verlust des Isländers Omar Ingi Magnusson bei der WM (Fersen-Operation), dann der schwere Knie-Schaden des Dänen Magnus Saugstrup im Pokal-Kracher gegen den THW Kiel – kaum eine Woche nach Ende des Weltchampionats. Den deutschen Meister SCM traf es mit dem Ausfall zweier absoluter Top-Spieler diesmal wahrlich knüppeldick. Ob beide in dieser Saison noch einmal eingesetzt werden können, scheint höchst fraglich. Traurig, aber wahr: Das bleibende Bild des Handballs dieser Tage waren nicht spektakuläre Treffer oder Torhüterparaden, sondern der vor Schmerzen, Wut und Verzweiflung schreiende Magdeburger Kreisläufer.


Und sofort war sie wieder da, die Diskussion über Verletzungen als Folge von Überbelastungen. In sachsen-anhaltischen Breiten diesmal noch intensiver als zuvor, denn die Einschläge sind unmittelbar zu spüren. Gerade in einer Zeit, da in Meisterschaft, Pokal und Champions League die Entscheidungen heranreifen. Und es betraf bei weitem nicht nur deutsche Klubs: Der dänische Superstar Mikkel Hansen wurde nach der WM mit Stresssymptomen für unbestimmte Zeit krankgeschrieben. Hansen, ein Bär von einem Mann, traf die Entscheidung in Absprache mit Familie, Ärzten und Verein. „Nach der Rückkehr vom WM-Finale schien der Kelch bei ihm voll zu sein.“, sagte Aalborgs Präsident.


Dass die Themen Verletzungen und Belastungssteuerung keine neuen sind, steht außer Frage. Gleichzeitig ist es aber nur schwer nachzuvollziehen, dass die Nationalspieler bei einem Großturnier neun Partien in gut zwei Wochen absolvieren und nur drei, vier Tage später erneut beim Training erscheinen müssen, weil der Spielbetrieb unmittelbar fortgesetzt wird – als wäre nichts geschehen. Sarkasmus macht sich breit. „Ist einfach clever, sechs Tage nach so einer WM wieder weiterzuspielen“, kommentierte einer und ergänzte: „Traurig, dass sich der Sport so selbst im Weg steht und sich nie was ändern wird.“


Wie immer nach den jährlich ausgetragenen Großveranstaltungen EM und WM ist der Blick geschärft: Sind Verletzungen die Folgen von Überbelastung? Kann man es verantworten, Profis mit drei Tagen Pause nach neun Spielen in 17 Tagen wieder in den Betrieb aus Liga, Pokal und Europapokal zu stecken? Einem Nationalspieler sei die Belastung zuzumuten, alle drei Tage, oder wie bei der WM gar alle zwei Tage, zu spielen, sagt Philip Lübke, der Arzt der Nationalmannschaft: „Es ist viel, aber nicht zu viel. Es sind austrainierte Spitzenathleten, die diese Belastung kennen.“ Wichtig seien Pausen im Spiel und die Arbeit der Masseure zwischen den Spielen. Also: Bessere Pflege bei gleicher Belastung als Lösung? Wirklich?


Die Pause nach der WM war sehr kurz – zu kurz, findet Dänen-Star Mathias Gidsel von den Berliner Füchsen. „Es ist etwas komplett falsch. Nicht nur hier. Es macht einfach keinen Sinn, so kurz nach dem Turnier wieder zu spielen“, klagte der 23-jährige Däne, ausgezeichnet als wertvollster Spieler bei der Weltmeisterschaft. Wenig Verständnis für diese Terminhatz gibt es überall in Spielerkreisen. Schon während der WM monierte der deutsche Spielmacher Juri Knorr: „Ich verstehe diesen Modus nicht. Jeder, der Profisport auf diesem Niveau macht, weiß, wie intensiv die Spiele sind. Es ist gefährlich für uns und für unseren Körper.“


Auffällig ist, dass immer weniger Protagonisten überhaupt noch bereit sind, das Thema öffentlich anzufassen. Es hat sich Fatalismus breitgemacht. „Das besser zu lösen ist nicht meine Aufgabe“, zitiert die „FAZ“ SCM-Coach Bennet Wiegert, „Ich möchte auch viele Spiele vor tollem Publikum haben. Aber ich sehe den physischen und den nicht zu unterschätzenden mentalen Stress der Spieler.“ Gudjon Valur Sigurdsson, Trainer vom VfL Gummersbach, sagte der „Sportschau“: „In dieses schwarze Loch werde ich jetzt nicht einsteigen. Ich habe 20 Jahre als Spieler mitgemacht, jetzt bin ich Trainer. Ich verstehe meine Kollegen, die auch in internationalen Wettbewerben dabei sind und alle drei, vier Tage ein Spiel haben. Es ist ein ewiges Thema, das werden wir nicht heute lösen.“

 

„Die Jungs reißen ein Pensum ab, das nicht mehr zu verantworten ist”, sagt Stefan Kretzschmar, der selbst 218-mal das Deutschland-Trikot überstreifen durfte. „Aber da ist ja ein ständiges Ziehen an den Spielern zwischen Nationalmannschaft und Verein, zwischen Liga, EHF und IHF. Da ist es schwer vorstellbar, dass jemand Abstriche macht.” Eine Lösung sieht der ehemalige SCM-Linksaußen nur in einem Konsens, der alle Seiten einschließt. Eine kleinere Liga, Verzicht auf Qualifikationsspiele, Reduzierung der Champions-League-Teilnehmer, etc. „Das müssten dann aber alle im Gleichschritt machen”, merkt Kretzschmar. Es klingt wenig hoffnungsvoll.


Tatsache ist: Die internationalen Verbände EHF und IHF blähen ihre Turniere weiter auf. Alle zwölf Monate ein Highlight (WM, EM), jedes vierte Jahr (wegen Olympia) sogar zwei. Jetzt bei der Handball-WM waren erneut 32 Nationen am Start. Auch bei der EM spielen mittlerweile 20 Länder mit, was umso mehr Partien für die meisten Beteiligten zur Folge hat. Es ist zur Regel geworden, die Turniere in mehreren Ländern auszutragen. Heißt: noch mehr Reisestrapazen. Von den internationalen Verbänden, die eigentlich Wohl und Wehe ihrer Sportart verpflichtet wären, ist keine Hilfe zu erwarten. Eher ist das Gegenteil der Fall. Sie gießen, in ihrer Gier nach Geld und TV-Übertragungen, noch zusätzlich Öl ins Feuer.


Was also tun? Wäre, auf Deutschland bezogen, ein Play-off-System in der Liga mit weniger Spielen eine Lösung? Der Geschäftsführer der Bundesliga-Vereinigung, Frank Bohmann, sagt: „Das Thema Überbelastung trifft vor allem die Spitzenklubs. Die anderen wollen aus finanziellen Gründen auf keinen Fall eine kleinere Liga. Die hätten gern mehr Heimspiele als weniger.“ Tatsächlich ist das Programm für Wetzlar, Stuttgart oder Leipzig überschaubar, sie stellen auch deutlich weniger Nationalspieler ab. Bohmann rät den Topklubs seit Langem, Verletzungen vorzubeugen, indem sie ihre Kader vergrößern. Dem entgegnen die Vereine, dass es an Geld fehle. Trainer wie Flensburgs Mike Machulla bezweifeln den Nutzen von 20 Mann im Kader: „Was soll ich mit so vielen Spielern im Training?“ Zudem erscheint fragwürdig, Akteure für den Fall der Fälle auf der Bank zu parken.

Seite 31, Kompakt Zeitung Nr. 227

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