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Erwartungen für die Zukunft

Rollen, Identität & Sinn klären – Zwischen Spiel und Ernst: Vom Engagement zur Rollenvielfalt

These: Menschen begegnen in ihrem Leben ständig Erwartungen an ihre Leistung und Wirksamkeit. Umgekehrt richten sie an sich selbst ebenfalls Erwartungen.

Verheißung: Sich mit Rollen und Rollenerwartungen ebenso bewusst wie spielerisch (z. B. in Rollenspielen) auseinanderzusetzen, erlaubt, sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen, beruflichen und privaten Rollen zu erleben und diese in ihrer Wirkung und Eignung für das eigene Leben zu bedenken. Rollen sind soziale Konstrukte, die unser Verhalten in Gruppen, in der Gesellschaft, im beruflichen Umfeld usw. bestimmen. Obwohl Rollenerwartungen soziale Ordnung schaffen, können sie auch einschränken und zu Konflikten führen. Für die persönliche Entwicklung und Identität gilt es daher, sich bewusst mit den eigenen Rollen auseinanderzusetzen.

Die hier veröffentlichten Texte sind Auszüge aus den Konzepten von Frau Prof. Dr. Renate Girmes und ihrem Team von „Omnimundi“. Es geht darum, sich Aufgaben zu stellen – egal, ob persönliche oder berufliche – und diese zu bearbeiten. Allen auf der Welt stellen sich grundlegend 9 Aufgaben. Unter der Internetadresse omnimundi.de findet man weitere Inhalte zum Verständnis über nachhaltige Bildung.

Als Ausgangspunkt steht die Erfahrung, dass man bestimmte lebensweltliche Situationen nicht richtig zu ,lesen‘ weiß und damit verbundene Rollen und Rollenerwartungen (an einen selbst und andere) nicht versteht. Das kann Gefühle des Ausgeliefertseins hervorrufen und die eigenen Handlungsmöglichkeiten einschränken. Überfordern können auch die Vielfalt an möglichen Rollen und entsprechenden Entscheidungen sowie unverstandene Rollenkonflikte. Gleichzeitig haben viele Menschen den Wunsch, sich spielerisch in unterschiedlichen sozialen Rollen auszuprobieren.

Als Aufgabe stellt sich, ein differenziertes Rollenbewusstsein zu entwickeln. Ziel ist es, soziale Situationen und deren Rollenerwartungen überblicken und ‚lesen‘, spielerisch mit ihnen umgehen und sich gegebenenfalls von ihnen distanzieren zu können. Es lässt sich ein persönliches Rollenrepertoire entwickeln, choreografieren und managen. Einen selbstbewussten sowie authentischen Umgang mit Rollen (und Rollenkonflikten) zu erlernen, stellt nicht zuletzt auch eine Selbsterfahrung dar. Dieses klare Rollenbewusstsein ermöglicht im Übrigen kluge Berufsentscheidungen.

Konzepte wissenschaftlicher und künstlerischer Bereiche können das Erreichen dieser Vorhaben unterstützen – beispielsweise soziologische Rollentheorien, Theatertheorien, Rollenspielkonzepte, philosophische sowie sozialwissenschaftliche Identitätstheorien und Konzepte aus der Berufsforschung, die Berufe als Rollenensemble verständlich machen.

Bei der Erarbeitung der Aufgabe können zudem (teilweise mit Konzepten verbundene) Methoden und Tätigkeiten helfen. So ist es möglich, sich bewusst als Rollenträger wahrzunehmen und Rollen als theatrales Spiel zu improvisieren, zu variieren sowie zu transformieren. Man kann sich über verschiedene Aspekte der eigenen Identität bewusstwerden und diese bewusst entwickeln, das eigene Rollenrepertoire versammeln und reflektieren. In der Arbeit mit dem „inneren Team“ nach dem Psychologen Friedermann Schulz von Thun kann man konkret Lösungen für Rollenkonflikte finden. Ebenso konkret kann man mit Hilfe der Berufsorientierungs-App Entfalter Berufe nach Rollen sortieren und so zu klugen Berufsentscheidungen kommen. Zur spielerischen Auseinandersetzung mit Rollen steht außerdem das von OmniMundi entwickelte Entfalter-Kartenspiel bereit.

Ausgangspunkt

„Das Ich ist niemals faktisch, sondern fakultativ“
„Identität“ auf den Begriff gebracht. Dichter und Theoretiker haben seit Jahrhunderten über das menschliche „Ich“ nachgedacht und dabei unterschiedlichste Perspektiven gewonnen.

Ob und inwiefern haben wir als Menschen, als Personen eine einheitliche „Ich-Identität“? Inwiefern ist diese fest oder dynamisch? Ob und wie fügen sich unsere verschiedenen möglichen „Teilidentitäten“, die wir in der Ausfüllung unterschiedlicher sozialer Rollen ausprägen, zu einer einheitlichen bzw. authentischen Gesamtidentität zusammen. Hier eine Zitatensammlung, die verschiedene Perspektiven auf diese Frage eröffnet und zum Weiterdenken anregt.

„Identität“ wird im Dialog ausgehandelt, meint der kanadische Philosoph Charles Taylor (geb. 1931)
„Es liegt (…) in der Natur der Sache, dass es so etwas wie eine monologisch aufgefasste Erzeugung [von Identität] im Inneren gar nicht gibt. Die Entdeckung der eigenen Identität heißt nicht, dass ich als isoliertes Wesen sie entschlüssele, sondern gemeint ist, dass ich sie durch den teils offen geführten, teils verinnerlichten Dialog mit anderen aushandle.“ (Taylor 1995, S. 57)
Jeder ist sich letztlich selbst fremd. Das gilt es zu erkennen, meint die bulgarisch-französische Literaturtheoretikerin, Psychoanalytikerin und Schriftstellerin Julia Kristeva (geb. 1941):
„Der Fremde entsteht, wenn in mir das Bewußtsein meiner Differenz auftaucht, und er hört auf zu bestehen, wenn wir uns alle als Fremde erkennen.“ (Kristeva 1990)

Jederzeit kann man als Mensch auch anders handeln und sich anders verhalten als zuvor. Das „Ich“ ist also „fakultativ“, meinte der jüdisch-österreichische Psychiater Viktor Frankl (1905-1997):
„Immer wieder hören wir einen Kranken sagen: ‚Ich bin nun einmal so‘ – und dabei meint er immer: … ergo könnte ich auch gar nicht anders.

In Wirklichkeit gilt jedoch: Jederzeit kann ich auch anders – ergo bin ich überhaupt nicht ‚irgendwie‘. Ich bin – oder besser gesagt: das Ich ist niemals faktisch, sondern fakultativ. Dasein erschöpft sich nicht in irgendeinem Sosein.“ (Frankl, S. 181)

Wenn Schauspieler eine Rolle gut spielen, erweitern sie auch das eigene Ich, meint der israelisch-österreichische Körpersprache-Theoretiker Samy Molcho (geb. 1936):
„Der Begriff der Rolle, wie er in Psychologie und Verhaltensforschung verwendet wird, ist der Welt des Theaters entlehnt. Ein Schauspieler spielt eine Rolle, stellt jemanden dar, der er nicht selbst ist. Man sieht sofort, wie schillernd der Begriff ist, wie schwer zu definieren. Das fängt schon bei der Tätigkeit des Schauspielers an. Was tut er eigentlich, wenn er eine Rolle spielt? (…) Auf eine Formel könnte man sich vielleicht einigen, wenn es auch nur eine mit negativem Vorzeichen ist. Sie heißt: der Schauspieler lügt nicht, wenn er eine Rolle spielt. Um sich mit der gespielten Rolle zu identifizieren, muss er sie in sich selbst finden. Dann kann mit der Identifikation auch eine Erweiterung des eigenen Ichs stattfinden.“ (Molcho, S. 175)

Die eigene Identität entsteht in der heutigen postmodernen Welt fortwährend neu, meint der US-amerikanische Psychologe Kenneth Gergen (geb. 1934)
„In der postmodernen Welt gibt es keine individuelle Grundlage, der man treu bleibt oder verbunden ist. Die eigene Identität entsteht fortwährend neu, umgeformt und anders ausgerichtet, während man sich durch das Meer der ständig wechselnden Beziehungen fortbewegt. In der Frage des ‚Wer bin ich?‘ handelt es sich um eine Welt, in der es von provisorischen Möglichkeiten wimmelt.” (Gergen 1996, S. 230)

Wer keine personale Identität ausbildet, bleibt „flattersinnig“, meinte der aufklärerische Philosoph und Pädagoge Johann Friedrich Herbart (1776-1841)
„Jeden Augenblick ist der Flattersinnige ein anderer; zumindest anders gefärbt, denn er für sich ist eigentlich gar nichts. Er, der sich den Eindrücken und Phantasien wegwarf, hat nie weder sich noch seine Gegenstände besessen; die vielen Seiten sind nicht da, denn die Person fehlt, deren Seiten sie sein könnten.“ (Herbart 1806)

Wegen des sozialen Anpassungsdrucks gelingt es Menschen nur äußerst selten, authentisch wirklich „sie selbst“ zu sein, analysierte der umstrittene Philosoph Martin Heidegger (1889-1976) 1927 in seinem berühmten Buch „Sein und Zeit“ unter der Überschrift „Verfallenheit und Eigentlichkeit: Das Man“:
„Wir genießen und vergnügen uns, wie man genießt; wir lesen, sehen und urteilen über Literatur und Kunst, wie man urteilt; wir ziehen uns aber auch vom ‚großen Haufen‘ zurück, wie man sich zurückzieht.“ „Jeder ist der Andere und Keiner er selbst.“ (Heidegger)

Eine echte Person ist eine Harmonie aus Teilpersönlichkeiten, meinte der deutsche Dichter der Frühromantik Georg Philipp Friedrich von Hardenberg – genannt: Novalis (1772-1801):
„Eine echt synthetische Person ist eine Person, die mehrere Personen zugleich ist, ein Genius. Jede Person ist der Keim zu einem unendlichen Genius. Sie vermag, in mehrere Personen zerteilt, doch auch eine zu sein. Die echte Analyse der Person als solcher bringt Personen hervor; die Person kann nur in Personen sich vereinzeln, sich zerteilen und zersetzen. Eine Person ist eine Harmonie, keine Mischung, keine Bewegung, keine Substanz wie die Seele. Geist und Person sind eins.“ (Novalis 1798/99)

Die Maske ist das Wahre, meint der slowenische Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Zizek (geb. 1949):
„An der Maske, die wir tragen, an dem Spiel, das wir spielen, an der ,Fiktionʻ, der wir gehorchen und folgen, ist mehr Wahres als an dem, was unter der Maske verborgen ist.“ (Zizek 2008)

Seite 23-24, Kompakt Zeitung Nr. 239

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