KM_LOGO_rb_100px

Ich schwöre, ich komme digital

Die Welt ist im Wandel. Grundfesten bröckeln. Wie steht es in diesen Zeiten um die Institution Weihnachtsmann? KOMPAKT hat dem Rauschebart ein Gespräch aufgedrängelt und auf Fragen unangenehme, ganz unweihnachtliche Antworten erhalten. Entstanden ist ein pessimistischer Ausblick eines ewig gestrigen Optimisten.

KOMPAKT: Herr Weihnachtsmann, Sie stehen für Tradition und Kontinuität, erscheinen jedes Jahr zur selben Zeit und sollen Kindern Freude bringen. Dabei lösen sich um uns herum so viele vertraute Bräuche und kulturelle Fundamente auf. Wie machen Sie das, im Tohuwabohu dieser Welt nicht unterzugehen?
Weihnachtsmann: Meine gedruckte Ersterwähnung geht auf das Jahr 1770 zurück. Da wurde mein Name „Weyhnachtsmann“ erstmals in der Berliner Wochenzeitschrift „Mannigfaltigkeiten“ gedruckt. Später, 1835 hat der Schriftsteller August Heinrich Hoffmann von Fallersleben das Lied „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ geschrieben. Und dann vergessen Sie den amerikanischen Konzern „Coca-Cola“ nicht, der mir ein Kostüm verpasste.


Kulturhistorisch ist das gar nicht so alt, wie vielleicht gemeinhin gedacht wird.
Wo wollen wir anfangen, beim heiligen St. Nikolaus? Rundliche, freundliche alte Männer mit langem weißem Rauschebart gab es doch schon immer. Auch der Weihnachtsmann muss mit der Zeit gehen. Des Tierwohls wegen kann ich keine Rentiere vor den Schlitten spannen. Schornsteine, über die ich in der Vergangenheit in jede Stube kommen konnte, werden immer seltener. Ich spüre denselben Veränderungsdruck wie jeder Mensch auch.


Das Weihnachtsmobil mit den vielen Geschenken fährt heute elektrisch?
Unfug. Woher im hohen Norden soll ich den Strom bekommen? Wie lange und oft muss ich laden, um alle Kinder besuchen zu können. Bei winterlichen Temperaturen halten die Akkus nicht so lange. Nein, nun ist endlich Schluss mit der Weihnachtsmann-Mobilität.


Das heißt, Kinder werden künftig auf den Weihnachtsmann verzichten müssen?
machen genau das, was Sie ohnehin tun. Ich erscheine auf ihren Smartphones, Tablets, Smart-TVs und Computern. Das ist meine Digitalisierungsoffensive.


Aber dann unterscheiden Sie sich nicht mehr von anderen digitalen Inszenierungen?
Das ist nicht nötig. Im Gegenteil. Analog hatte ich doch nur wenige Minuten für jedes Kind Zeit. Heute kann ich ihnen stundenlang über jeden Bildschirm flimmern und noch mehr Scheinflimmerei schenken. Da werden die Kinderzimmer nicht mehr mit lauter Krimskrams vollgemüllt.


Sind Sie sicher, dass es künftig an Spielzeug karge Kinderzimmer geben wird?
In unsicheren Zeiten ist gar nichts mehr sicher. Traditionen lösen sich auf, Kultur geht verloren, Rituale wechseln heute so schnell wie Spitzenreiter in Hitparaden. Also wird auch der Weihnachtsmann zu einer flüchtigen Figur aus Bits und Bytes. Die Künstliche Intelligenz wird bald ihr Übriges tun und mich zu einem Wesen ohne Kontur machen und beliebig modellieren. Jeder wird sich seinen Weihnachtsmann so machen wie es gewünscht wird.

 

Sie malen ein düsteres Bild. Wann wurden Sie vom Optimisten zum Generalpessimisten?
Ich war noch nie das eine oder das andere. Sehen Sie das bitte ein, dass man mir schon immer alles Mögliche andichtete, ich loben oder strafen musste, wie Eltern das gern für ihren Nachwuchs haben wollten. Meine Digitalisierung ist nur das konsequente Ergebnis eines langen Individualisierungsprozesses. Heute muss ich nicht mehr das Rollenbild eines alten, weißen Mannes erfüllen. Glauben Sie mir, das hat mich in der Vergangenheit auch nicht glücklich gemacht.


Das ist verständlich. Wagen Sie bitte dennoch eine Prognose, wohin sich der Weihnachtsmann künftig entwickeln wird?
Prognosen sind etwas für Politiker, die ihren Wählern gern erzählen, wohin sich ihrer Meinung nach alles wenden sollte. Ich bin ohnehin die reine Erzählung. Warum sollte ich mich da auf eine Zukunft einlassen. Die Weltmacht hat Pippi Langstrumpf übernommen. So wollen es die Menschen und ich muss mich ihrem Willen unterwerfen, genauso, wie ich einst durch sie herbeierzählt wurde. Digital zu sein, ist besser als gar nicht zu existieren. Also frohe Weihnachten!


Das Gespräch hat sich Axel Römer ausgedacht.

Seite 18, Kompakt Zeitung Nr. 246, 10. Dezember 2023