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Römers Reich:
Wege in die Einsamkeit

Axel Römer

Macht macht einsam. Wer in der Hierarchie ganz oben steht, muss Entscheidungen über Köpfe anderer hinweg treffen. Freundschaften sollen darunter beispielsweise verloren gehen. Die Bundesregierung hat nun das Thema Einsamkeit für sich entdeckt und will Projekte fördern, die Wege aus der Isolation weisen und das Miteinander fördern. Ich habe den Eindruck, dass die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Lisa Paus hier ein selbsttherapeutisches Anliegen verfolgt. Schließlich empfinden viele Bürger die aktuelle Politik als weit entfernt von realen Problemen unserer Zeit. Auch der Wirtschaftsminister Robert Habeck von derselben Partei muss sich ziemlich einsam fühlen. Im Dezember bekannte er freimütig: „Wir sind von Wirklichkeit umzingelt.“ Einen besseren Satz hätte kein Kabarettist heraushauen können, wenn Habeck ihn komisch gemeint hätte. Treffender konnte der Grüne jedoch die einsam machende Realität der politischen Akteure nicht beschreiben.


Die Ampel-Regierung nimmt mit ihren Projekten vorrangig ältere Menschen ins Visier und will unter diesen Teilhabe und Gemeinsamkeit initiieren. Was sie dabei nicht beachtet, wie Bedingungen des modernen Zeitalters bereits bei jungen Menschen die Keim von Einsamkeit hervorbringt. Familienbande sind ein Garant für Zusammenhalt. Aber zunehmende Kinderlosigkeit, kleiner werdende Familien, mehr Single-Haushalte sind Einsamkeitstreibstoff.


Was die Familienministerin Paus offenbar überhaupt nicht ins Auge nimmt, ist die Online-Abhängigkeit insbesondere bei Jugendlichen und Kindern. Die Nutzungsdauer hat sich von 2007 bis heute auf 224 Minuten pro Tag verdoppelt. Das heißt: weniger Zeit für reale Begegnungen, gemeinsame Unternehmungen und Erlebnisse. Echte Freundschaften bauen aber auf viele Momente gemeinsamer Erlebniszeit. Indes wächst der Anziehungsmechanismus mit noch mehr Unterhaltungsangeboten und Inszenierungen für Bildschirmgeräte ins Uferlose.


Das Bundeskabinett, das die Projekte zur Bekämpfung von Vereinsamung abgesegnet hat, bekämpft Einsamkeit mit Isolationsförderung. Doch wie soll man aus einer einsamen Position auf den hohen Gipfeln der Politik, die von Normalsterblichen nicht erklommen werden können, auch in die Gemeinschaft zurückfinden? „Entfremdung bezeichnet einen individuellen oder gesellschaftlichen Zustand, in dem eine vormals feste, nicht in Frage gestellte Beziehung des Menschen aufgehoben, verkehrt, gestört oder zerstört wird.“ So steht es bei Wikipedia. Einsamkeit und Entfremdung sind wie Geschwister. Doch wenn politisch Entfremdete Vorhaben gegen Einsamkeit initiieren, ist das, als wollten sie das Kind mit dem Bade ausschütten. Ich drücke jedenfalls Herrn Habeck ganz fest die Daumen, dass er den Bann der Wirklichkeit durchbricht, von der er sich umzingelt fühlt. Vielleicht kommt er dann öfter mit politischer Gemeinsamkeit in Berührung. Was wirklich einsam macht, ist, wenn Ideologie Macht hat. Das konnte man am DDR-Politbüro gut sehen.

Seite 2, Kompakt Zeitung Nr. 247, 10. Januar 2024