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Vom Handwerksmeister zum Musikpädagogen

Der Magdeburger Ronny Zysko ist Diplom-Zupfinstrumentenmachermeister und genießt mit seinem Handwerk weit über die Landeshauptstadt hinaus einen guten Ruf. Vor zwei Jahren entschied er sich, eine neue berufliche Herausforderung anzunehmen. Der heute 44-Jährige unterrichtet an einer Ottersleber Schule als Seiteneinsteiger Musik und Technik. KOMPAKT hat ihn gefragt, wie es zu dieser Veränderung kam und was aus seinem Werkstattbetrieb wird.

Ronny Zysko, ist Zupfinstrumentenmachermeister, Musiker und seit zwei Jahren als Seiteneinsteiger Lehrer für Musik und Technik an der Ernst-Wille-Gemeinschaftsschule. Auf dem Foto ist er bei einem Auftritt mit Starbrigde Folk Band (Gary O’Conner und Ralf Funke) zu sehen.

KOMPAKT: Herr Zysko, bei Gitarristen sind Sie als Diplomierter Zupfinstrumentenmachermeister bekannt. Jetzt unterrichten Sie an der Ernst-Wille-Gemeinschaftsschule in Ottersleben Schüler in Musik und Technik. Das klingt nach einem ungewöhnlichen Berufswechsel.


Ronny Zysko: Das ist eine vielschichtige Geschichte. Eigentlich wollte ich nur meiner Tochter und ihren Mitschülern helfen. Deren engagierte Musiklehrerin Frau Jutta Kirchner war vor zwei Jahren schwer erkrankt und in der Folge verstorben. Frau Kirchner hatte an der Schule Schülerbands initiiert. Ich wollte als Musiker einfach helfen, dass diese Arbeit weitergeführt wird und habe angeboten, die Anleitung der Bands zu übernehmen.


Sie sind für Ihre Instrumentenarbeit weit über die Stadtgrenzen bekannt. Man hängt doch nicht einfach so ein schönes Handwerk an den Nagel.


Zunächst habe ich an der Schule nur für die Bandarbeit mit den Kindern vorgesprochen. Dort sagte man mir, dass sie einen ganzen Musiklehrer brauchten, und es gäbe ja die Möglichkeit, als Seiteneinsteiger Pädagoge zu werden. Ich habe dann über das Angebot nachgedacht und mich über die Bedingungen informiert. Ich kam zu dem Schluss, dass es einen Versuch wert wäre. Außerdem räumten wir uns gegenseitig – Schulverwaltung und ich – eine einjährige Probezeit ein. Meine Werkstatt brauchte ich nicht zu schließen. Das Handwerk an den Instrumenten konnte ich als Nebentätigkeit weiterführen. Das ist faire Regelung und so bleibe ich den Anliegen der Musiker in der Region treu.


Was hat Sie außerdem gereizt, in den Schuldienst einzutreten?


Ich habe am Musikgymnasium Wernigerode ein Abitur gemacht und selbst in Bands gespielt, übrigens bis heute. Außerdem gab ich in der Vergangenheit bereits privaten Gitarrenunterricht. Warum sollte ich meine Erfahrung nicht weitergeben? Wobei die Tätigkeit an einer Schule ein ganz anderes Ding ist. Der Anfang war eine wilde Zeit. Alles war neu für mich. Selbstständigkeit und Angestelltenverhältnis fühlen sich schon krass anders an. Aber die Schule hat eine coole Direktorin, die mir viel Freiraum lässt. Auch das Kollegium ist toll. Die haben mich nicht einfach ins kalte Wasser geworfen, sondern an die Hand genommen.


Und jetzt sind Sie ein richtiger Musiklehrer?


Ich unterrichte 5. bis 10. Klassen in Musik und 5. Klassen im Fach Technik.
Da ist sicher auch die Handwerksmeistererfahrung gefragt?


Das ist eine gute Voraussetzung. Allerdings verfüge ich aktuell über keine Fachanerkennung. Mein Diplom-Meister entspricht nicht den Lehramtsanforderungen. Das empfinde ich als eine zu bürokratische Sicht. Allerdings würde mir die Anerkennung in der Gehaltseingruppierung auch nichts bringen. Dass man an Papieren gemessen wird und nicht daran, was man kann oder nicht, sollte man mal ändern.


Aber Sie fühlen sich in ihrer heutigen Tätigkeit wohl?


Der Job ist toll. Ich kann Erfahrung und Können weitergeben. Und das Beste ist, zu sehen, wie die Kids Schritt für Schritt besser werden. Einmal im Jahr fahren wir gemeinsam für mehrere Tage weg. Da dreht sich dann alles um Musik.


Was lernen die Schüler bei Ihnen?


Wir machen Bandarbeit im Klassenverband. Manche spielen Schlagzeug, andere Gitarre, Bass, oder Keyboard, wiederum andere singen. Das ist schon sehr aufwendig. Aktuell existieren zwei Schülerbands. Wir haben die Möglichkeit für öffentliche Auftritte. Die Kids haben schon bei einer Veranstaltung der IHK gespielt, im Bildungsministerium, und ich habe ein Weihnachtssingen eingeführt. Diese Möglichkeiten sind für die Schüler und mich prima. Der Applaus ist der Lohn eines Künstlers. Dafür brennen wir, denn eine finanzielle Anerkennung gibt es nicht.


Wo soll es für Sie noch hingehen?


Ich hoffe doch, durch die Decke! Spaß beiseite, ich wünsche mir, dass wir noch viele schöne Auftritte haben, um den Kindern so viel wie möglich mit auf den Weg zu geben. Es macht mir einfach Spaß, ihnen in der Entwicklung und ihrer positiven Ausstrahlung zuzuschauen.


Welchen Tipp würden Sie anderen Seiteneinsteigern geben?


J
eder sollte sich Zeit nehmen, bevor man sich bewirbt. Gut ist es, in eine Schule zu gehen und in den Unterricht reinzuschnuppern. Man erlebt dabei gut, was einen erwartet. Ein dickes Fell sollte man haben und engagiert bei der Sache sein. Es gilt, sich an Regeln zu gewöhnen. Vielleicht kommt man nicht so schnell ans Ziel, wie man möchte, aber mit Beharrlichkeit es ist möglich.


Fragen: Thomas Wischnewski

Seite 26/27, Kompakt Zeitung Nr. 249