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Magdeburger Gesichter: Deutscher Schulfreund

Karlheinz Kärgling

Mit der Übergabe eines kunstvoll geschmückten „Bürgerbriefes“ wurde Karl Christoph Gottlieb Zerrenner am 21. März 1825 Ehrenbürger Magdeburgs. Er war 44 Jahre alt und leitete seit fast sechs Jahren die von Oberbürgermeister Francke eingerichtete Kommission zur Neuordnung des städtischen Schulwesens. Vier Wochen zuvor hatte Johann Andreas Matthias, Rektor der Domschule, dieselbe Ehrung empfangen. Matthias war zwanzig Jahre älter und einer der aktivsten Mitstreiter des Schulinspektors Zerrenner.


Wie Matthias hatte auch Zerrenner, geboren am 15. Mai 1780 in Beyendorf, nach seiner Schulzeit ab 1791 im Kloster Berge und dem Theologiestudium 1799 bis 1802 in Halle unter der Aufsicht von Propst Gotthilf Sebastian Rötger am Pädagogium im Kloster Unser Lieben Frauen unterrichtet. Während der Ältere in den 1790er-Jahren an die Domschule wechselte und 1814 deren Rektor wurde, stand der Jüngere ab 1805 als Prediger auf der Kanzel der Heilig-Geist-Kirche. Im selben Jahr heiratete Zerrenner Friederike Maria Dorothea Keßler (1780–1850) aus Meitzendorf. Aus der Ehe gingen drei Töchter hervor. 1816 wurden Matthias und Zerrenner zu Konsistorial- und Schulräten ernannt, damit zu Mitgliedern des Konsistoriums und des Schulkollegiums der Provinz Sachsen. Jenem wurde die Leitung der Abiturprüfungen an Gymnasien übertragen, diesem u. a. die Aufsicht über die Schullehrerseminare und die Abnahme von Prüfungen. In dieser behördlichen Funktion erhielten die Räte nach dem Erlass der Preußischen Zensurverordnung (1819) zusätzlich vom Kultusminister von Altenstein eine Art Dienstverpflichtung als Zensoren der Provinz Sachsen.


In einer Episode vom Jahresbeginn 1825 wird die unsichere wirtschaftliche Lage der Familie des angesehenen Theologen und Pädagogen Zerrenner sichtbar. Nach der Novellierung dieser Verordnung 1824/25 erreichten die hiesige Zensurverwaltung Entlassungsgesuche aller Betroffenen. Die Supplik Zerrenners vom 2. Februar 1825 macht deutlich, dass „drei mühevolle(n) Ämter(n)“ gerade das Nötigste für die Familie einbrachten, die „durchaus kein Vermögen“ hatte. Würde ihn also ein Verleger laut der neuen Anweisung in „Rekurs“ nehmen, so befürchtete er, „[…] in die größte Not gestürzt (zu) werden.“


Vier Wochen später zog der König die Haftungsklausel zurück, und nach schriftlichen Zusicherungen des Innenministers von Schuckmann scheint sich der Sturm gelegt zu haben. In diesen Monaten bilanzierte Zerrenner den Erfolg der Schulreform, die von ihm entworfen und mit den Rektoren Matthias und Neide sowie dem Stadtsekretär Gerloff umgesetzt worden war. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Innerhalb des mehrgliedrigen Systems erhielten 7.000 Schüler regelmäßigen Unterricht nach Lehrplan. Im Vergleich zum Jahr 1819 standen im Sommer 1825 fast 100 zusätzliche besoldete Stellen für Lehrer zur Verfügung. Es gab Schulgeldfreiheit für Volksschulen; bei Bedarf konnten Lehrmittel kostenlos gestellt werden. Das Beispiel Magdeburg machte Schule in Preußen.


Der Lehrerausbildung hatte Zerrenner besonderes Augenmerk gewidmet, deshalb 1823 die Direktion des Lehrerseminars übernommen und diesem nach jahrelangen Bemühungen 1828 eine Taubstummenanstalt anschließen können. Seine Erkenntnisse und Erfahrungen veröffentlichte er in Schriften, Abhandlungen und Lehrbüchern. So führte er nach dem Tod des Vaters Heinrich Gottlieb Zerrenner (1750–1811) – einst Lehrer am Kloster Berge, dann Oberprediger und Schulinspektor in Derenburg – die ab 1801 edierte Zeitschrift „Der deutsche Schulfreund“ als „Neuster deutscher Schulfreund“ zwölf Jahre lang weiter. 1820 erschien das „Methodenbuch für Volksschullehrer“. Es folgten die „Grundsätze der Schulerziehung“ (1824) und „Der neue deutsche Kinderfreund“ (1830) u. a. m.


Zu Kontroversen kam es, als er den „wechselseitigen Unterricht“ – ein in Schleswig erfolgreich praktiziertes didaktisches Prinzip – zur Übernahme befürwortete. Zerrenners Empfehlung traf auf heftige Kritik des Berliner Pädagogen Adolf Diesterweg. Nach anfänglicher Zustimmung in der Stadtverwaltung und der Provinzialregierung wuchsen mit zusätzlichen finanziellen Anforderungen Skepsis und Widerstand. Als die Berufung Georg Friedrich Gerloffs in das neue Amt des Stadtschulrates eigene Kompetenzen stark einschränkte, fehlte am Ende wohl auch die Motivation. Ohne Zweifel hat seine Wahl 1831 zum Nachfolger Rötgers als Propst und Leiter des Pädagogiums am Kloster Unser Lieben Frauen die Differenzen mit der Stadtverwaltung und dem Oberpräsidenten von Klewitz nicht gemindert, denn die Änderung der Verfassung der Anstalt wurde bereits zu Lebzeiten Rötgers vom König bestätigt.


Seine Denkschriften und Eingaben erbrachten nur unbedeutende Korrekturen, den (ehrenamtlichen) Propsttitel und die Erlaubnis zum Tragen des Propstkreuzes wie Rötger. Dieser hatte ihm 1805 beim Wechsel ins Pfarramt bescheinigt, „großen Nutzen für die Lehr- und Erziehungsanstalt“ gebracht zu haben. Daran anzuknüpfen, war sicher das Ziel Zerrenners, doch nach dem Verlust der Unabhängigkeit des Klosters 1834 und der eingetretenen „Verwirrung der Verhältnisse“ sank das Ansehen der Anstalt, obwohl der Konvent den neuen Propst unterstützte. Schließlich verlor er selbst durch seine Entpflichtung vom Unterricht an Autorität und Rückhalt unter jüngeren Lehrern, abgesehen von der Verschärfung des politischen Klimas unter Friedrich Wilhelm IV.


So wurde Magdeburgs Ehrenbürger 1843 in das Verhältnis eines „Ehren-Ephorus“ gedrängt und Rektor Müller aus Torgau zum Direktor des Pädagogiums ernannt. 1846 schied er aus dem Konsistorium aus. Es war ein herber Schluss seines pädagogischen Lebens. Er starb am 2. März 1851.


„Freundlich und leutselig“ sei er gewesen, „ein Mann des kräftigen Wortes“, so beschrieben ihn seine Freunde und Mitstreiter, „selbstgefällig und eitel“ jene, die ihm zu Unrecht anlasteten, das Erbe Rötgers leichtfertig verspielt zu haben. Der Propst, im Brustbild von Friedrich Wilhelm Wenig (Lebensdaten unbekannt) nach einem Gemälde von Carl Sieg (1784–1845) in gerader Ansicht dargestellt, trägt einen Gehrock mit rotem Adlerorden am Revers, eine weiße Halsbinde, einen weiteren Orden am Halsband und ein schwarzes Käppchen.

 


Das Kulturhistorische Museum Magdeburg erinnerte 2021 an Magdeburger Gesichter des 19. Jahrhunderts. Die Porträts der Sonderausstellung sind weiterhin in der Kompakt Zeitung zu finden.

 

Seite 13, Kompakt Zeitung Nr. 252, 20. März 2024

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