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Gedanken- & Spaziergänge im Park:
Arabischer Antisemitismus?

Von Paul F. Gaudi

Das war kein fröhliches Gespräch. Die dunklen Wolken von zwei Kriegen – in der Ukraine und der zwischen Israel und den Palästinensern – bestimmten unsere Gedanken. Und welche Auseinandersetzungen kommen vielleicht noch dazu? China blickt lüstern nach Taiwan und könnte auch in Asien einen Brand auslösen. Dabei haben die beiden aktuellen Auseinandersetzungen schon jetzt erhebliche Auswirkungen auf uns, sowohl wirtschaftlich wie auch innenpolitisch. Was bei der Berichterstattung am meisten unangenehm auffällt, sind die häufig sehr einseitigen Stellungnahmen im palästinensisch-jüdischen Konflikt. Oft pure Schwarz-Weiß-Malerei nach dem Motto: die eine Seite ist gut, die andere böse. Da ist es wohltuend, manchmal auch eine versöhnende Stimme zu hören, wie die des jüdischen Dirigenten Daniel Barenboim, der kürzlich an beide Seiten appellierte, sich für Frieden einzusetzen, trotz des unmenschlichen Massakers, was die Terroristen der Hamas an israelischen Frauen, Kindern und Männern kürzlich anrichteten. Barenboim hat viele Jahrzehnte für eine arabisch-israelische Aussöhnung gearbeitet, in dem er das West-Eastern Divan Orchestra gründete, das aus jüdischen und arabischen Musikern besteht und auch 2016 in Berlin die Barenboim-Said-Akademie aus der Taufe hob, in der junge Menschen aus Israel und den angrenzenden arabischen Ländern Musik studieren. Er ist überzeugt, dass der Konflikt nur „auf der Grundlage von Humanismus, Gerechtigkeit und Gleichheit – und ohne Waffengewalt und Besatzung“ gelöst werden könnte. Und er sagte weiter: „die Israelis werden dann Sicherheit haben, wenn die Palästinenser Hoffnung spüren können, also Gerechtigkeit“ und Israel sollte auch begreifen, dass die Besetzung Palästinas mit Gerechtigkeit und Aussöhnung nicht vereinbar ist. Ferner sagte er: „Die israelische Belagerung des Gazastreifens stellt eine Politik der kollektiven Bestrafung dar, die eine Verletzung der Menschenrechte ist.“ Wohlgemerkt, das äußerte er nach dem terroristischen Verbrechen der Hamas vom 7. Oktober in der Süddeutschen Zeitung! Solche Stimmen sind leider im lauten Chor der durchaus verständlichen Empörung sehr selten geworden.

Die Migration der Juden

Die arabisch-jüdische Gegnerschaft ist kein neues Thema, sondern ist schon viele Jahrzehnte alt. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war das Zusammenleben wesentlich konfliktfreier. Im osmanischen Reich bis zum Ende des 1. Weltkriegs existierten beide Volksgruppen einigermaßen friedlich zusammen. Die dort lebenden Juden und Araber lebten schon immer dort. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es aber allmählich zu einer zuerst geringen Zuwanderung von Juden aus Europa. Das hat sicher auch etwas mit dem Wirken des österreichisch-ungarischen Juristen und Journalisten Theodor Herzl (1860-1904) zu tun. Er begründete mit seiner Schrift „Der Judenstaat“ (1895) die zionistische Bewegung, die die Gründung eines jüdischen Staats in Palästina propagierte. Zuerst kamen vereinzelt Juden nach Palästina, meist zionistische Idealisten. Dann auch Juden, die aus Russland vor den dort nicht seltenen Pogromen flohen bzw. durch sie aus ihrer Heimat vertrieben wurden. So wurde der erste Kibbuz Degania im Oktober 1910 von einer zionistischen Gruppe aus Weißrussland gegründet. Es folgten bald weitere, in denen die Mitglieder, oft hundert und mehr, genossenschaftlich miteinander lebten. So gab es zehn Jahre später zwölf Kibbuzim und 1930 rund 30. Dabei kam es auch zu Konflikten mit der alteingesessenen arabischen dörflichen Bevölkerung. Natürlich siedelten die ausgewanderten Juden nicht nur als Kibbuzmitglieder auf dem Land, sondern zogen auch in die Städte. Eine große Flucht nach Palästina erfolgte dann durch die nazistische Machtergreifung ab 1933. Da entstand allmählich ein durchaus anderes Palästina. Sehr deutlich zeigt sich das in Tel-Aviv, das zu einem großen Teil von emigrierten und vertriebenen Bauhaus-Architekten, wie Walter Gropius, Mies van der Rohe und Le Corbusier, gestaltet wurde. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges kam es zu einer weiteren Einwanderungswelle aus Europa nach Palästina, darunter auch viele befreite Juden aus den Konzentrationslagern.

1948 gab Großbritannien das Mandat auf und eine Teilung Palästinas in einen jüdischen und arabischen Staat war geplant. Nachdem Ben Gurion am 14. Mai 1948 die Unabhängigkeit Israels verkündet hatte, erklärten die umliegenden arabischen Staaten Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Libanon, Irak und Syrien Israel den Krieg, den Israel nach 15 Monaten siegreich beendete und dabei sein Staatsgebiet um ca. 50 Prozent vergrößerte, was die Flucht und auch die Vertreibung palästinensischer Araber zur Folge hatte. Seither kann man seit 75 Jahren mit mehreren Kriegen kaum von normalen Verhältnissen zwischen Israel und seinen Nachbarn sprechen. Alle Lösungsansätze sind früher oder später gescheitert.

Gefährliches schlägt Wurzeln

Am 16. Oktober verkündete der Bundespräsident bei der Festveranstaltung zum 50. Jubiläum des Verbandes der Islamischen Kulturzentren in Köln: „Der Islam, die muslimische Religion, das muslimische Leben, die muslimische Kultur haben Wurzeln geschlagen in unserem Land.“ Das mit diesen Wurzeln auch Gefährliches und Judenfeindliches wuchert – darüber sprach er nicht. Drei Tage später wurde er eines Besseren belehrt. In Berlin und später auch in anderen Städten kam es zu Gewaltausbrüchen, die die Polizei nur mit Müh und Not beherrschen konnte. Denn viele Araber und Muslime im Ausland solidarisieren sich rückhaltlos mit den Palästinensern, ohne nach den eigenen Anteilen dieses Konfliktes zu fragen. Dabei hätten unsere Politiker es besser wissen können. Der ägyptische Journalist Hamed Abdel-Samad schrieb viele Bücher zu diesem Thema und wurde verfemt dafür. Auch der arabisch sprechende deutsche Journalist Constantin Schreiber schrieb ein Sachbuch „Inside Islam“ über das, was in manchen Moscheen so gepredigt wird. Bei einer Lesung in Jena Anfang September wurde er von Linksextremisten des Rassismus bezichtigt und mit einer Torte aus nächster Nähe beworfen. Aber alle diese kritischen Bücher haben bei unseren Politikern kein kritisches Nachdenken ausgelöst. Angriffe auf Juden wurden von ihnen und in der Presse oft als rechtsextremistisch verurteilt und die eigentlichen Angreifer meist nicht genannt. Das war schon vor über 20 Jahren so. Am 2. Oktober 2000 fand ein Brandanschlag auf die Düsseldorfer Synagoge statt, der Kanzler Schröder zu dem Aufruf für einen „Aufstand der Anständigen“ gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit veranlasste. Im Dezember gestanden dann zwei „arabischstämmige“ junge Männer aus Marokko und aus Palästina die Tat, was aber dann nur nebenbei berichtet wurde.

Antisemitische Semiten?

„Ja, der arabische Antisemitismus sollte wirklich genauer beobachtet werden“, meinte ich. „Jetzt gebrauchst Du eben solche unsinnigen Begriffe wie einige Politiker und Journalisten“, antwortete Gerd kopfschüttelnd. „Wie bitte? Was soll daran falsch sein?“ Gerd setzte eine oberlehrerhafte Miene auf und begann zu dozieren: „Wie sollten Araber Antisemiten sein? Sie sind doch selbst Semiten! Du kennst doch die verschiedenen Sprachgruppen, wie z. B. indoeuropäisch oder finnougrisch. Und so gibt es eine Sprachgruppe, die der Göttinger Philologe August Ludwig von Schlözer 1781 als semitische Gruppe bezeichnete. Dazu gehört hebräisch, arabisch, neuaramäisch, Sprachen, die in Eritrea und Äthiopien gesprochen werden und sogar das Maltesische. Das heißt, sowohl Juden wie Araber, einschließlich der Palästinenser, gehören zur großen Volksgruppe der „Semiten“. Wie sollte da ein Araber, also auch ein Semit, ein Antisemit sein? Die Einengung des Begriffes Semiten ausschließlich auf die Juden ist wissenschaftlich absolut falsch. Es müsste statt Antisemitismus „Judenhass“ oder „Israelfeindschaft“ heißen! Sogar das Alte Testament wusste schon über die enge Verwandtschaft von Arabern und Juden und ihre Konflikte. In der Genesis wird ab Kapitel 16 beschrieben, dass der schon sehr alte Abraham mit seiner Frau Sara kinderlos blieb, worauf sie ihm sagte, dass er mit ihrer Sklavin Hagar ein Kind zeugen sollte. Und das gelang. Der neugeborene Sohn wurde Ismael genannt, was „Gott erhört“ bedeutet. 14 Jahre später aber bekam die 90-jährige Sara aber doch noch einen Sohn, Isaak. Bald danach wurden Hagar und Ismael von ihr in die Wüste vertrieben. Aber Gott bewahrte sie vor dem Tod und Ismael wurde der Stammvater der Araber, so wie Jakob, der Sohn Isaaks, also ein Stiefneffe Ismaels, der Stammvater der zwölf Stämme Israels wurde. Man wusste um die enge Verwandtschaft von Juden und Arabern und um ihren Konflikt.“

„Dazu kommt noch, dass der fälschliche Begriff „Antisemitismus“ ausgerechnet von einem Judenhasser geschaffen wurde. Es war der in Magdeburg geborene Wilhelm Marr (1819-1904), ein linksstehender Journalist, der diesen Begriff erfand. Mit zwei Jüdinnen war er nacheinander verheiratet und nichts Judenfeindliches war vorher von ihm bekannt, bis er 1862 einen Artikel mit dem Titel „Der Judenspiegel“ verfasste. 1879 erschien in Berlin seine Schrift „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum“. Erstmals taucht das Wort Antisemiten in Marrs Schriften auf. Im September 1879 gründete er die Antisemitenliga. Doch schon nach wenigen Jahren distanzierte er sich von ihr. Gegen Ende seines Lebens schrieb Marr, dass die Annahme, die Judenfrage wäre das „A und O der Geschichte“, nur Selbstbetrug gewesen sei.“ Gerd holte tief Luft und setzte hinzu: „So, wie wir so manche Begriffe, die in der Nazizeit geprägt oder häufig verwendet wurden, unter Acht und Bann gestellt haben, so sollten wir auch das Wort Antisemitismus durch die Begriffe ersetzen, die es bedeutet: Judenhass und Israelfeindlichkeit.“

Buch-Tipp:

Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ (Teil I mit Nr. 1 bis 54) und „Neues vom Spaziergänger“ (Teil II mit Nr. 55 bis 100) erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder in unserem Onlineshop bestellt werden.

Seite 8, Kompakt Zeitung Nr. 243