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Tastenkabarett: Wir brauchen MEHR!

Foto: Axel Lipp

Willkommen im Anthropozän! Die Erde ist uns untertan, wir haben alles, was der Mensch braucht und was kein Mensch braucht, haben wir doppelt und dreifach. Wir kommen an die entlegensten Winkel der Welt, in die tiefsten Tiefen, auf die höchsten Gipfel, wir kommen auf den Mond, auf den Mars, nur auf eines kommen wir nicht: Auf die Idee mal innezuhalten, uns mal zu fragen: Wo führt das alles hin?

 

Denn egal, was wir haben, wir brauchen MEHR! „Her damit“ klingt ja auch viel dynamischer als: „Bin bisher auch ganz gut ohne klargekommen“. Das Wachstumsdogma ist unumstößlich, treibt uns schneller, höher, weiter auf der nach oben offenen Must-have-Skala. Wer rastet, der kostet, und Kos­ten sind das Einzige, auf das wir gerne verzichten.


Bankenkrise, Lockdown, Börsencrash – nichts kann den Konsumklimaindex dämpfen. Dinge, von denen unsere Eltern noch nicht ahnten, dass es sie jemals geben würde, scheinen uns unentbehrlich: Computer, Smartphone, unbegrenztes Datenvolumen, Laubpuster, musizierende Unterhosen, Raumspray mit Hühnersuppenaroma und Eierschalensollbruchstellenverursacher. Haben Sie noch nicht? Dann aber nix wie ab in den Online-Shop! Der Wohlstandsbürger besitzt statistisch zwei Autos, vier Mobiltelefone und eineinhalb Aufsitzrasenmäher … Bei seltenen Erden geht es nicht um die Einzigartigkeit unseres Planeten, sondern die zunehmende Vormachtstellung der Chinesen. Terra ist in erster Linie ein Synonym für ganz, ganz viel Speicherplatz. „Schöpfung“ nur noch ein Suffix von „Wertschöpfung“.

 

Und keiner kann der Maximierungs-Falle entkommen. Daher spielt Axel Pätz in seinem aktuellen Soloprogramm sechshändig Klavier und Akkordeon, bedient simultan mit den Füßen eine lebensgroße Klappmaulpuppe und intoniert dazu ein sechsstimmiges Gregorianisches Obertonmadrigal. Mit „MEHR!“ ist er zu erleben am Freitag, 19. Januar, 20 Uhr, in der Magdeburger Zwickmühle.

Seite 12, Kompakt Zeitung Nr. 247, 10. Januar 2024