200. Geburtstag der Loge Harpokrates

Am ersten Wochenende im Mai feierte die Magdeburger Freimaurerloge  „Harpokrates“ ihren 200. Geburtstag. Am Abend des 1. Mai gab das Rossini-Quartett ein Kammerkonzert im Kulturhistorischen Museum mit dem Dissonanzen-Quartett von Mozart und es wurde ein Vortrag über die freimaurerischen Bezüge dieser Komposition zur Freimaurerei und dem Freimaurer Mozart gehalten.  Am Sonnabend fand dann eine gut besuchte Festveranstaltung statt, an der über 60 Freimaurer aus 27 Logen teilnahmen. Schon eine Woche zuvor war im Museum die sehenswerte Ausstellung mit dem Titel „Im Zeichen von Zirkel und Winkelmaß – Freimaurerei in Magdeburg“ eröffnet worden.

 

Die Loge Harpokrates war nicht die erste Freimaurerloge in Magdeburg. Während des Siebenjährigen Krieges lebten in der Festungsstadt Magdeburg auch kriegsgefangene französische Offiziere in anscheinend nicht allzu strenger Gefangenschaft. Zusammen mit Magdeburger Bürgern gründeten sie 1761 die Loge „De la Felicité“ (zur Glückseligkeit) – das war die Geburtsstunde der Freimaurerei in Magdeburg. Wegen Streitigkeiten um Ausrichtung und Sprache in der Loge kam es zu einer Spaltung. Auf Anordnung Friedrichs des Großen, der seit seiner Kronprinzenzeit auch Freimaurer war, vereinigte Herzog Ferdinand zu Braunschweig beide Logen wieder zu der Loge „Ferdinand zur Glückseligkeit“. Diese Loge gibt es auch heute noch. Ihr 1902 erbautes prachtvolles und im Krieg nur teilweise zerstörtes Logenhaus kennen die Magdeburger aus der DDR-Zeit als Sitz der Bezirksbibliothek. Sie war damals die größte Loge der Stadt und hatte ca. 600 Mitglieder. Allerdings verkaufte eine übergeordnete Stiftung das Gebäude in den neunziger Jahren an die Wobau und die Loge Ferdinand zur Glückseligkeit arbeitet jetzt in Wolmirstedt „im Exil“, wie sie auf ihrer Webseite schreibt.

 

Es gab damals wie heute verschiedene Großlogen, die nach unterschiedlichen Ritualen arbeiten. In Preußen war die 1798 gegründete Große Loge „Royal York zur Freundschaft“ relativ stark vertreten, der auch Mitglieder des preußischen Königshauses angehörten. Etwa um 1825 bemühten sich etwa 20 Mitglieder der Ferdinand-Loge darum, eine eigene Loge zu gründen, die sich der Großen Loge Royal York anschließen wollte, was 1826 gelang. Diese neue Loge in Magdeburg bekam den Namen „Harpokrates“, den sie bis heute trägt. Harpokrates ist der griechische Gott der Verschwiegenheit. Er ist auf dem Abzeichen der Loge, dem „Bijoux“, dargestellt als Knabe, der einen Finger auf den Mund legt. Nach der Abspaltung von der Ferdinand-Loge hatte sie zwei Jahre später schon rund 50 Mitglieder. Die Loge Harpokrates wuchs ständig, so dass sie ein großes und repräsentatives Heim für ihre Mitglieder benötigte; 1875 waren es immerhin 169 Mitglieder. So erfolgte am 25. Januar 1874 die Grundsteinlegung und 1876 konnte das große, im prächtigen Stil der Gründerzeit erbaute Gebäude eingeweiht werden. Es befand sich an der Ecke Große Münzstraße und Kaiserstraße (heute Otto-von-Guericke-Straße). Am 16. Januar 1945 wurde es durch den angloamerikanischen Bombenangriff, der Magdeburg zu 60 Prozent in Schutt und Asche verwandelte, ebenfalls total zerstört. Allerdings gab es zu dieser Zeit keine Freimaurerei mehr in Deutschland, denn die nationalsozialistische Regierung hatte 1935 die Freimaurerei endgültig verboten und die Gebäude enteignet, nachdem sie die Freimaurerei schon seit der Machtergreifung 1933 so unterdrückte, dass die meisten Logen, wie auch die Harpokrates, sich selbst auflösten.

 

Nach dem 2. Weltkrieg gab es von den rund 80.000 Freimaurern in Deutschland wohl nur noch etwa 5.000 Überlebende. In Westdeutschland durften ab 1949 die Logen wieder ihre Arbeit aufnehmen, während die Freimaurerei in der DDR verboten blieb. Nach dem Zusammenbruch der DDR waren es westdeutsche Freimaurer, die die Freimaurerei in den sogenannten neuen Bundesländern wieder aktivierten, so auch in Magdeburg die Ferdinand-Loge 1991 und die Loge Harpokrates 1993. Aber so große Mitgliedszahlen und prachtvolle Logenhäuser wie vor dem Krieg gibt es heute hier nicht mehr.

Dr. Paul R. Franke

Nr. 303 vom 13. Mai 2026, Seite 8

Veranstaltungen im mach|werk

Edit Template

Über uns

KOMPAKT MEDIA als Printmedium mit über 30.000 Exemplaren sowie Magazinen, Büchern, Kalendern, Online-Seiten und Social Media. Monatlich erreichen wir mit unseren verbreiteten Inhalten in den zweimal pro Monat erscheinenden Zeitungen sowie mit der Reichweite unserer Internet-Kanäle mehr als 420.000 Nutzer.