Dienstag, November 29, 2022

Gedanken- & Spaziergänge im Park

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Runter geht’s schneller als rauf

Eine Meldung machte kürzlich Schlagzeilen: Bundesweit wurden durch das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) Schüler der vierten Klasse auf ihre Leistungen bezüglich Lesen, Zuhören, Orthografie und Mathematik hin untersucht. Dabei stellte sich Erschreckendes heraus. Im Gegensatz zu der Vergleichsuntersuchung von 2016 wurde ein beträchtlicher Kompetenzverlust in den vier geprüften Bereichen festgestellt. Im Zuhören betrug er 18 Prozent, beim Lesen 19 Prozent, in Mathematik 21 Prozent und in Orthografie sogar 30 Prozent, wobei die Stadtstaaten Berlin und Bremen noch bedeutend schlechter abschnitten. Es gab verschiedene Erklärungsversuche, z. B. die Unterrichtsausfälle während der Pandemie der letzten zwei Jahre oder auch die vermehrte Zuwanderung seit 2015. Aber diese Erklärungsversuche reichen nicht aus, denn das Problem der Kompetenzverluste in den Fächern Deutsch und Mathematik besteht schon wesentlich länger.

Bereits der von verschiedenen Politikern und einigen Medien verdammte und aus der SPD ausgeschlossene Thilo Sarrazin beklagte bereits 2010 in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ die stetig abnehmenden Leistungen in den Fächern Deutsch und Mathematik. Er schrieb: „Wenn der heutige Hauptschulabschluss nach zehnjähriger Schullaufbahn jenes Niveau an Leseverständnis und Grundschulmathematik sicherstellen würde, dass man 1955 in einer fünfzigköpfigen Klasse mit Abschluss des vierten Schuljahres erwerben konnte, dann wäre man heute bildungspolitisch (…) wesentlich weiter. Es ist alarmierend, dass zumindest an den Grund- und Hauptschulen in den letzten Jahrzehnten das Anforderungs- und Leistungsniveau in Mathematik und Lesen durchgehend gesunken ist.“ Dieser Leistungsabfall hat vermutlich auch andere Ursachen, die in einer veränderten Bildungspolitik zu suchen sind. Der Frontalunterricht wurde verteufelt, die sogenannten Kopfnoten wurden ersatzlos gestrichen, die Ansprüche wurden immer weiter gesenkt. Unsinnige Behauptungen wie „Diktat kommt von Diktatur“ und widersinnige Methoden wie „Schreiben nach Gehör“ machten den Schülern nur noch mehr Probleme, da sie dann in höheren Klassen plötzlich orthografisch richtig schreiben sollten. Spielfilme im Kino und TV, in denen Szenen aus Schulklassen gezeigt werden, wie zum Beispiel in dem Film „Fack ju Göhte“, sind sicherlich auch ein übertriebenes Abbild der Schuldisziplin, aber sie zeigen doch, dass in manchen Schulen anscheinend ein erheblicher Verlust an Disziplin im Unterricht, auch den Lehrern gegenüber, einen negativen Einfluss hat. Gerd und ich erinnerten uns daran, dass wir selbstverständlich alle aufstanden, wenn ein Lehrer die Klasse betrat. Wir empfanden das auch als völlig normal und keinesfalls als irgendeinen „Disziplinterror“. In einer größeren Gruppe muss es immer Regeln geben, damit diese Gruppe auch ihr gesetztes Ziel erreichen kann. Diese Regeln könnte man auch Disziplin nennen. Durch bildgebende Medien, wie das Fernsehen und das Handy, verschärft sich die Leseunwilligkeit bei einer Anzahl von Kindern vermutlich noch mehr. Auf jeden Fall geben die Zahlen der Untersuchung keinen Anlass zum Optimismus, da dieser Trend offenbar schon Jahrzehnte anhält.

Mit der kalten Jahreszeit rückt die Energiekrise immer näher. Bei dem Streit in der Ampel über die verbliebenen Kernkraftwerke hat der Kanzler ein „Machtwort“ gesprochen, wohlweislich erst nach Ende des grünen Parteitages, auf dem noch von zwei KKW im Streckbetrieb geredet wurde. Nach diesem Parteitag und der Wahl in Niedersachsen ist nun doch das KKW Emsland dazugekommen. Widersinnigerweise sollen diese drei KKW im April aber ihre Arbeit endgültig beenden. Als ob die durch den russischen Überfall auf die Ukraine akut gewordene Energiekrise sich nach unserem Regierungskalender richten würde! Vernünftig wäre es nicht nur, die drei KKW länger laufen zu lassen, sondern auch die Ende 2021 stillgelegten KKW so schnell wie möglich zu reaktivieren und entsprechende Brennelemente zu besorgen. Immer noch erfolgen rund 12 Prozent der Stromerzeugung durch Erdgas. Um Gas in Strom umzuwandeln, ist es eigentlich viel zu kostbar. Es wird in der Industrie und im Handwerk dringender benötigt. Diese 12 Prozent könnten durch die sechs KKW locker ersetzt werden. Nicht zu vergessen, dass die Wärme einer großen Zahl von Wohnungen auch vom Erdgas abhängt. Pläne, die Wohnungswärme durch Erdwärme zu erzeugen, sind Zukunftsmusik, wobei man auch noch bedenken muss, dass diese Wärmepumpen mit Strom betrieben werden müssen. Diese Energiemisere ist nicht nur von der jetzigen Regierung gemacht, sondern sie ist ein Erbe von Frau Merkel, die die Abschaffung der Atomenergie beschloss und zur Energieversorgung voll auf Russland setzte, wobei die SPD als Koalitionspartner und Herr Steinmeier als damaliger Außenminister beteiligt waren. Frau Merkel behauptete bekanntlich, bei Entscheidungen die Sache vom Ende her zu betrachten. Ein völlig unsinniger Satz, der mit der lateinischen Prämisse „respice finem“ (bedenke das Ende) überhaupt nichts zu tun hat. Denn „eine Sache vom Ende her zu betrachten“ setzt doch voraus, dass man das Ende genau kennt und von da aus zurückblicken kann, also quasi hellseherische Fähigkeiten besitzen müsste. Wenn sie darüber verfügt hätte, dann steckten wir jetzt nicht in dieser energiepolitischen Misere mit der drohenden Aussicht auf einen „blackout“ in diesem Winter. „Vorsicht mit dem Wort blackout“, warf Gerd in diesen Gedankengang ein, „dieses Wort ist extrem rechtsverdächtig!“ „Wie kommst du denn darauf? Davon spricht man in den Nachrichten, es steht in allen Zeitungen und auch die Politiker führen es häufig im Mund.“ „Ja, aber unsere grüne Stadträtin Madeleine Linke – der Name scheint ihr Programm zu sein – behauptete am 20. Oktober in der Stadtratssitzung erregt, dass blackout „ein rein rechtes wording“ sei und sie deshalb kotzen möchte. Und außerdem werde es keinen blackout geben.“ „So ein Quatsch, wie kommt sie denn nur darauf? Aber der Begriff ‚wording‘ klingt natürlich viel weltläufiger und gebildeter als Wortwahl oder Formulierung. Manchmal fragt man sich, warum Politiker manchmal so Widersinniges von sich geben. Wie z. B. auch der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst, der vor etwa einem Monat in einem Interview mit der FAZ sagte, dass der Markenkern der CDU nie das Konservative war. Aber wen sollten konservativ Denkende denn dann wählen, die AfD vielleicht?“ „Ja, wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr,“ schmunzelte Gerd.

Als hätten wir aus den Erfahrungen mit der Energieabhängigkeit von Russland nichts gelernt, bahnt sich schon seit längerem mit China Ähnliches an. China hat schon einige Beteiligungen in Deutschland, aber auch Unternehmen, die bereits hundertprozentig chinesisches Eigentum sind, wie z. B. die Gruppe Stern-Auto, die fast alle größeren Mercedesniederlassungen in Ostdeutschland umfasst. Das Neueste ist, dass die staatliche chinesische Reederei Cosco ein gutes Drittel des Hamburger Containerterminals übernehmen will. Den gesamten griechischen Hafen Piräus hat China übrigens schon übernommen. Während nahezu alle Parteien dagegen Einwände haben, sind Scholz und der Hamburger Bürgermeister dafür. Scholz will mit einer Wirtschaftsdelegation am 4. November nach China reisen und da wäre das ein hübsches Gastgeschenk. Das würde unsere schon vorhandenen Verflechtungen und Abhängigkeiten von China noch weiter erhöhen. Ist China nicht ebenso eine undemokratische Autokratie wie Russland? Hat es nicht vor wenigen Jahren die demokratischen Verhältnisse in Hongkong endgültig vernichtet und plant es nicht die notfalls gewaltsame Einverleibung der Republik Taiwan, so wie es Putin mit der Ukraine vorhat? Und wird China nicht von Xi Ping beherrscht, der wie Putin in „guter“ kommunistisch-stalinistischer Tradition lebenslang herrschen will? Das weiß doch auch der Kanzler! Was wir brauchen, ist eher eine allmähliche Entflechtung und das Lösen aus der Abhängigkeit von solchen Autokratien.

Nach all dem Traurigen und Ärgerlichen berichtete Gerd noch etwas Heiteres: Letzten Mittwoch hätten sich Mitglieder der Sekte „Letzte Generation“ im Porsche-Pavillon in Wolfsburg am Boden festgeklebt. Bei dieser Aktion beschwerten sie sich, dass VW keine Töpfe für die Notdurft bereitgestellt und zum Abend auch noch die Heizung runtergedreht habe! Außerdem hätten sie nicht das Essen ihrer Wahl bekommen, sondern nur das, was VW ihnen (immerhin!) zur Verfügung gestellt habe. „Verwöhnte Revolutionäre“, meinte Gerd dazu, „da können ja VW und Porsche froh sein, dass die Angeklebten nicht auch noch ein Honorar gefordert haben.“ So sind eben die deutschen Revolutionäre, von denen Lenin behauptete, dass sie erst eine Bahnsteigkarte lösen würden, wenn sie einen Bahnsteig erstürmen wollten.

Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100) erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online auf unserer Website bestellt werden.

Text: Paul F. Gaudi, Seite 8, Kompakt Zeitung Nr. 220

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