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Leben mit der "Mikrowelle" Am Kopf?

Prof. Dr. Peter Schönfeld

Wir schätzen es sehr und benutzen es häufig – das Handy. Weil unser ständiger Begleiter aber mit elektromagnetischer Strahlung „arbeitet“, gibt es auch Befürchtungen, dass der Umgang mit ihm gesundheitliche Folgen haben könnte. Neuerdings soll das Handy sogar mitschuldig an der weltweiten Zunahme der Übergewichtigen sein.

Das Handy ist heute für die meisten von uns längst zu einem (scheinbar) unverzichtbaren Begleiter geworden. Abgesehen von den Kommunikationsmöglichkeiten, die es bietet, über-trifft es als Informationsquelle frühere Nachschlagewerke um ein Vielfaches und hat die Kleinbildkamera fast vom Markt gefegt. Es kann aber auch zur „Suchtdroge“ und zum „Totengräber“ der direkten zwischenmenschlichen Kommunikation werden. Beim Letzteren denke ich immer an die jungen Paare im Restaurant, deren ganze Aufmerksamkeit ihrem Handy gilt und die in Sprachlosigkeit erstarrt auf das Essen warten. 


Als ich mich für das Mobiltelefon zu interessieren begann, stolperte ich zuerst über seine drei Namen – Handy, Smartphone, iPhone. Für diejenigen, denen es ebenso geht wie mir, eine kurze Begriffserklärung. Unter dem Handy versteht man nur das tragbare, ortsunabhängig benutzbare Telefon. Das Smartphone vereint in sich die Mischung von Handy, Computer, Fotoapparat und Spielkonsole. Das iPhone ist auch ein Smartphone, das allerdings mit einem anderen Betriebssystem arbeitet. Weil aber der Ausdruck Smartphone nicht so häufig im normalen Sprachgebrauch benutzt wird, schreibe ich im Folgenden die Eigenschaften dieses Allrounders einfach dem Handy zu.


Als die Deutsche Bahn noch die Nase vorn hatte …


1923 ist das Geburtsjahr des Mobilfunks. Die Deutsche Reichsbahn hatte in diesem Jahr den Reisenden der 1. Klasse auf der Strecke zwischen Hamburg und Berlin erstmals einen mobilen Telefondienst zur Verfügung gestellt. Der Ururgroßvater der heutigen digitalen Wunderwerke kam 1983 als Motorola Dynatac auf den Markt und war für 3995 $ zu haben. Des stolzen Preises wegen war es ein damaliges Statussymbol. Trotz seiner Exklusivität konnte man mit ihm aber nur maximal 30 min telefonieren. Danach brauchte der erschöpfte Akku zehn Stunden für die Regenerierung.


Das erste Multifunktions-Handy mit einer E-Mail-Funktion kam 1996 in den Handel. Bis zum Handy mit der eingebauten Kamera vergingen noch 3 weitere Jahre. Seit dieser Zeit überschlagen sich die Entwicklungen im mobilen Telefonbetrieb und die Handy-Hersteller werben in immer kürzeren Zeitabschnitten mit immer neuen Raffinessen um die Aufmerksamkeit ihrer Kundschaft.


Ist der Gebrauch des Handys toxisch?


Wir unterhalten zu ihm oft einen hautnahen Kontakt. Weil nun aber Handys mit elektromagnetischer Strahlung „arbeiten“, warf das frühzeitig die Frage auf: Bringt der Umgang mit dem Handy vielleicht irgendwann Schaden über uns? Das ist keine abwegige Spekulation, denn Mikrowellenstrahlung kann menschliches Gewebe erwärmen. Von dieser erwärmenden Wirkung machen wir Gebrauch, wenn das Essen mit der Mikrowelle zubereitet wird. Im sogenannten Magnetron der Mikrowelle wird eine Strahlung (2,45 GHz) erzeugt, die Wassermoleküle zu schnellen Rotationen anregt. Der Garraum ist abgeschirmt, so dass ein Austreten von Strahlung aus der Mikrowelle weitestgehend verhindert wird. Um die Handystrahlung möglichst niedrig zu halten, wurden den Herstellern strenge Normen auferlegt. Eine davon ist der sogenannte SAR-Wert, die „Specific Absorption Rate“ der elektromagnetischen Strahlung. Dieser Wert gibt die Energieaufnahme pro Zeit durch biologisches Gewebe an. Angegeben wird der SAR-Wert in Watt pro kg, und darf einen Wert von 2, wenn wir das Handy am Kopf haben, nicht überschreiten. Sie können sich über den SAR-Wert ihres Handys in der Liste vom Bundesamt für Strahlenschutz (Internet: BfS-SAR Suche) informieren. Ich habe das getan und für mein normales und nicht mehr ganz neues Handy einen SAR-Wert von 0,38 gefunden.


Dauerhaftes Telefonieren nährte auch die Befürchtung, dass der Handybetrieb möglicherweise die Gefahr einer Krebsentstehung im Kopf erhöht. Das ist aber nach der Expertenmeinung unwahrscheinlich, weil die vom Handy genutzte elektromagnetische Strahlung nicht ionisierend wirkt, und deshalb keine Veränderungen (Mutationen) im Erbgut (DNA) verursachen kann. Dazu die Medizinerin Susanne Weg-Remers, Leiterin des Krebsinformationsdienstes des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg: „Es gibt keine Belege dafür, dass die von den Mobilfunkgeräten ausgehenden elektromagnetischen Felder eine Erbgutveränderung auslösen.“ Diese Einschätzung deckt sich mit der von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und wird auch von der seit über 20 Jahren in Großbritannien durchgeführten „UK Million Women Study“ gestützt. In dieser seit 1996 laufenden Studie wurden 2001 erstmals 800.000 Frauen über ihre Nutzung von Mobiltelefonen befragt. Die in diesem Zeitraum neu aufgetretenen Hirntumor-Erkrankungen unter den Teilnehmerinnen ergaben keinen Hinweis auf einen Zusammenhang mit der Häufigkeit des Telefonierens. Nebenbei gesagt, Hirntumore sind relativ selten (in Deutschland rund 8 Erkrankungen pro 100.000 Frauen) und tragen zur Gesamtzahl der Tumorerkrankungen nicht mehr als 2 % bei.


Es bleibt eine Rest-Unsicherheit


Skeptiker argumentieren nun, dass es Ergebnisse von einer Langzeitstudie mit Ratten und Mäusen gibt, die einen Zusammenhang zwischen Krebs und der Handy-Strahlung nahelegen. In dieser 1999 gestarteten, über 10 Jahre laufenden Studie wurden (3.000) Mäuse und Ratten, 9 Stunden am Tag und mindesten 2 Jahre lang, mit Hochfrequenzstrahlung (von 900 bzw. 1.900 MHz) bestrahlt. Nach abschließender Bewertung der Studienergebnisse durch die amerikanische Food and Drug Administration (FAD) können diese aber nicht auf Menschen übertragen werden, denn die Strahlungsexposition war in der Studie 50mal höher als der für Menschen festgelegte Grenzwert.


Neue Bedenken sind durch die beabsichtigte Einführung des Mobilfunks der 5. Generation (5G) aufgeflammt. So wurde ein von über 800.000 Personen unterzeichneter Appell an die Vereinten Nationen gesandt, um den 5G-Ausbau zu stoppen. Der aktuelle 4G-Mobilfunkstandard in Deutschland, Österreich und der Schweiz arbeitet im Frequenzbereich zwischen 0,8 – 2,6 GHz. Der 5G-Mobilfunk will dagegen im Frequenzbereich knapp unter 30 GHz arbeiten. Durch die höhere Arbeitsfrequenz beim 5G-Betrieb wird mehr Energie (E) von der Körperoberfläche absorbiert, denn die Energie elektromagnetischer Strahlung ist seiner Frequenz (v) proportional (E=hv). Aber nach Expertensicht sind im 5G-Betrieb auch keine Mutationen im Erbgut zu erwarten. Trotzdem sind die Bedenken der „Anti-5G-Aktivisten“ nicht völlig unberechtigt, denn über mögliche Langzeitwirkungen der Strahlung auf Körperzellen im 5G-Betrieb weiß man wenig.


Und dann gibt es ja auch noch die „Männerangst“, dass die „Handy-Mikrowelle“ in der Hosentasche unfruchtbar macht. Zum Schutz der Hoden vor zu viel Wärme hat die Natur diese bei höheren Säugetieren aus der Bauchhöhle ausgelagert. In dieser Position ist es in ihrem Inneren etwas kühler (34°C), was für den langen (64 Tage dauernden) und komplexen Reifungsprozess der Spermien günstig ist. Laut BfS ist der mögliche Temperaturanstieg durch das Handy in der Tasche unter dem Grenzwert, der der Spermienbildung gefährlich werden könnte. Eher ist dagegen der beim Dauertragen enganliegenden Jeans auftretende Wärmestau für die Spermiogenese nachteilig.


Andere Sorgen


Es gibt aber noch andere, durch den Mobilfunk hervorgerufene Bedenklichkeiten. So fürchten die Radioastronomen, dass es durch den 5G-Mobilfunk zukünftig viel schwerer werden wird, die aus dem Weltraum kommenden Radiosignale von den menschengemachten Signalen zu separieren. Man kann das vergleichen mit der erhöhten Luftverschmutzung, die die optische Astronomie in bewohnten Gebieten auf der Erde unmöglich macht.


Ganz andere Aufregung löste vor Kurzem eine von der Uni Lübeck veröffentlichte Publikation in einer wissenschaftlichen Ernährungszeitschrift („Nutrients“, 2022) aus. Ein Team aus Psychoneurobiologen hatte darin geschrieben, dass sich durch den Handybetrieb die Kalorienaufnahme erhöht. Ein solch alarmierender Erkenntnisgewinn lenkt natürlich sofort die Aufmerksamkeit auf das zugrunde liegende Versuchsdesign. Für die Studie wurden 15 männliche Probanden im Abstand von zwei Wochen dreimal zu dem Experiment eingeladen. Zuerst wurden die Probanden mit Handys 25 min „bestrahlt“ oder zur Kontrolle „scheinbestrahlt“. Danach konnten sie sich an einem Buffet für eine bestimmte Zeit stärken. Im Anschluss wurden die Versuchsteilnehmer über ihre Nahrungsaufnahme am Buffet befragt, ihre Blutwerte (Blutglucose, Insulinausschüttung) bestimmt und Energieindikatoren im Gehirn gemessen. Für Letzteres wurde mit dem Einsatz der Phosphor-Magnetischen Resonanz Tomographie (P-NMR) ein besonders hoher Aufwand betrieben. Was waren nun die experimentellen Ergebnisse? Die 25 Minuten mit dem Handy am Ohr hatten bei „bestrahlten“ Probanden den Appetit so gesteigert, dass sich diese am Buffet mehr Kohlenhydrat-Kalorien im Vergleich zur Kontrollgruppe zugeführt hatten. Eine Kalorienmenge, die in einem halben Glas Bier enthalten ist. Spuren der Appetitzunahme (wie eine erhöhte Insulinausschüttung) fanden sich allerdings nicht im Blut. Die (nur) durch Probanden-Befragung ermittelte relativ gering erhöhte Energieaufnahme und die geringfügig veränderten P-NMR-Signale verführten die Autoren der Studie zu der Vermutung, dass das Handy-Telefonieren zur weltweiten Adipositas-Epidemie beigetragen hat.


Hier denke ich noch an andere Veränderungen in den letzten Jahrzehnten, die das Potenzial haben, den Anteil der Übergewichtigen zu fördern. Dazu zählt die Zunahme der Bewegungsinaktivität, ein durch das Frühstücksfernsehen verlängerter täglicher Fernsehkonsum sowie die Vielzahl von Imbissmöglichkeiten, die es heute möglich machen, eine Appetitsattacke während eines Stadtbummels sofort zu besänftigen. Auch wegen der kleinen Probandenzahl und den von Statistikkennern angemerkten Mängeln in der Lübecker Studie werde ich mich nicht dazu verleiten lassen, zukünftig beim Telefonieren ängstlich auf die Uhr zu schauen. Ich habe auch noch nie nach einem längeren Telefonat Heißhunger verspürt.

Seite 24-25, Kompakt Zeitung Nr. 225