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Römers Reich:
Universalistische Spaltung

Axel Römer

Das Land wird bunter und vielfältiger. So wird es gern verkündet, insbesondere von Menschen, die sich politisch eher grün oder links sehen wollen. In der vergangenen Ausgabe habe ich versucht zu zeigen, dass die Gerechtigkeit für manche Menschen mit „diversen“ Geschlechtervorstellungen häufig an der eigenen Definition aufhört. Heute blicken wir auf politische Akteure, die anderen Spaltung vorwerfen und sich selbst als universalistisch begreifen. Natürlich gibt es im „Studies-Zeitalter“ wiederum eine Erhebung, die sich mit dem Phänomen Zusammenhalt beschäftigt. Die letzte CDU-SPD-Regierung machte sich Sorgen um den Zusammenhalt der Gesellschaft und sah Spaltungstrends. Deshalb gründete man 2020 das „Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ (FGZ). Dies sollte ein Beitrag für den Kit der Gesellschaft liefern. Nun legte das Institut den ersten „Zusammenhaltsbericht“ vor.

 

Einen Zerfall der Gesellschaft wollen die involvierten Forscher vorerst nicht erkennen. Allerdings gebe es eine Tendenz zur inneren Segregation. Demnach würden sich „Blasenbildung“ und „Homophilie“ unter den Deutschen vermehren. Eine Entkopplung von sozialen Lebenswelten wäre zu beobachten und keine bunte Mischung, wie man sich das eigentlich wünschte. Man bleibe lieber unter seinesgleichen. Nun muss man den Bericht in seiner Aussagekraft nicht überbewerten. Im Bericht sind subjektive Aussagen über Gefühlslagen zum Zusammenhalt der Gesellschaft enthalten, aber keine objektiven Daten, beispielsweise zum Ausmaß von sozialer Ungleichheit anhand von Sozialstatistiken. Aber einen Trend zur Segregation (räumliche Aufteilung, Trennung oder Entmischung entlang bestimmter Merkmale) weist die Studie nach. Sich im vertrauten, eigenen Milieu zu bewegen sei unter geringer Gebildeten, Muslimen, Anhängern der AfD und vor allem bei Grünen zu erleben. Diese Gruppen haben ein Verhalten entwickelt, das sich eher vom Rest der Gesellschaft entkoppelt.


Diese Erkenntnis wird wahrscheinlich bei religiösen Gemeinschaften wie Muslimen, die vielfach anders kulturell und traditionell geprägt sind als hiesige Landsleute, überraschen. Im traditionell-konservativen Verständnis wird man sich kaum an sogenannten Gender-Treffen beteiligen, die es übrigens auch in Magdeburg gibt. Geringer Gebildete suchen höchstwahrscheinlich selten wissenschaftliche oder gesellschaftspolitische Debattenräume auf, um sich über die Vielfalt von Ansichten zu informieren. Dass sich jedoch die Grünen, die sich selbst als universalistisch, weltoffen, bunt und divers verstehen wollen eher in ihren Milieus zurückziehen, anstatt auf andere zuzugehen, ist ein denkwürdiger Befund. Auf jeden Fall zeigt dies, dass die demokratische Offenheit wahrscheinlich weniger dort greift, wo sie dauernd gepredigt wird. Wer Universalität fordert, muss sie dann jedoch auch leben. Sich vor anderen zu verschließen, sägt am Zusammenhalt der Gesellschaft. Das wurde bisher eher der AfD und Muslimen unterstellt. Es sind aber auch andere.

Seite 2, Kompakt Zeitung Nr. 245, 22. November 2023