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Magdeburger Gesichter:
Gebärklinik zu Hause

Gabriele Köster

Friedrich Wilhelm Traugott Voigtel war ein bedeutender Magdeburger Arzt, Hebammenlehrer und Medizinalbeamter. Er wurde als Sohn Traugott Liebegott Voigtels und jüngerer Bruder Johann Carl Voigtels geboren. Während sein Bruder als Jurist in die Fußstapfen des Vaters trat, folgte Friedrich Wilhelm dem Vorbild des Bruders seines Vaters, Friedrich Georg Voigtel, der als Arzt in Eisleben praktizierte, und studierte nach dem Besuch der Magdeburger Domschule ab 1785 in Halle (Saale) Medizin.


Über seinen bravourösen Studienabschluss mit Promotion heißt es in den Frankfurter gelehrte Anzeigen von 1790 (S. 313 f.): „Den 26. Jan. bestieg Hr. Friedrich Wilhelm Voigtel aus Magdeburg das Katheder, und vertheidigte mit sehr großem Ruhme seine sehr wohl ausgearbeitete Dissertation […] Wenn alle junge angehende Aerzte mit solchen Kenntnissen und solcher Geschicklichkeit die Universität verliesen, als Hr. Dr. Voigtel jene: so würde die Wissenschaft selbst, und auch die Kranken sehr dabei gewinnen.“ Die Dissertationsschrift zur Geburtsheilkunde, die er seinem Onkel widmete, erschien noch im selben Jahr in lateinischer und 1799 auch in deutscher Sprache und wurde zum Lehrbuch für Geburtshelfer und Hebammen. Nach Studienreisen, die ihn nach Paris und Wien führten, wurde er 1795 Leiter der 1777 gegründeten Provinzial-Hebammenschule in Magdeburg. Als er 1797 außerdem zum Landphysikus ernannt wurde, schlug er die Erweiterung einer Lehranstalt für Hebammen, Chirurgen, Krankenwärterinnen und Leichenfrauen vor, die jedoch abgelehnt wurde. Stattdessen erweiterte er die Hebammenschule 1798 um ein „Gebärhaus“.


Als Voigtel 1802 für 4.000 Taler ein Haus in der Prälatenstraße 33 erwarb, in dem er zur Miete Räumlichkeiten für die Gebärklinik und einen Hörsaal für den Hebammenunterricht zur Verfügung stellte und die Schülerinnen auch wohnen konnten, entwickelte sich die Einrichtung zu einer Hebammenlehranstalt. Als 1803 in den größeren Städten Preußens Pockenimpfungsinstitute eingerichtet wurden, fand auch ein solches unter Leitung Voigtels in seinem Haus Platz. 1805 schlug er zudem die Er-richtung eines „Instituts für Seelenkranke“ in Magdeburg vor. 1807 setzten sich seine jährlichen Einnahmen in Höhe von 880 Reichstalern aus seiner Tätigkeit als Landphysicus, Medizinal- und Sanitätsrat, Hebammenlehrer und Impfarzt zusammen.

 

In napoleonischer Zeit wurde 1807 das Medizinalwesen umstrukturiert. In dem neu gegründeten Collegium medicum et sanitatis des Elbe-Departements behielt Voigtel zunächst das Landphysikat, bevor er es 1809 aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit dem Direktor aufgab. Er war außerdem gegen Besoldung im französischen Militärlazarett beschäftigt. Während der Befreiungskriege gründete er mit Zustimmung des französischen Lazarettdirektors ein Privatlazarett, in dem preußische und russische Kriegsgefangene unter seiner Anleitung von Magdeburger Bürgerinnen gepflegt wurden. Nach dem Abzug der Franzosen übernahm er von 1814 bis 1817 die Leitung des preußischen Provinzial-Lazaretts in Magdeburg. Anlässlich der Auflösung des Lazaretts wurde ihm 1817 das Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen.
In dem neu gegründeten preußischen Provinzial-Medizinalkollegium, in das Voigtel als Medizinalrat berufen wurde, zeigte er einen Kollegen wegen eines in der Zeit der französischen Besatzung durchgeführten Abbruchs einer Schwangerschaft bei der Geliebten des französischen Militärgouverneurs an. 1820 übernahm er die Leitung des Gremiums, legte dieses Amt jedoch bereits 1822 wieder nieder. Seine Resignation steht möglicherweise in einem Zusammenhang mit dem Scheitern eines 1817 von ihm und seinem Kollegium eingereichten Vorschlages, die Magdeburger Chirurgenschule als preußische Lehranstalt auszubauen.


1825 gab er auch die Leitung der Provinzial-Hebammenlehranstalt auf, die 1818 erneut vergrößert worden war und hierfür aus dem Privathaus Voigtels in das Konventsgebäude des ehemaligen Nicolaistifts verlegt wurde, wo sie bis 1899 verblieb. Die Leitung übernahm nach einem kurzen Intermezzo von Friedrich Leberecht Trüstedt (1791–1855) von 1826 bis 1864 der Sohn seines Bruders Johann Carl Traugott, Carl Eduard Voigtel (1801–1868). […]


Voigtel war mit Marie Christiane Karoline von Werder (geb. 28.09.1774) verheiratet. Ihre Tochter Karoline Emma Voigtel heiratete 1828 den Regimentskommandeur Karl Wilhelm Bonsac. Voigtel engagierte sich in der literarischen Mittwochsgesellschaft, genannt „Die Lade“, die 1811 in seinem Haus ihr 50-jähriges Bestehen beging, und war auch Mitglied des Magdeburger Kunstvereins. Er war mit Hans Carl Erdmann Freiherr von Manteuffel (1773–1844) befreundet, und als beide nur wenige Tage nacheinander 1844 verstarben, wurde dieser erstaunliche Umstand von Bernhard Adolph Lehmann in einem Gedicht auf Manteuffel hervorgehoben.


Das Dreiviertelporträt von der Hand Caroline Barduas zeigt den exquisit gekleideten Arzt etwa 50-jährig an einem Tisch sitzend, die Rechte auf ein Buch gelehnt, die Linke in den Mantel gesteckt. Er schaut den Betrachter aufmerksam an. Ein Vorhang, der den Oberkörper hinterfängt, gibt auf der rechten Seite den Blick in eine Landschaft frei. Mehrere Bücher auf einem Bord verweisen auf seine Gelehrsamkeit, zwei Petschaften am Gürtel auf seine Amtsgewalt und das auf der Brust befestigte Eiserne Kreuz auf seine hohe staatliche Auszeichnung. Die Darstellung des 1817 verliehenen Ordens gibt dem Porträt ein Datum post quem.            

Das Kulturhistorische Museum Magdeburg erinnerte 2021 an Magdeburger Gesichter des 19. Jahrhunderts. Die Porträts der Sonderausstellung sind weiterhin in der Kompakt-Zeitung zu finden.

Seite 10, Kompakt Zeitung Nr. 245, 22. November 2023