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Römers Reich:
Inflation der Besserwisser

Axel Römer

„Es ist ein Jammer, dass die Besserwisser zwar alles besser wissen, aber nichts besser machen.“ So resümiert der österreichische Lehrer und Schriftsteller Ernst Ferstl über die Spezies der Besserwisser. Bösere Zungen nennen solche Leute auch Klugscheißer, und solche, die es harmloser ausdrücken wollen, nutzen das Wort naseweise. Menschen wie mir wird häufig ein Besserwisser-Etikett angeheftet. Schließlich verweise ich gern auf Widersprüche und fehlende Aspekte in einer Argumentation. Auch nehme ich Behauptungen nicht einfach so hin, selbst dann nicht, wenn mir ein Gegenüber eins mit der Wissenschaftskeule überhelfen will. Oft ist dann von Studien die Rede, die dieses oder jenes belegen sollen. Ich wende dann gern ein, dass Forschungsmethoden heute so weit entwickelt sind – egal, ob sozial- oder naturwissenschaftliche –, dass man eigentlich für jede These einen Nachweis führen kann.


Das zweite Problem einer Inflation an Besserwisserei ist durch das Internet entstanden. Begriffe, Daten und Fakten, jede entstehende Frage oder eine Wissenslücke werden heute gern sofort online überprüft. Und bei gegensätzlichen Positionen wird entsprechend argumentativ zurückgeschlagen. Natürlich ist vielen klar, dass eine schnelle Suche nicht unbedingt eine verlässliche Antwort auswerfen kann. Möglicherweise findet man wichtige Informationen erst auf Hunderten Seiten hinter der Ausgabe einer Suchmaschine. Doch lange nachzulesen, ist offenbar eine schwindende Beschäftigung. Da muss das Interesse am Wissensgebiet schon enorm groß sein. Die ersten ausgeworfenen Internetseitenfunde sind häufig nur deshalb ganz vorn, weil sie entweder gesponsort sind oder eben oft aufgerufen wurden und gut vernetzt sind.


Inzwischen hat eine neue Untersuchung der Postbank herausgefunden, dass Erwachsene unter 40 Jahren im Schnitt 93 Stunden – das entspricht fast vier ganzen Tagen und Nächten – pro Woche online angeschlossen sind. Allein die Smartphone-Nutzung verschlingt inzwischen einen ganzen Wochentag. Der Berliner Psychiater Jan Kalbitzer meint, dass dadurch die Kontrolle über das Nutzungsverhalten flöten geht und die Abhängigkeit, noch häufiger zum Handy zu greifen, stimuliert wird. Und ich glaube, dass außerdem die Besserwisserei weiter um sich greifen wird. Niemand möchte doch dumm dastehen. Also wird auf Teufel komm raus weiter und schneller gesucht. Für die eigentlich tieferen Informationen und die Wissensbereicherung bleibt schließlich immer weniger Zeit übrig. Das schnelle Herausposaunen von Meinungen, die fälschlicherweise oft für Wissen gehalten werden, verbreiten die allgemeine Klugscheißerei inflationär. Und ganz wichtig ist dabei der Ausspruch von Georg-Wilhelm Exler, einem Sprücheerfinder aus Rheine, zu beachten: „Besserwisser heißen Besserwisser, weil sie es nicht besser können.“ Ich weiß es nicht besser, aber ich glaube, dass wir uns hierzulande und sicher auch anderswo auf dem Weg befinden, alles immer besser wissen zu wollen, aber fürs Können einfach keine Zeit mehr finden.

Seite 2, Kompakt Zeitung Nr. 248, 24. Januar 2024