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Einfach Maschinen

Von Rudi Bartlitz

Eine Terminhatz ohnegleichen. Die SCM-Handballer müssen in den nächsten Monaten auf gleich drei Hochzeiten tanzen.

Verschnaufen ausdrücklich verboten! Noch nicht einmal eine Woche war die Handball-EM in Deutschland alt, da begann im Veranstalterland schon wieder die Ballhatz. „Es ist eine Frechheit, dass eine Woche nach dem Finale ganz, ganz viele Spieler wieder ranmüssen“, erregte sich Füchse-Vorstand Stefan Kretzschmar. „Für sie ist das brutal. Sie haben kaum Zeit, sich mal kurz zu erholen oder durchzuatmen.“ Bis Anfang März stehen Wochen bevor, in denen die in der Champions League und im EHF-Cup engagierten Spitzenteams wieder im kräftezehrenden Drei-Tage-Rhythmus auf die Platte müssen. Und sowohl in der Meisterschaft als auch in den internationalen und nationalen Cup-Wettbewerben rücken die Entscheidungen immer näher.


Zu den Klubs, auf die das Hammer-Programm mit voller Wucht zutrifft, gehört der SCM. In drei Rennen sind die Grün-Roten noch aussichtsreich vertreten. „Wir hatten 15 EM-Fahrer, und keiner von denen kam zufrieden zurück“, umriss Trainer Bennet Wiegert die Situation vor dem Rückrundenstart. „Es ist wirklich extrem“, unterstrich er in einem „Bild“-Interview, „denn auch die sechs Medaillengewinner wollten alle mehr. Die Schweden fühlten sich beim Halbfinal-Aus ungerecht behandelt, die Norweger und Isländer sind unzufrieden. Und auch die Dänen wollten ihren EM-Fluch besiegen. Aber: Ich arbeite lieber mit Unzufriedenheit, denn das kann Schub für die nächsten Aufgaben geben.“


Und tatsächlich, Wiegert sollte recht behalten. Als wäre nichts gewesen, machte der SCM am Sonntagabend im ersten Wettbewerb, der nach der EM anstand, gleich Nägel mit Köpfen. Gegen die Rhein-Neckar Löwen wurde beim grandios herausgespielten 34:24 eines der Saisonziele erreicht: Qualifikation für das Finalturnier (Final Four) im DHB-Pokal. Dort treffen die aktuell vier Top-Teams der Liga (SCM, Berlin, Flensburg, Melsungen) am 13. und 14. April in der Kölner Lanxess-Arena aufeinander. Im Halbfinale muss der SC Magdeburg gegen die Füchse Berlin antreten.

„Wir haben in diesem Wettbewerb noch etwas gutzumachen“, meinte Wiegert. Im vergangenen Jahr hatte seinem Team in einem dramatischen Finale gegen die Löwen im Siebenmeter-Schießen ein einziger Treffer zum Triumph gefehlt. Diesmal ließen sie es erst gar nicht so weit kommen. Zum alten Höhner-Gassenhauer „Viva Colonia“ („Da simmer dabei, dat is prima!“) wurden die Spieler gefeiert. „Köln ist eines der größten Events, die es im europäischen Handball gibt“, so der Coach.


Wie lange hält der SCM diese Terminhatz mit all ihren Stressfaktoren noch durch, fragten sich viele in der Getec-Arena. In einem Interview mit „Handball World“ hatte Wiegert darauf lakonisch geantwortet: „Bis zum Ende der Saison.“ Seine Spieler seien „einfach Maschinen“. Manchmal erschrecke er sich vor ihnen selbst ein wenig, „welchen Geist sie inzwischen verinnerlicht haben. Ich muss sie nur wenig antreiben, wenig peitschen, kaum zusätzlich motivieren. Sie wollen einfach alle maximal erfolgreich sein. Ich muss sie bloß ein bisschen leiten, in die richtige Bahn lenken. Das macht mir weniger Arbeit als noch vor ein paar Jahren. Diese Generation ist so gepolt, dass sie auch zukünftig erfolgreich sein will. Diese Jungs sind nicht satt, sie wollen mehr. Sie wissen genau, dass sie als Profisportler nur eine begrenzte Zeitspanne haben, und da gibt ihnen keiner etwas wieder. Es ist fantastisch, mit diesen Jungs zu arbeiten. Es macht unheimlich Spaß, dieses professionelle Gedankengut mit ihnen zu teilen und ihnen zu helfen, weiter erfolgreich zu bleiben.“


Um das Wiegertsche Erfolgssystem besser zu verstehen, noch einmal ein Blick zurück zur EM. Bei internationalen Top-Ereignissen lässt sich meist ablesen, welchen Trends die Sportart derzeit folgt, wohin die Reise geht. Obsiegten bei Olympia, Welt- und Europameisterschaften jahrzehntelang zumeist Teams, die starke Shooter – also Spieler, die aus dem Rückraum treffen – in ihren Reihen wussten, deutet sich nun eine andere Entwicklung an. In seiner EM-Turnierbilanz hatte der europäische Verband EHF berichtet, dass immer mehr Tore aus sechs Metern fallen, weniger aus dem Rückraum. Zweikämpfe zu gewinnen, um in die Nahwurfzone zu gelangen, wird also immer wichtiger. Eine Erkenntnis, die Wiegert schon vor fünf Jahren gewann und sein Team seitdem zielgerichtet danach aufgebaut hat.


Alle wichtigen Transfers des SCM seither waren (und sind!) diesem Gedanken untergeordnet. Und spätestens seit drei Jahren lässt der 41-Jährige gewinnbringend derart spielen. Bei allen taktischen Raffinessen und Spielereien: Handball war, wie die „FAZ“ dieser Tage feststellte, „noch nie eine Raketenwissenschaft, und dass sich der Ball aus sechs Metern leichter ins Tor bringen lässt als aus elf, liegt nahe“. Dazu braucht es allerdings die richtigen Akteure. Die hat Wiegert auf seiner minutiösen Entdeckungstour quer durch Europa inzwischen gefunden. Nämlich solche, die im Eins-gegen-Eins erfolgreich sind, sich durch die Abwehrreihen wuseln oder tanken – um dann selbst aus sechs Metern zu vollenden oder den noch besser postierten Mitspieler sehen. Namen, die dafür stehen: Gisli Kristjansson, Omar Ingi Magnusson, Felix Claar, Janus Smarason. Und selbst eher eigentliche Rückraum-Leute wie Philipp Weber und Albin Lagergren lassen sich in diese Kategorie einordnen.


Frankreich wurde mit einer Mischform Europameister; ihr Nahzonen-Erfolgsmodell heißt Ludovic Fabregas – 44 seiner 50 Würfe aufs Tor brachte der 27-Jährige im Gehäuse unter, das ergibt für die gesamte Veranstaltung eine Fabel-Quote von 88 Prozent. Deutschlands Kreisspieler Nummer eins, der Flensburger Johannes Golla, kommt im Vergleich auf 72 Prozent: 31 Treffer aus 43 Versuchen. Neben den Kreistoren gelingen Frankreich aber auch welche von weiter hinten. Dika Mem bringt seine Athletik ein. Elohim Prandi, schon als schlampiges Genie abgestempelt, spielte sein bestes Turnier und half Frankreich in Finale und Halbfinale enorm: „Sicher war sein Tor gegen Schweden kontrovers“, sagte Trainer Guillaume Gille voll des Lobes, „aber wer stellt sich so hin und traut sich diesen Wurf?“ Gille konnte sich freuen, dass auch andere den Plan übererfüllt hatten: Nedim Remili als kompakte Paketlösung vorn und hinten, der unterschätzte Kämpfer Karl Konan und natürlich Kentin Mahé, der vom Sommer an wohl beim VfL Gummersbach spielen wird. Er sagte: „Wir nutzen unser Mitspracherecht, indem wir die Spiele in unserem Sinne akribisch vorbereiten und im Spiel unsere Abläufe verändern. Wir sind als Gruppe sehr kommunikativ.“ Ähnlichkeiten zum SCM? Wenn ja, sie wären gewiss kein Zufall.

Seite 42, Kompakt Zeitung Nr. 249