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Labyrinth der Möglichkeiten

Von Elisa Wiegmann

Zwölf Jahre jeden Tag zur Schule gehen, für Klausuren pauken und die Welt aus dem Klassenraum heraus kennenlernen. Ein Ende scheint nicht in Sicht zu sein, bis man plötzlich doch zum letzten Mal die Schultore durchschreitet und sich damit auf den Weg in einen neuen Lebensabschnitt begibt. Mit dem Abschlusszeugnis in der Hand steht man nun inmitten einer riesigen Welt, die einen mit Möglichkeiten nur so überschüttet. Von Studium und Ausbildung über Praktika und Jobs bis hin zu FSJ, BFD oder Reisen stehen einem viele Türen offen. Doch sobald eine Entscheidung getroffen ist, warten hinter der nächsten Ecke nur umso mehr neue. In der Datenbank des beliebten Studienportals „StudyCHECK“ beispielsweise befinden sich über 9.400 Bachelor-Studiengänge. Wer soll hier den Überblick behalten?

 

Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung belegt, dass im Frühjahr 2020 weniger als 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler in den Abschlussklassen sicher in ihren beruflichen Bildungsentscheidungen waren. Die übrigen circa 60 Prozent befinden sich inmitten eines Wirrwarrs aus Besuchen von Arbeits- und Ausbildungsmessen, nett gemeinten Ratschlägen der Familie, endlosen Onlineinformationen und vor allem Fragen über Fragen, die man sich nicht nur selbst immer wieder stellt, sondern auch von außen bei jeder Gelegenheit zu hören bekommt. Allzu leicht wird dadurch großer Druck bei den jungen Menschen ausgelöst, der wiederum zur Verunsicherung führt, was die eigenen Wünsche und Interessen anbelangt. Zudem entsteht dadurch möglicherweise der Gedanke, dass man nach dem Schulabschluss sofort die eine „richtige“ Entscheidung treffen müsse, da sie den Rest des Lebens beeinflussen würde. Über die Tatsache, dass es in diesem Zuge keine „falschen“ Entscheidungen geben kann, da man aus jedem Entschluss etwas für das Leben lernt und es ganz natürlich ist, dass sich die eigenen Wünsche und Ansprüche im Laufe des Lebens verändern, wird selten gesprochen. Auch solange das Thema Geld ein Tabuthema bleibt, ist es für die Schulabsolventen schwierig, finanzielle Aspekte richtig einzuschätzen und dementsprechend Entscheidungen treffen zu können. Zudem kann ein Unwissen über den tatsächlichen Arbeitsmarkt in Kombination mit den vielen Möglichkeiten zu sehr hohen Erwartungen führen, die möglicherweise nicht erfüllt werden können.


In der Schule sind Spezialisierungs- oder Fördermöglichkeiten meist nur begrenzt möglich. Eine allgemeine Ausbildung ist sehr wichtig und gibt auch erste Anstöße in die individuellen Interessensgebiete der Schülerinnen und Schüler, jedoch führt sie selten zu einer konkreten Berufsentscheidung. Eine Befragung der Bertelsmann Stiftung und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung aus dem Jahr 2023 ergab, dass sich nur 31 Prozent der 14- bis 21-Jährigen gut von der Schule auf das Berufsleben vorbereitet fühlen. Hier ist die Eigeninitiative gefragt sowie der Wille, die bereitgestellten Angebote von Schulen und Unis, wie Berufsberatungsgespräche, Messen oder Onlineveranstaltungen, wahrzunehmen, auf eigene Faust das Internet zu durchsuchen, Praktika zu machen oder Gespräche mit anderen Menschen zu suchen. All diese Dinge können eine große Hilfe in der Berufsentscheidung sein. Die Eltern sollten ihre Kinder dabei weder allein lassen noch über deren Köpfe hinweg entscheiden, sondern ihnen unterstützend zur Seite stehen. Die Familie hat durch deren eigene Berufswahl und Lebensführung einen großen Einfluss auf die jungen Menschen. Neben dem intergenerationalen Transfer spielen auch Faktoren wie soziodemografische Merkmale, zum Beispiel Geschlecht und Einkommen, die jeweils besuchte Schulform und natürlich die individuellen Kompetenzen eine wichtige Rolle in der Berufswahl, wie eine Analyse der Universität Münster zeigt. Auch Dinge wie Numerus Clausus oder Aufnahmeprüfungen haben darauf nicht selten eine Auswirkung.


Trotz all dieser Einflüsse sollte es schlussendlich nicht darum gehen, eine „perfekte“ Entscheidung zu treffen, sondern eine, die sich zu jenem Zeitpunkt richtig anfühlt, auch wenn sie mit zu überwindenden Hindernissen einhergeht. Die zahllosen Optionen sollen hingegen kein Hindernis darstellen, sondern sie bieten vielmehr eine große Chance für die jungen Menschen und deren persönliche Entwicklung. Das Abschlusszeugnis in der Hand ist also nur der Schlüssel für all die Türen, die es nun nach und nach zu öffnen gilt.

Seite 28/29, Kompakt Zeitung Nr. 249