Gedanken- & Spaziergänge im Park: Von Wahl und Wal

„Erinnerst du dich, dass wir uns vor ein paar Wochen über die FDP unterhielten und hofften, dass Kubicki für sie noch einmal antreten würde? Nun hat er seinen Anspruch auf Führung der FDP ausgesprochen.“ „Das finde ich prima“, antwortete ich, „er ist ein Mann mit Ecken und Kanten. Die letzten Chefs der FDP erinnerten mich eher an wortgewandte Versicherungsvertreter. Der letzte Vorsitzende Christian Lindner hatte seine Partei 2017 noch einmal stärker gemacht, als er eine Koalition mit der CDU mit dem Argument „es ist besser, nicht zu regieren als schlecht zu regieren“ ablehnte. Unverständlicherweise tat er 2021 das genaue Gegenteil, als er die FDP in eine Koalition mit SPD und Grünen, der Ampel, führte. Zwar nicht ausgesprochen, aber nach dem Motto: Es ist besser, schlecht zu regieren als nicht zu regieren. Die Quittung dafür hieß bei der letzten Wahl: Abschied vom Bundestag mit nur 4,3 Prozent. Da wird es nicht einfach sein, wieder hineinzukommen.“ „Sag das nicht. Schon 2013 flog die FDP mit 4,8 Prozent aus dem Parlament, nachdem sie in der ersten Merkel-Regierung mit der CDU koalierte, kam aber 2017 mit über 10 Prozent wieder rein. Ich könnte mir vorstellen, dass bei einer Neuwahl einige von dieser Regierung enttäuschte CDU- und AfD-Wähler ihre Stimme einer Kubicki-FDP geben würden.“ Zeitlich gut abgestimmt erschien jetzt auch ein Buch von Kubicki mit dem Titel „Aufwind im freien Fall“, in dem er mit dem Staat, den Politikern und der eigenen Partei hart ins Gericht geht. „Eine Gesellschaft, die Angst vor abweichenden Meinungen entwickelt, verliert ihre Freiheit zuerst im Kopf“, schreibt er darin und meint damit die herrschende Cancel-Unkultur, die einen ausgesprochen schädlichen Einfluss auf die öffentliche Diskussionskultur hat. Aber auch die eigene Partei bekommt ihr Fett weg: „Wer immer nur zustimmt, wird irgendwann überflüssig.“ Jedenfalls sind wir sehr gespannt, ob das alte Schlachtross es schafft, den FDP-Karren aus dem Dreck zu ziehen. „Aber vorher muss Ende Mai der nächste Parteitag seiner Partei Kubicki erst einmal zum Vorsitzenden wählen“, meinte Gerd. „Wenn nicht, dann sehe ich allerdings schwarz für die FDP.“

 

Walkampf zum Wahlkampf

 

„Aber es gibt doch anscheinend Wichtigeres als die FDP“, wechselte Gerd das Thema: „Wenn ich in den letzten Wochen Nachrichten sah oder hörte, so nahm immer der Wal Timmy viel Raum ein. Dass er am 3. März im Hafen von Wismar gesichtet wurde, wurde erst nur kurz erwähnt. Doch dann strandete er am 23. März auf einer Sandbank vor dem Timmendorfer Strand – was ihm den Namen Timmy bescherte – und von Stund an wurde er zu einem der meistberichteten Themen in den Nachrichten, gleich nach den Kriegen im Iran und der Ukraine. Kaum war er vor Timmendorf freigebaggert worden, strandete er wieder vor der Insel Poel. Dort liegt er heute noch fest. Ein riesiger Trubel wird um ihn gemacht. Sachverständige und Leute, die sich als solche gebärden, Taucher und „Walflüsterer“, verschiedene Tierärzte, die natürlich noch nie einen Wal als Patienten hatten, bemühen sich, zum Teil in eifersüchtiger Konkurrenz. Eine aus Hawaii eingeflogene Tierärztin verließ nach zwei Tagen genervt von den verschiedenen eitlen Selbstdarstellern im Rettungsteam wütend die Szene und flog zurück.“ „Selbst der Umweltminister von Meck-Pomm, Backhaus (SPD), kümmert sich dauernd um den Wal.“ „Als wäre es seine Chefsache“, nickte Gerd. „ich finde, er macht sich um des Publikums willen mit ihm wichtig. So verkündete er kürzlich im „Tagesspiegel“: „Seine Rufe lassen mich nicht mehr los. Ich war auf dem Schlauchboot direkt beim Wal und habe ihm in die Augen geschaut.“ Er habe Timmy motiviert und ihm zugerufen, dass er sich noch mal anstrengen und dann „bitte nicht wieder an einem anderen Ort auf eine Sandbank legen“ solle. „Ich finde das etwas lächerlich, besonders, da er vor dem Rummel dazu gemahnt hatte, dass man das arme Tier in Ruhe sterben lassen sollte“, meinte ich. „Aber im September ist Landtagswahl und so benutzt er den Walkampf zum Wahlkampf und erwägt sogar auf Poel ein Bronzedenkmal für Timmy errichten zu lassen!“ Gerd schüttelte den Kopf: „Ist das nicht alles maßlos übertrieben und von Sensationslust und Profilierungssucht hochgekocht?“ „Vielleicht hat der Kampf um den Wal auch einen symbolischen Aspekt?“, warf ich ein: „Ist es nicht verständlich, dass viele Menschen in diesen Krisenzeiten von Krieg, Reformstau und wirtschaftlichem Niedergang mal wieder ein Happy End erleben wollen? Manch ein Kommentator zieht sogar einen Vergleich zwischen dem Geschehen um den Wal und Deutschlands gegenwärtigem wirtschaftlichen Niedergang und dem konkurrierenden und widersprüchlichen Herumdoktern der Regierung dabei.“

 

Kein Sturm der Entrüstung

 

Gerd lachte und sagte: „Auch ein interessantes Bild und vielleicht gar nicht so falsch. Aber das einzig Nützliche an dem Walrummel um Timmy ist meiner Meinung nach, dass dadurch die krasse feministische Kampagne um die sogenannte „virtuelle Vergewaltigung“ der Schauspielerin Collien Fernandes in der Versenkung verschwand. Versteh‘ mich richtig, ich will damit nicht den ihr widerfahrenen Missbrauch des Internets bagatellisieren oder als Petitesse abtun. Aber es handelt sich bei der virtuellen Vergewaltigung nicht um einen juristischen Begriff, sondern vielmehr um eine Wortneuschöpfung von Fernandes, welche die Vorwürfe umschreiben soll, dass gefälschte Pornos von ihr erstellt und verbreitet wurden. Juristisch kämen die Tatbestände der Verleumdung, des Betruges, der Beleidigung oder der Nachstellung als strafbare Handlungen in Frage, wie ein Anwalt erklärte. Aber eine virtuelle Vergewaltigung gibt es nicht.“ „So habe ich mir das auch gedacht“, antwortete ich. „Mich haben diese Massendemonstrationen in mehreren Städten sehr verwundert. Das war eine wohlorganisierte Campagne – wie damals nach dem von Correctiv berichteten sogenannten Potsdamer Geheimtreffen im November 2023. Aber der größte Widerspruch bei dieser Campagne ist für mich folgender: Wegen der sogenannten virtuellen Vergewaltigung gingen Zehntausende in Berlin, Hamburg, Münster und anderswo auf die Straße, aber wegen den rund 130.000 brutalen und realen Vergewaltigungen und den 750 Gruppenvergewaltigungen im letzten Jahr erhob sich kein Sturm der Entrüstung, alle blieben auf dem Sofa sitzen! Genau das macht mir die demonstrierte Empörung bei diesen Massendemos irgendwie verdächtig.“ „Sehe ich auch so.“, stimmte Gerd zu. „Gerade vor kurzem wurde von einer Gruppenvergewaltigung in einem Berliner Jugendclub berichtet. Da soll die Tat durch die Leitung sogar vertuscht worden sein. Protestdemos? Fehlanzeige!“

 

Nach einer nachdenklichen Pause kamen wir zur Tagespolitik. Die jüngsten Nachrichten geben einigen Anlass zur Verwunderung. Die durch den Irankrieg extrem hohen Kraftstoffpreise sind nicht nur für private Autofahrer eine Last, sondern sie verteuern Arbeiten in der Landwirtschaft und alle Transportkosten. So trifft die Preiserhöhung alle, auch jene, die kein Auto besitzen. Da nützt eine Steuersenkung um 17 Cent/Liter herzlich wenig, zumal sie nur für zwei Monate gelten soll. Noch eigentümlicher ist das Angebot der Regierung, dass die Arbeitgeber jedem Mitarbeiter 1.000 Euro steuerfrei zukommen lassen können. „Das ist ein Witz!“, meinte Gerd. „Die Regierung lässt andere ihre Wohltaten bezahlen. Dazu kommt, dass die meisten kleineren Betriebe das nicht könnten oder es wieder auf die Kundschaft durch Preiserhöhungen abwälzen.“ „Es wäre doch viel einfacher, wenn man die Energiesteuer senken und die irrsinnige CO2-Steuer ganz abschaffen würde“, sagte ich. Gerd stimmte mir zu und meinte: „Diese CO2-Bepreisung hat etwas Mittelalterliches. Vor der Reformation gab es den päpstlichen Ablasshandel zur Vergebung der Sünden. In Deutschland war der Dominikanermönch Johann Tetzel (um 1460-1519) berühmt, der den Menschen gegen Geld den päpstlichen Ablass für ihre Sünden verkaufte. Es galt der Spruch: „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.“ Nebenbei: Solch eine Geldtruhe steht in unserem Dom in der Bischof-Ernst-Kapelle.“ „Und was hat das mit der CO2-Bepreisung zu tun?“ „Nun, nach der derzeit gültigen Meinung „der Wissenschaft“ ist der Klimawandel durch den CO2-Ausstoß menschengemacht. Das ist unsere heutige Sünde, die wir durch die CO2-Steuer, sozusagen unseren Ablass, wieder gutmachen sollen.“ „Interessant. Und was ist mit kriegsbedingtem massivem CO2-Austoß der brennenden Städte, Betriebe und Raffinerien in der Ukraine und dem Nahen Osten? Warum müssen die keine CO2-Steuer zahlen? Das ist sehr ungerecht.“

 

Abgeordneten-Altersversorgung

 

„Was ist schon gerecht?“, antwortete Gerd. „Findest du es gerecht, dass der Staat nur 144 Euro für jeden Bürgergeldempfänger an die Krankenkassen abführt, wo doch die Kosten viel höher sind? Kassen wurden als Solidargemeinschaft gegründet, wo jeder zu zahlen hat. Weißt ja selber, was du heute als Rentner bezahlst. Die Kassen wollen nun klagen. Oder dass Bundestagsabgeordnete, egal ob sie einen Berufs- oder Studienabschluss haben, nach zehn Jahren einen Anspruch auf Altersversorgung von monatlich 2.400 Euro, nach 26 Jahren von über 7.300 Euro haben! Davon können die meisten Rentner nach über 40 Jahren Arbeit nur träumen! Aber die Höhe ist, dass Abgeordnete dafür keinen Cent einzahlen müssen! Wie geht es dagegen den Bürgern? Der Rentenbeitrag wird gleich vom Gehalt abgezogen und da die Rente später vielleicht nicht reicht, zahlen sie noch monatlich für eine Zusatzrente. Das finde ich nicht gerecht.“

Paul F. Gaudi

 

Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100) erhältlich. Erschienen ist inzwischen Teil III. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.

Nr. 302 vom 29. April 2026, Seite 7

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