Römers Reich:
Ein Produkt des Grauens?

Axel Römer

In diesen Tagen erinnern wir in Magdeburg an den 16. Januar 1945. Ab 19 Uhr warfen 371 Flugzeuge der Royal Air Force insgesamt 1.060 Tonnen Bomben über die Stadt ab. Das Ergebnis, die fast vollständige Zerstörung der Innenstadt, ist bekannt. Meine Geburt ist ohne die Schrecken des Krieges nicht denkbar. Ich könnte sagen, meine Existenz ist ein Paradox, deren Entstehungsglück auf eine Greul-Geschichte baut. Weil andere sterben mussten, konnte ich geboren werden. Schließlich wäre meine Mutter nie mit der ihrigen aus Schlesien geflüchtet und in Magdeburg angekommen. Sie wäre niemals meinem Vater begegnet, dessen Familienwurzeln väterlicherseits in Danzig liegen.

Krieg ist und bleibt eine inakzeptable Auseinandersetzung zwischen Menschen. Wobei das Selbstverteidigungsrecht einer Nation berücksichtigt werden muss. Trotz der Ächtung von Krieg hört der Terror weltweit nicht auf. Die russische Armee bombardiert seit elf Monaten Ziele in der Ukraine. Obwohl der Konflikt in Syrien nicht beendet ist – nur die Berichterstattung darüber ist ins Hintertreffen geraten – läuft der Krieg dort weiter. In Äthiopien, Somalia und Jemen kommen Kampfhandlungen nicht zur Ruhe. Israelis und Palästinenser sowie jüngst Serben und Kosovaren stehen sich nach wie vor feindlich gegenüber.

Was das mit mir zu tun hat? Ganz einfach, Krieg erzeugt Langzeitfolgen. Die Familie meiner Mutter landete aufgrund der Flucht im geteilten Nachkriegsdeutschland in Bayern, in Thüringen und im heutigen Sachsen-Anhalt. Solange meine Großmutter in Zerbst lebte und ihre Schwester in der Nähe von München, hielten die Geschwister Kontakt. Nach ihrem Tod war Funkstille. Auch weil der Sohn meiner Großtante am Militärflughafen der US-Streitkräfte in München arbeitete. Nicht nur im Osten waren Westkontakte verboten, auch umgekehrt haben die militärischen Geheimhaltungspflichten gewirkt. Mit der deutschen Einheit hätte es eine Wiederbegegnung zwischen Cousin in Bayern und Cousine aus Magdeburg geben können. Warum dies nicht geschah, weiß heute keiner mehr so richtig. Erst zu Ostern, im vergangenen Jahr, trafen sich die verbliebenen Verbindungsteile der Familie erstmals nach 65 Jahren wieder. Machten ihre Kinder, also auch mich, miteinander bekannt.

Die Jahrzehnte, die dazwischen liegen, sind eine verlorene Familienzeit. Emotionale Bande lassen sich rückwirkend ohne nie stattgefundene Begegnungen kaum knüpfen. Krieg ist eben nicht nur der Tod Tausender Menschen, sondern Heimatverlust, Familienentwurzelung bis hin zum Abriss ganzer Vorfahren-Geschichten. Überall, wo Krieg grassiert, werden solche Familienrisse erzeugt, weil von oben definiert wird, wer unten Feind sein soll. Als Existenzprodukt eines Krieges, dessen Ende sich in diesem Jahr zum 78. Mal jährt, muss ich an Krieg und dessen Folgen erinnern.

Seite 2, Kompakt Zeitung Nr. 224