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Römers Reich: Vorsicht Triggerwarnung!

Axel Römer

Sogenannte Triggerwarnungen sind wie Beipackzettel von Arzneimitteln. Sie sollen vor Inhalten – egal in welchem Medium enthalten – schützen, die bei manchen Menschen eventuell negative Gefühle oder gar Traumata auslösen könnten. Inzwischen wird gar Klamauk-Humor von Otto Waalkes aus den 1970er Jahren mit Warnhinweisen versehen. „Das folgende Programm wird, als Bestandteil der Fernsehgeschichte, in seiner ursprünglichen Form gezeigt. Es enthält Passagen, die heute als diskriminierend betrachtet werden.“ Der Blick in die Vergangenheit zeigt bisher stets, dass das Leben gegenüber früheren Phasen heute besser sei. Wobei sich die Sichtweisen da offenbar ändern. Vor allem ältere Menschen sagen gern, früher war alles besser und die jüngeren behaupten, dass die Zukunft immer trüber würde.


Nun haben zwei Psychologen der Harvard University in Zusammenarbeit mit Victoria Bridgland von der Flinders University ein Dutzend Studien analysiert, die die Auswirkungen von Triggerwarnungen auf das Verhalten von Nutzern untersuchen. Sie kommen zu der Erkenntnis, dass Triggerwarnungen den eigentlich gewünschten Abschreckungseffekt überhaupt nicht erzeugen. Aus den Ergebnissen schlussfolgern die Wissenschaftler, dass durch die Hinweise ein Pandora-Effekt erkennbar würde. Diese Theorie mit dem Namen aus der griechischen Mythologie, besagt, dass die Neugier häufig über die Vernunft siegt. Der Wissensdurst von Menschen führt dazu, sich eher gefährlichen Situationen auszuliefern. So hätten in einer Studie weniger als 6 Prozent eine harmlose Buchpassage der mit einer Triggerwarnung versehenen vorgezogen. Die Studienauswertungen der Forscher zeigen sogar, dass sogar die Abschreckungshinweise selbst zu negativen Gefühlen bei Menschen führen, die eigentlich vor bestimmten Inhalten geschützt werden sollten.


Das Fazit lautet also: Triggerwarnung sind kein geeignetes Instrument, um bestimmte Gruppen vor verstörenden Inhalten zu schützen. Im Gegenteil, sie können der Verstörung gar Vorschub leisten. Selbstkritisch haben die Wissenschaftler zu ihren Untersuchungen darauf hingewiesen, dass sie keine Aussagen zu Langzeitwirkungen von Triggerwarnungen machen können. Sie hätten sich vorrangig auf Vermeidungseffekte sowie die Ansprechbarkeit von Nutzern, die als psychisch instabile Personen gelten, konzentriert.


Wenn die Schlussfolgerungen der Psychologen stimmen, sollten TV-Sender darüber nachdenken, ob es hilfreich sei, permanent historische Dokumentationen über die Nazi-Zeit zu senden. Die sollen ja Beiträge zur Aufklärung über das Böse leisten. Inzwischen weisen jedoch alle Bevölkerungsbefragungen darauf hin, dass sich rechtsextremes Gedankengut mehr und mehr ausbreitete. Möglicherweise entfalten die ständigen Warnungen vor dem proklamierten Rechtstrend genau die entgegengesetzte, unerwünschte Wirkung. Warnungen sollten also häufiger mit Vorsicht genossen werden.

Seite 3, Kompakt Zeitung Nr. 241