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Römers Reich:
Mangel oben und unten

Axel Römer

In Deutschland fällt man von einem PISA-Schock in den nächsten. Von Jahr zu Jahr sinken die Schüler-Kompetenzen in den drei Bereichen Lesekompetenz, mathematische Kompetenz und naturwissenschaftliche Grundbildung. Die PISA-Studien sind internationale Schulleistungsuntersuchungen, die seit dem Jahr 2000 in dreijährlichem Turnus durchgeführt werden. Dabei sollen die alltags- und berufsrelevanten Kenntnisse und Fähigkeiten Fünfzehnjähriger gemessen werden. Für die Bundesrepublik darf man nun getrost sagen: Gute Nacht deutsches Dichter- und Denkerland!


Der Aufschrei über die Kompetenzverluste geht durch alle Reihen. Mich verwundert das. Denn die Vorausschau dazu wird seit Jahren gepredigt. Die Reaktion aus der politischen Himmelssphäre war stets dieselbe: Bildung braucht mehr Geld. Oder anders gesagt: Geld ist das heilige Mittel. Allerdings kann Geld weder Mathematik noch Lesen oder Schreiben lehren. Geld arbeitet nur für jene, die es in ausreichendem Maße zur Bank tragen, um es dort vermeintlich für sich „arbeiten“ zu lassen. Schon unter diesem Aspekt beginnt der Bildungsmangel. Damit sich Geld durch Zinsen vermehrt, muss es erstens solche geben und zweitens müssen andere dafür arbeiten, damit investiertes Geld den Anteil abwirft, den eine Bank ihren Anlegern übriglässt.


Jedenfalls haben zahlreiche Fehleranalysen aus den vergangenen Jahren nicht dazu geführt, dass sich Bildungsmangel in sein Gegenteil verkehrt. Wie auch? Der niedere Bildungsbürger an der Basis beklagt seit langem Kompetenz- und Wissensverluste bei Politikern. Allerdings wurden jene, die entscheiden, von solchen gewählt, die sich andere Entscheidungen wünschen. Zugegeben – die Regierung wird ja stets von denen gewählt, die es am Ende nie gewesen sein wollten. Und nun, da die Ampelkoalition im Bundestag die Wirkung von Direktmandaten zur Begrenzung der Bundestagssitze einschränkte, kann noch mehr politisches Personal auf aussichtsreiche Listenplätze kommen, ohne je eine berufliche Praxiskompetenz nachgewiesen zu haben.


Damit sind wir schon beim Übel aller Übel. Theoretisierende Analysten und Propheten sind es, die gern darüber redend orakeln, wie Bildung besser gelingen kann. Nur tun können sie es nicht. Selbst die Konzepte dazu kommen wiederum aus Theoriekreisen. Wenn ich mir einen noch teureren Computer kaufe, werde ich leider nicht schlauer. Die Intelligenz sitzt immer noch vor einem Bildschirm, und wenn diese mit dem Gerät etwas Kluges anstellen will, muss zuvor einiges in den Kopf hinein, bevor wieder etwas herauskommen kann. Ich glaube, dieses Grundprinzip ist in dem Moment aufgegeben worden, als man begann, das Heiligtum der Digitalisierung anzubeten. Inzwischen kommt manches Bundesland zur Erkenntnis, dass ein Mehr an Bildschirmzeit nicht schlauer macht. Natürlich muss sich das vor allem in Elternhäusern herumsprechen. Doch wie soll ein Mensch zur Einsicht kommen, wenn er glaubt, allein durch Smartphone-Nutzung klüger zu werden? Wir müssen tiefer sinken.

Seite 3, Kompakt Zeitung Nr. 246, 10. Dezember 2023