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Der gestrandete KZ-Zug aus Bergen-Belsen

G. Wedel

Die Journalistin G. Wedel erinnert an den 13. April, dem 79. Jahrestag einer wundersamen Farsleber Zug-Geschichte.

 

An der Bahnlinie bei Farsleben wurde am 13. April 1945 ein KZ-Zug mit jüdischen Häftlingen aus Bergen-Belsen aufgefunden. Heute erinnert der Gedenkstein linkerhand an die Befreiung des Zuges durch die Amerikaner. Fotos: G. Wedel

13. April 1945 Farsleben. Amerikanische Panzereinheiten entdeckten in einem kleinen Waldstück bei Farsleben in Sachsen-Anhalt einen liegen gebliebenen KZ-Zug aus Bergen-Belsen mit etwa 2.500 jüdischen Austauschhäftlingen. Es war ein Räumungstransport aus Bergen-Belsen, den die SS kurz vor Kriegsende über Uelzen, Salzwedel und Stendal mit Ziel Theresienstadt verschickte. Unter unzumutbaren hygienischen Verhältnissen eingesperrt, waren sie fast eine Woche unterwegs. Nach starken Feuergefechten mit den Deutschen, die daraufhin flohen, bot sich den Amerikanern ein Bild des Grauens, als sie den Zug öffneten. Abgemagerte und geschwächte Menschen, viele mit Typhus infiziert und schwerstkrank, einige, die den Transport nicht überlebten.


„Ein Offizier sagte noch, dass im letzten Waggon Sprengstoff sei. Anscheinend war geplant, unseren Zug in die Luft zu sprengen“, berichtet später Sara Atzmon aus Israel, die mit ihrer Familie als 12-jährige ungarische Jüdin unter den Überlebenden war. Vielen ist sie bekannt als berühmte israelische Künstlerin mit zahlreichen Kunstausstellungen. Jahrzehntelang besuchte sie immer wieder Schulen in Deutschland, erzählte Schülern und Erwachsenen von ihren Erlebnissen während des Holocausts und sprach von dem Zug bei Farsleben.


Was verbarg sich hinter dieser Zugtragik? In mir entwickelte sich Neugier, ich wollte mehr darüber wissen, da ich seit Jahren Sara A. freundschaftlich begleitete. Meine „Spurensuche“ führte mich zum Museum Wolmirstedt und zum Gedenkstein in Farsleben.

 

Aufarbeitung des gestrandeten KZ-Zuges nach fast 80 Jahren 

 

Das Museum Wolmirstedt widmet sich unter der Leitung von Frau Pilz seit einigen Jahren der Aufarbeitung des gestrandeten KZ-Zuges mit einer Ausstellung, Führungen, Filmvorführungen und Zeitzeugenberichten. Zusätzlich wurde am Befreiungsort in Farsleben ein Gedenkstein errichtet. Frau Pilz versteht es, die Besucher bei der Führung durch die Ausstellung in die geschichtlichen Abläufe mit hineinzunehmen. Sie lässt sie an ihrem großen Wissensschatz und den vielen Lebensgeschichten einzelner Überlebender und amerikanischer Befreier teilnehmen. Dabei ist zu spüren, mit welchem Fleiß, Engagement und Herzblut recherchiert wurde. In einem Vortrag schildert sie die Vorgeschichte und Zusammenhänge. Wir hören Interviews von Dorfbewohnern aus Farsleben, die damals noch Kinder waren. Sie erzählen von ihren Erlebnissen. Auf dem Friedhof in Farsleben erinnern Gedenksteine an über 30 Todesopfer, die den Transport nicht überlebten. Die Amerikaner evakuierten und versorgten die Kranken in Hillersleben und Farsleben und errichteten zusätzlich ein Lazarett für die vielen Erkrankten. Sie gaben ihnen zu essen, aber manche Mägen konnten dies nicht aufnehmen. Noch nach der Befreiung verstarben Häftlinge an den Folgen von Schwäche und Krankheiten.


Wir sehen einen 2023 wiedergefundenen Film mit Bildern, damals kurz nach der Befreiung aufgenommen, der weltweit als Sensation in einigen Medien beschrieben wurde. Auch die israelischen Medien berichteten 2023 darüber. Einige Überlebende in Israel erkennen sich und Freunde wieder. Ein 90-jähriger Bekannter von Sara und Uri Atzmon entdeckt sich und seine Mutter im Film. „Was ist aus den jüdischen Kindern geworden?“ Unter diesem Motto erstellte das Museum 2023 im Rahmen eines Digitalisierungsprojektes des Landes Sachsen-Anhalt einige Zeitzeugen-Mappen Überlebender (deutsch/englisch), einzusehen vor Ort und in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

 

Vom Museum Wolmirstedt zum Befreiungsort

 

Die Fahrt vom Museum Wolmirstedt bis dorthin beträgt etwa 7 km. Durch die gute Beschilderung ist das Waldstück leicht auffindbar. Immer wieder besuchen Angehörige von Überlebenden aus Amerika oder Israel diesen Ort. Heute erinnert dieser Gedenkstein an die Befreiung des Zuges durch die Amerikaner am 13. April 1945, eingraviert in hebräischer, englischer und deutscher Schrift. Zwei Hickorybäume, eine Art Walnussgewächs, wurden dort zu Ehren des amerikanischen Befreiungsbataillons „Old Hickory“ gepflanzt.


Bei einem Wiedersehen von Überlebenden mit ihren Befreiern in Amerika erzählte ein Panzerwagenfahrer dem Ehepaar Atzmon, dass er den Geruch und die vielen Leichen niemals vergessen werde. Diese Aufarbeitung und Projektarbeit ist als Bildungsfahrt für Schulen und Gruppen absolut empfehlenswert und als Tagesausflug aus verschiedenen Richtungen leicht erreichbar, da es in der Mitte Deutschlands liegt – rund 30 Kilometer nördlich von Magdeburg. Tief beeindruckt und mit vielen neuen Erkenntnissen verlasse ich Wolmirstedt und kann nur jedem Interessierten einen Besuch in diesem Museum empfehlen.

 

Seite 28, Kompakt Zeitung Nr. 253, 10. April 2024

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