Römers Reich: Staat, erzieh das Internet!

Wir haben die ultimative Evolutionsstufe der Bequemlichkeit erreicht. Früher mussten wir noch vor die Tür gehen, um uns beleidigen zu lassen. Heute erledigen wir das bequem vom Sofa aus, zwischen dem zweiten und dritten Glas Rotwein, während wir auf Netflix eine Serie schauen, die wir eigentlich gar nicht mögen. Willkommen in der schönen neuen Welt der digitalen Gewalt, wo der Täter nicht mehr im dunklen Park lauert, sondern im leuchtenden Rechteck unserer Handfläche.

Der Fall Christian Ulmen und Collien Fernandes hat das Land erschüttert. Ein deutscher „#MeToo“-Moment, rufen internationale Medien. Zehntausende gehen auf die Straße. Es ist abscheulich, was dort im Raum steht. Aber während Demonstranten Schilder in die Höhe recken, die fordern, der Staat soll uns endlich vor dem bösen Internet beschützen, wird ein winziges Detail übersehen: Wir sind es, die den ganzen Tag im Internet wohnen. Freiwillig.

Erinnern Sie sich noch an die analoge Welt? Dieser seltsame Ort mit frischer Luft und Menschen, die man anfassen konnte? Wir haben ihn abgeschafft. Laut Studien verbringen wir 71 Stunden pro Woche online. Das ist mehr als ein Zweitjob, nur dass wir dafür nicht bezahlt werden, sondern mit unseren Daten bezahlen. Manche haben das gesamte Leben – Urlaube, Beziehungen, tiefste Ängste und Frühstücksbrötchen – in die Hände von Konzernen gelegt, deren Geschäftsmodell darauf basiert, uns süchtig zu machen. Jetzt, wo man feststellt, dass im digitalen Glashaus auch Steine fliegen, wird nach Papa Staat gerufen. Es ist eine faszinierende Logik. Jeden Tag werden Fotos von Gesichtern hochgeladen, jeder Schritt für ein Publikum aus Fremden dokumentiert und oh Wunder, jemand nutzt das Material, um Deepfakes zu basteln. Der Philosoph Byung-Chul Han nennt das die „Transparenzgesellschaft“. Ich nenne das den „freiwilligen digitalen Striptease“. Das Rohmaterial für die eigene Demontage wird frei Haus geliefert und nun soll der Staat bitte schön den Müll trennen.

Natürlich ist Deepfake-Pornografie ein Verbrechen, das hart bestraft werden muss. Aber die Forderung nach einem „Digitalen Gewaltschutzgesetz“ klingt manchmal so, als würde verlangt, dass der Staat Stützräder ans Smartphone schraubt. Wir haben die „digitale Mündigkeit“ längst an der Garderobe des Silicon Valley abgegeben. Wir wollen die absolute Freiheit, jeden Unsinn ins Netz zu blasen, aber die absolute Sicherheit, dass uns niemand dafür kritisiert oder gar angreift. Wir wollen die Vorteile der totalen Vernetzung, aber bitte ohne Nebenwirkungen. Wir sind wie Kettenraucher, die den Staat verklagen, weil der Husten so nervt, anstatt einfach mal die Zigarette wegzulegen. Vielleicht liegt ein Teil der Lösung nicht in noch mehr Paragrafen, sondern in einem radikalen Akt der Rebellion: dem Ausschaltknopf. Aber das wäre ja anstrengend. Da müssten wir uns ja wieder mit uns selbst beschäftigen. Und wer will das schon, wenn man stattdessen auf Twitter fordern kann, dass der Staat das gefälligst für uns erledigt?

Axel Römer

Nr. 301 vom 14. April 2026, Seite 3

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