Dienstag, November 29, 2022

Gedanken und Spaziergänge im Park

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Schein und Sein

Kürzlich kam Gerd von einer Reise aus dem Engadin wieder, wohin ihn zwei gute Freunde mit dem Auto mitgenommen hatten. Zurück fuhren sie durch Bayern und Baden-Württemberg. Was ihn sehr überraschte, war die geringe Anzahl von Windrädern in diesen beiden Bundesländern im Gegensatz zu den Windradwäldern Sachsen-Anhalts. Über Bayern hatte er diesbezüglich schon des Öfteren gehört. Aber das in dem seit elf Jahren grünregierten Ländle so wenige Windkraftanlagen zu sehen waren, das wunderte ihn doch sehr. Gründlich wie er ist, suchte er eine entsprechende Statistik und fand seine Beobachtungen bestätigt: Während in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 14 Windräder auf 100 km² zu finden sind und unser Bundesland damit den zweiten Platz nach Schleswig-Holstein (19 auf 100 km²) in Deutschland einnimmt, hat Baden-Württemberg nur ganze zwei Windräder auf 100 km² aufzuweisen und steht damit kurz vor Bayern an vorletzter Stelle in der Bundesrepublik. „Ist das nicht eigentümlich? Als grüne Regierung große Töne bezüglich Energiewende spucken und dann so krass hinterherhinken.“

Positiv beeindruckte ihn aber, dass sowohl in Österreich wie auch in der Schweiz Gebäude, Brückenpfeiler und Wände nicht oder jedenfalls nur sehr selten durch Sprayer beschmutzt und verunstaltet waren. „Was für ein Gegensatz zu unserer Heimatstadt Magdeburg! Wie viele Hausfassaden sind hier mit sinnlosem Geschmiere oder auch mit polizeifeindlichen Losungen beschmutzt. Hier gibt es doch kaum einen Laternenpfahl oder einen Parkautomaten, der nicht mit irgendwelchen politischen Aufklebern verunziert ist. Und niemand ist da, der das beseitigt. Woran liegt das nur? Wahrscheinlich ist der Verfolgungsdruck gegenüber diesen Tätern zu gering, die Polizei hat ja auch wichtigeres zu tun. Und bei erwischten Tätern ist vermutlich die Bestrafung auch nicht so schmerzhaft, dass sie die Täter von weiteren solchen Übeltaten abhält.“

Aber dann wendeten wir uns wieder der Energiekrise zu und stellten übereinstimmend fest, dass wir uns in unseren Wohnungen doch deutlich wärmer anziehen würden und trotz kühler Abende den Griff zum Heizungsventil vermeiden. Es scheint aber, dass außer vielen Worten und inhaltsleeren Sprüchen wie „Wumms“ und „wir müssen uns alle unterhaken“, nun doch ein wenig Bewegung in die Regierung gekommen ist. So verkündete der Bundeskanzler, dass ab 1. Oktober die Mehrwertsteuer auf Gas und Fernwärme von 19 auf 7 Prozent sinken soll. Das ist auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung zur Entlastung der Bürger, wie auch, dass die Habeck´sche Fehlkonstruktion der Gasumlage offenbar ersatzlos vom Tisch ist. Eine entsprechende Mehrwertsteuersenkung auf Strom soll eventuell auch kommen, aber wohl erst zum Januar des nächsten Jahres. Warum eigentlich erst dann und nicht jetzt? Das für alle Haushalte, aber vor allem auch für viele Industriezweige und Handwerksbereiche dringend notwendige Erdgas wird ein rarer Artikel bleiben, seitdem Russland als Lieferant so gut wie ausfällt. „Und zu allem Überfluss wurden jetzt auch noch Löcher in die Erdgasleitungen der Ostsee gesprengt. Eigentümlicherweise sind aber nur die Leitungen von Russland nach Deutschland beschädigt und nicht die Baltic-Pipeline von Norwegen nach Polen“, sagte ich und setzte fort: „Manches spricht dafür, dass die Amerikaner daran nicht unschuldig sind. Warum sollte Russland seine eigenen Leitungen zerstören, durch die zurzeit ja sowieso nichts fließt. Sie brauchen ja nur den Hahn in Russland zudrehen.“ „Stopp mal“, unterbrach Gerd mich, „so einfach ist die Sache auch nicht. Geheimdienste oder Planer von militärischen Attentaten denken manchmal um die Ecke und einen Schritt weiter. Und genau darum, weil du denkst, wie viele andere übrigens auch, dass es nur die Amerikaner gewesen sein könnten – genau deshalb könnten es die Russen geplant und getan haben, um dadurch die USA bei den Europäern in ein übles Licht zu setzen.“ Das gab mir zu denken. Vielleicht werden wir es irgendwann einmal wissen. Aber diese Sprengungen ändern für uns nicht viel, da durch die Ostseepipeline sowieso kaum noch etwas kam. Erdgas ist ein kostbares Gut geworden, das von vielen Industriezweigen und als Heizgas dringend benötigt wird. Eigentlich ist es viel zu schade, um es zur Stromerzeugung zu verbrennen. Hier sollte man jeden Kubikmeter einsparen. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass die verbliebenen drei Kernkraftwerke wieder auf längere Sicht hochgefahren werden müssten und die erst im Vorjahr stillgelegten so bald wie möglich wieder reaktiviert werden. Das gleiche gilt für Stein- und Braunkohlekraftwerke. Nur so erscheint es wenigstens halbwegs möglich, einigermaßen unbeschadet durch den Winter zu kommen, ohne dass ein Niedergang der Industrie und der Handwerksbetriebe erfolgt, was eine weitere Verarmung und Steigerung der Arbeitslosigkeit bedeuten würde. Gasimporte aus Übersee können diese fehlenden Kapazitäten keinesfalls ausgleichen. Aber nach wie vor wird auf die erneuerbaren Energien gesetzt, die allerdings sehr wetterabhängig sind und insgesamt nur etwa 45 Prozent des Energieverbrauchs liefern. Die viel gerühmte grüne Wasserstofftechnologie ist noch weit davon entfernt, praktisch umgesetzt zu werden und verbraucht bei heutigem Stand der Technik für die Herstellung des Wasserstoffs mehr Energie als dieser nachher liefert. Allerdings haben Gerd und ich beträchtliche Zweifel, dass unsere Regierenden das auch so sehen. „Nach dem Zusammenbruch der DDR und der Wiedervereinigung Deutschlands hätte ich niemals erwartet, dass wir wieder von Ideologen statt von Politikern regiert werden. Ein guter Politiker sucht durch Kompromisse und Einsicht das Machbare möglich zu machen. Ein Ideologe aber fühlt sich im Besitz der einzig wahren Wahrheit und versucht seine Ideologie auf Biegen und Brechen durchzusetzen, koste es was es wolle“, sagte Gerd resigniert.

Verständlicherweise fordert man jetzt die Staatsbürger zum Sparen auf. Das ist auch richtig. Aber sollten die Regierenden dann nicht mit bestem Beispiel vorangehen? Nach der letzten Wahl gibt es im Bundestag 736 Abgeordnete. In der Legislaturperiode davor waren es „nur“ 631! Man sollte sich ein Beispiel am italienischen Parlament nehmen. Das hat sich nach der kürzlich erfolgten Wahl um über ein Drittel verkleinert! Die Abgeordnetenkammer hat nur noch 400 Sitze statt vorher 630 und der Senat nur noch 200 statt vorher 315. Das nenne ich eine wirkliche Reform mit Sparpotential! Bei uns werden es immer mehr statt weniger. Und das betrifft nicht nur die Abgeordneten, sondern auch die Beamtenschaft der Bundesregierung sowie die Zahl der Staatssekretäre in den Ministerien. Dazu kommt noch, dass sechs der 15 Bundesministerien ihren Hauptsitz nach wie vor in der alten Hauptstadt Bonn haben und ein Teil der Beamten mit der Flugbereitschaft der Bundeswehr zwischen der alten und der neuen Hauptstadt Deutschlands pendelt, was die Kosten garantiert nicht verringert. Wenn man das Volk aus gutem Grund zum Sparen auffordert, dann sollte man doch wohl mit gutem Beispiel vorangehen. Sonst wirken diese Sparappelle nur plakativ. Und das Ganze ist in der EU auch nicht besser. Wegen der Inflation sollen die ca. 60.000 EU-Beamten zum Jahresende eine Gehaltserhöhung von 8,5 Prozent bekommen! Kennt jemand eine Berufsgruppe hier, die eine solche Anpassung an die allgemeine Teuerung bekommen hätte? Dazu kommt noch die doppelte Residenz der EU in Brüssel und in Straßburg. Das bedeutet, dass das gesamte EU-Parlament Monat für Monat umzieht. Und zwar nicht nur mit den Abgeordneten und den dazugehörigen Mitarbeitern, sondern mit allen Akten und Unterlagen. Dieser „Wanderzirkus“ verursacht allein schon etwa 100 Millionen € Mehrkosten im Jahr. Außerdem verschlingen beide Parlamentsgebäude auch doppelte Heiz- und sonstige Energiekosten. Ein Tross von Sonderzügen, LKWs und Transportern schleppt Monat für Monat Angestellte mit allem Arbeitsmaterial und Akten von Brüssel nach Straßburg und wieder zurück. Nach Berechnungen werden dabei 20.000 Tonnen CO2 im Jahr ausgestoßen. Wo bleiben da eigentlich die Klimaschützer von „Friday for Future“ und die Sekte der angeblich letzten Generation mit ihren Protesten? So gewinnt man leider den Eindruck, dass die Sparappelle wieder einmal in erster Linie für „Otto Normalverbraucher“ bzw. „Ottilie Normalverbraucherin“ gelten, während oben alles beim Alten bleibt. Wie sagten schon die alten Römer? „Quod licet Jovi, non licet bovi.“ „Was Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen (noch lange) nicht erlaubt“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100) erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online bestellt werden.

Seite 8, Kompakt Zeitung Nr. 219

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