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Der abkippende falsche Neuner

Nicht nur bei der derzeitigen Europameisterschaft zu beobachten: Es hat sich längst eine eigene Sprache des Fußballs herausgebildet. Aber ihre Auswüchse stoßen bei weitem nicht überall auf Begeisterung.

MVB unterstützt Fußballeuphorie

Die Magdeburger Verkehrsbetriebe setzen ein Zeichen für die Begeisterung rund um die Fußball-Europameisterschaft 2024 im eigenen Land.

Wenig Berg, mehr Tal

Klassenerhalt geschafft. Dennoch legte der 1. FCM in der 2. Fußball-Bundesliga
eine Achterbahnfahrt hin, bei der manchen zwischendurch schwindelig zu werden drohte.

Es hat Boom gemacht

Die zweite Fußball-Bundesliga befindet sich im steilen Aufstieg. Das Fan-Interesse hat enorm zugenommen – und mit ihm die Zuschauerzahlen.

Wem gehört der Fußball?

Wem gehört der Fußball? Rudi Bartlitz Über Investoren, über die Macht des Geldes und dessen zerstörerische Wirkung, über die Transformation des Fußballs zu einem gigantischen Geschäft und über ein drohendes Ende der Verbindung zwischen Fans und Vereinen. Kompakt Zeitung Grundsatzfragen sind an sich eine schöne Sache. Sie zu klären ebenfalls. Oft ist dies sogar mit einem Lust-, wenn nicht sogar Erkenntnisgewinn verbunden. Münzt man Grundsatzfragen allerdings auf den Sport um, sagen wir: den Fußball, wird es schon schwieriger. Dann gilt häufig der alte Kalauer: elf Leute, zwölf Meinungen. Die jüngste, heiß erörterte Grundsatzfrage, die sich angesichts der wochenlangen Proteste in den deutschen Stadien gegen den Einstieg eines Investors in die Profiligen-Vereinigung DFL stellte, lautete: Wem gehört eigentlich der Fußball? Dabei ging es beim Aufbegehren der Fans, das muss vorausgeschickt werden, am Ende gar nicht mehr nur um den Einstieg eines Investors, der von den Befürwortern des Deals übrigens lieber mit dem Euphemismus „strategischer Partner“ umschrieben wird. Es ging um Grundsätzliches.   Die weiße Fahne   Nun sind Tennisbälle per se nichts Grundsätzliches. Dennoch flogen sie in den letzten Wochen samt Schokomünzen, ferngesteuerten Autos, Modellflugzeugen und sogar verschlissenen Sitzmöbeln auf die Rasenflächen deutscher Arenen. Der Profifußball sah sich mit einer Protestwelle konfrontiert, wie es sie so noch nicht gegeben hatte. Letztlich wussten die Verantwortlichen des Ligaverbandes dem nichts mehr entgegenzusetzen. Sie hissten die weiße Fahne – und beschlossen, den Einstieg eines Investors (CVC Capital Partners mit Sitz in Luxemburg) abzusagen. „Nie war die Macht der Fans größer“, kommentierte der „Spiegel“ diese Entwicklung. Hinter all dem verbirgt sich die alte, seit der horrenden Kommerzialisierung dieses Sports jetzt aber mit neuer Brisanz gestellte Frage, wem der Fußball denn nun gehöre. Zunächst könnte man meinen, auf den ersten Blick drei unterschiedliche Lager klar auszumachen, die dieses Privileg für sich beanspruchen. Zum einen die Vereine mit ihren Mitgliedern. Zum anderen, vor allem im europäischen Ausland, Kapitalgesellschaften oder sogenannte Oligarchen, die kraft ihres finanziellen Engagements in den Klubs bestimmen. Und zum dritten natürlich die Fans. Dass diese drei teils heftig miteinander konkurrieren, andererseits bei einigen prinzipiellen Fragen auf derselben Seite stehen, macht die Sache für den Außenstehenden relativ undurchsichtig: Wer mit wem? Und wer mit wem auf keinen Fall?   Das letzte Wort   In Deutschland gibt es einen Mechanismus, der die Vereine vor der Kontrolle (und, wichtiger noch, Einflussnahme) durch Außenstehende schützt. Die sogenannte 50+1-Regel (siehe auch nebenstehenden Beitrag) garantiert, dass die Klubmitglieder stets die Mehrheit, also auch das letzte Wort haben. Das ist demokratisch und das komplette Gegenteil von dem, was zum Beispiel in England praktiziert wird. Dort können die Vereine im Besitz von Investmentfonds sein und demnach als Spekulationsobjekt herhalten. Oder aber zur Verfolgung einer politischen Agenda von Golfstaaten dienen. Als Stichworte mögen hier nur die in europäischen Spitzenklubs agierenden Staatsfonds aus Saudi-Arabien und Katar genannt sein.     Zurück zur Ausgangsfrage: Wem gehört denn nun der Fußball? Kann er noch, wie oft behauptet, ein Allgemeingut sein, wenn ganze Bevölkerungsgruppen durch exorbitante Eintritts- und Pay-TV-Preise von ihm ferngehalten werden? Und: Muss ein Spieler wirklich 200 Millionen Euro und mehr im Jahr verdienen? Fest steht, dass immer mehr Geld im Fußball steckt und diejenigen, die mit ihm verdienen wollen, immer mehr Gewicht bekommen.   Warnendes Beispiel   Als warnendes Beispiel dient der deutschen Bundesliga die englische Premier League. Sie ist zwar die bei weitem reichste Liga der Welt, mit den besten Spielern und demnach dem erfolgreichsten Fußball, doch ist die berühmte Fankultur in den 1990er-Jahren Stück für Stück aus den Stadien verdrängt worden. Genau diese Fankultur ist nun, ob sie es so wollte oder nicht, das Alleinstellungsmerkmal der Bundesliga. Keine andere der großen Ligen Europas kann ein derartiges Stadion-erlebnis bieten. Andererseits: Wenn es um die internationale Vermarktung geht, ist die Fankultur offenbar das einzige wirkliche Pfund, das der deutsche Profifußball in die Waagschale werfen kann. So gesehen war die Entscheidung, die Investorengespräche ab- oder zumindest zu unterbrechen, die einzig plausible. Man muss mit den Fans und der Wahl ihrer Mittel nicht immer einer Meinung sein, doch sollte sich der gemeine Fußballfreund, sagen die Befürworter, auch nicht jeden Auswuchs des sogenannten „modernen Fußballs“ gefallen lassen.    Erhebliche Bedenken   In diesem Sinne begrüßte auch FCM-Sportgeschäftsführer Otmar Schork, dass es zu keiner Aufnahme von Gesprächen zwischen DFL und CVC gekommen sei. „Von unserer Seite waren erhebliche Bedenken vorhanden, dass diese strategische Partnerschaft, die aus unserer Sicht irgendwann einmal kommen sollte und muss, um Fortschritte für die Liga zu bekommen, in kürzester Zeit abgehandelt werden sollte.” „Bei uns steht der Fußball im Vordergrund“, unterstrich er. Er gehöre, im Sinne der eingangs gestellten Frage, „allen“. Schork weiter: „In unserem Verein den Mitgliedern“. Er gehöre „den Kindern, die gerne Fußball spielen wollen. Er geht über alle Bereiche und den ganzen Amateursport – überall, wo Fußball gespielt wird.“ Ebenso gehöre er den Fans, die die Stadien besuchten und schlichtweg für das runde Leder lebten.Unübersehbar dennoch: Es verläuft eine Kampflinie zwischen organisierten Fans und jenen Bundesligisten, die einen Investoren-Einstieg wollten – und weiter wollen. Treibende Kraft in dieser kritischen Auseinandersetzung sind die Ultras. Bei ihnen verbindet sich Leidenschaft mit Selbstinszenierung. Zurzeit befinden sie sich vor allem im Kampf um die Deutungshoheit, um Gestaltung von Mitbestimmung und gegen die anhaltende Kommerzdiskussion. Nicht übersehen werden darf dabei allerdings die Rolle jener fundamentalistischen Verweigerer aus den Fanszenen, die meinen, allein ihr Auftreten habe das ganze Investoren-Vorhaben zum Einsturz gebracht.   Der große Unterschied   Immer wieder verweisen Fans und ihre Vertreter darauf, dass sich das Ballspiel in Deutschland massiv von der Fußball- und Fankultur anderer Länder unterscheide. In Deutschland habe Fußball eine „gesellschaftliche Relevanz”, sagte etwa die Journalistin Mia Guethe („11Freunde“) jüngst in der ARD-Sendung „Hart, aber fair“. Ihre Meinung steht für viele. Und ohne 50+1, fügte sie hinzu, „kappst du die Verbindung zwischen Tribüne und Platz, und dann stirbt das letzte bisschen Fußballkultur, das wir noch haben“. Podcaster Nico Heymer ergänzte: „Während der Corona-Pandemie hat man gelernt, dass Zuschauer auf den Rängen wichtiger sind als Zuschauer vor dem Fernseher.” Die TV-Sender vermarkteten nicht nur den Sport, sondern eben auch die Stimmung und die tollen

Alle in die Halle

Mit Einführung der Baller League soll der Fußball in Deutschland „revolutioniert“ werden. Was verbirgt sich dahinter: eine Spinnerei oder doch eine erste Gefahr für den traditionellen Sport?

Am Ende einer Dienstreise

Am Ende einer Dienstreise Von Rudi Bartlitz Unter ihrem neuen Cheftrainer Julian Nagelsmann setzt die deutsche Fußballnationalmannschaft beim Gastspiel in den USA endlich wieder ein Zeichen der Hoffnung. Kompakt Zeitung Zugegeben, jene zehn Tage, die einst die Welt erschütterten, waren es nicht. Konnten es auch kaum sein. Die zehntägige USA-Reise der deutschen Fußballer unter ihrem neuen Chef Julian Nagelsmann, so ehrlich muss man sein, sorgte in der weiten Kicker-Welt nicht einmal für nachhaltige Erschütterungen, von Beben ganz zu schweigen. Schaut mal, die Deutschen, raunte sie sich – ein wenig hämisch die einen, respektvoll die anderen – in den führenden Nationen zu, wie sie sich mühen müssen, wieder Anschluss an die internationale Spitze zu finden. Denn die war in den letzten Jahren weit enteilt. Und dennoch: Ein Schlag ins Wasser, den manche hierzulande vorausgesagt hatten, wurde die erste Dienstreise des neuen Bundestrainers keineswegs. Vor allem, wenn in Betracht gezogen wird, vor welcher gewaltigen Aufgabe der 36-jährige Bayer steht; erst die Nummer zwölf überhaupt in der knapp 100 Jahre überspannenden Liste der obersten deutschen Übungsleiter. In Windeseile soll er aus einem zuletzt weitgehend dysfunktionalen Gebilde ein Team formen, das bei der Heim-Europameisterschaft im kommenden Jahr nicht nur mitreißenden, sondern möglichst auch noch erfolgreichen Fußball spielt. Erschwerend kam hinzu, dass die Startbedingungen für dieses Ansinnen alles andere als ideal waren. Easy fühlt sich bei diesem Ritt über den Großen Teich ziemlich wenig an. Spieler und Vereine ächzten schon lange im Voraus wegen der Strapazen, wegen der Unterbrechung der Saison. Zu den Langstreckenflügen über den Atlantik kam ein Zeitunterschied von sechs Stunden. Es war also keine touristische „Bucket List“, die Nagelsmann mit ins Reisegepäck nahm, sondern eine stattliche To-do-Liste: Suche nach Stabilität insgesamt, Besetzung des Zentrums insbesondere, Formationen und Abläufe in der Offensive, Sortierung der Teamhierarchie, in diesem Zusammenhang auch Wiedereingliederung von Mats Hummels im Rang eines Führungsspielers nach zweieinhalb Jahren Abwesenheit. Man könnte es auch anders, drastischer formulieren: Aus einer über Jahre währenden bleiernen Zeit um der Deutschen einst liebstes Kind soll binnen weniger Monate eine beschwingte Stimmung gezaubert werden. Auch der überzeugteste Transatlantiker hätte da mit Fug und Recht sagen können: Wären wir doch besser mal zu Hause geblieben, auf dem schönen DFB-Campus in Frankfurt, den Nagelsmann nun erst vor den November-Länderspielen gegen die Türkei und Österreich zur Vorbereitung nutzen wird. Es gehe darum, so ein sichtlich zuversichtlicher Nagelsmann, durch guten Fußball die richtige Stimmung daheim zu erzeugen. Zumal bis zur EM nur noch acht Monate ins Land gehen. Die vielen blumigen Ideen von einem erneuten Sommermärchen drohten zu verdorren, bevor das erste Grün sich zeigte. Der Karren war irgendwie verfahren. Einer zuletzt kritischer gewordenen Öffentlichkeit muss da, so wohl die Überlegungen im Verband – der selbst einen gehörigen Anteil am Abschwung besitzt (weil er unter anderem trotz Misserfolgen zu lange an den Nagelsmann-Vorgängern Jogi Löw und Hansi Flick festhielt) – etwas Neues geboten werden. Neue Namen braucht das Land. Etwas schrieb der DFB dabei mit fetten Lettern auf seinen Wunschzettel: Es müsse bei den Fans (und wohl auch bei den Sponsoren) auf jeden Fall spürbar werden, dass sich etwas verändert. Positiv, natürlich. Also stürzte sich der Coach, zunächst ausgestattet mit einem Vertrag bis nach der EM, in die Arbeit. In den USA werde er sich „schnellstmöglich“ daranmachen, eine „erste Grundstruktur zu schaffen, die der Mannschaft helfen soll, stabil zu werden“. Für alle Spieler gelte ab sofort, da ließ er keinen Zweifel aufkommen, das Leistungsprinzip. Wenn einer besser sei als der andere, sei er gesetzt. Das war in den zurückliegenden Jahren nicht immer so im Nationalteam. Nicht unter Löw, nicht unter Flick. Da gab es den einen oder anderen Erbhof. Dies mag einer von vielen Gründen gewesen sein, warum das Erscheinungsbild der Mannschaft so war wie es war. Reporter-Legende Reinhold Beckmann sprach dieser Tage „von einer irgendwie leblosen Mannschaft“. Das will der Neue ändern: „Ich will die Leute auf dem Feld haben, die besser passen und die Chance auf Siege erhöhen.“ Mit einem Sieg und einem Remis endete nun der USA-Ausflug. Viele Kritiker sehen darin durchaus Mutmacher. Urdeutsche Tugenden wie Einsatz und Elan, die lange vermisst wurden, sind zurück. Aber ebenso unübersehbar sind nach wie vor bestehende Defizite in der Abwehr. Sie bleibt Problemfeld Nummer eins. Das dürfte auch mit dem Umstand zu tun haben, dass es derzeit einfach keine besseren Defensivspieler mit deutschem Pass gibt – da kann der Cheftrainer die Akteure in der Kette verschieben, wie er will. Das hat er wohl in kürzester Zeit realisiert und sagt daher: „Wir werden unser Heil immer in der Offensive suchen müssen.“ Nicht die schlechteste Option. In der Tat, es ist viel aufzuholen. Nicht nur hinten. Zweimal nacheinander schied Deutschland, der vierfache Champion (1954, 1974, 1990, 2014), zuletzt bei Weltmeisterschaften in der Vorrunde aus (2018 in Russland, 2022 in Katar). Dazwischen war bei der EM (die dreimal gewonnen wurde) im Achtelfinale Schluss. Dahinter verbirgt sich keine Laune des lieben Fußball-Gotts. Das hat ganz und gar irdische Gründe. „Einmal kann einer großen Fußballnation so etwas passieren“, räumt Sportdirektor Rudi Völler ein, „aber wenn es dreimal vorkommt, ist es kein Zufall.“ Nagelsmann soll es nun richten. Beim DFB ist man überzeugt, genau den Richtigen ausgewählt zu haben. Auch wenn er erst 36 ist, er ist kein Newcomer. Als Coach arbeitet er bereits eineinhalb Jahrzehnte. „Er war Trainer in Hoffenheim, Leipzig und bei Bayern München, hat da reichlich Erfahrungen gesammelt“, sagt Völler. „Gut, in München ist es nicht so gut zu Ende gegangen, aber was er bei seinen vorherigen Stationen erreicht hat, war sensationell. Seine Art, die Leute mitreißen zu können, gepaart mit seiner Fußball-Kompetenz und seiner Fähigkeit, Spiele zu lesen, machen ihn zu einem außergewöhnlichen Trainer und zu einem Glücksfall für uns. Klar wird es etwas anders sein als Verbandstrainer, da kommt der Feinschliff erst in der Turnier-Vorbereitung im Sommer. Aber er weiß, wie es funktioniert. Das ist wichtig.“ Der, dem diese Elogen gewunden werden (verziert mit einem angeblichen Monatssalär von 400.000 Euro), erscheint tatsächlich hoch konzentriert. Fokussiert allein auf das Hier und Jetzt. Auf die nächsten acht Monate. „Nagelsmann hat nicht nur die

Die Spektakel-Liga

Die Spektakel-Liga Rudi Bartlitz Das Unterhaus des deutschen Fußballs lässt mit Rekorden aufhorchen. Der 1. FC Magdeburg gilt bisher als eine der großen Überraschungen. Kompakt Zeitung Mit lauten, weithin zu hörenden Schalmeien, einem Halleluja und jeder Menge Vorschusslorbeeren war die 2. Fußball-Liga Ende Juli angetreten. Um all dies zu lobpreisen, griffen deren Auguren tief in ihre Wortschatzkiste. Attraktiver als je zuvor sollte sie werden. Spannender als je zuvor. Spielerisch besser als je zuvor, das sowieso. Mithin, die Jubiläumsauflage der 1974 gegründeten Spielklasse sollte alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen. Was ist draus geworden? Nachdem ein Fünftel der Spielzeit absolviert ist, vielleicht der rechte Zeitpunkt, sich einmal an einer ersten kleinen Zwischenbilanz zu versuchen. Einige schwergewichtige Argumente, das muss ihnen zugestanden werden, hatten die Euphorie-Befürworter freilich auf ihrer Seite. Noch nie tummeln sich hier so viele Traditionsklubs und Ex-Erstligisten. Der Hamburger SV, Hertha BSC, Schalke 04 – das sind schon Namen mit gehöriger Klangwirkung. Hinzu kommen frühere Bundesligisten und deutsche Meister wie der 1. FC Nürnberg und Eintracht Braunschweig. Weiter: Hannover 96, der Karlsruher SC, Fortuna Düsseldorf, der FC St. Pauli. Ganz Übereifrige postulierten, Liga zwei trete diesmal an, in der Aufmerksamkeit des Publikums sogar die „große“ Bundesliga zu übertreffen. Weil weite Teile des Publikums es satt seien, eine Bayern-Meisterschaft nach der anderen zu erleben. Elf sind es mittlerweile in Folge. Im Unterhaus dagegen, so die Argumentation, gehe es noch richtig zur Sache. Da liegen selbst die größten Experten oft mit ihren Tipps daneben, wer denn aufsteige, wer in die Relegation müsse oder in den sauren Abstiegsapfel zu beißen habe. So wie es zuletzt Arminia Bielefeld erleben musste, als sie von der ersten ohne Aufenthalt und störende Zwischengeräusche geradewegs in die dritte Spielklasse durchrutschte. Hauptargument dabei: die emporschnellenden Zuschauerzahlen. Anders gesagt, die Resonanz bei den Massen. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) verzeichnet in diesem Sommer einen Rekord für die 2. Bundesliga. So wurden 2022/23 insgesamt exakt 6.779.038 Tickets abgesetzt. Das entspricht einem Durchschnittswert von 22.154 Karten pro Partie. Die Steigerung hat nicht nur mit Corona zu tun. Grundsätzlich ist das Interesse am Unterhaus gestiegen, wie sich im Vergleich zu früheren Spielzeiten erschließen lässt. So waren in der Saison 2018/19 noch 5.853.246 Tickets über die Ladentheke gegangen – die größten Zuschauermagneten waren damals der 1. FC Köln, der Hamburger SV und der FC St.  Pauli sowie Dynamo Dresden. Wieder lässt der Hamburger SC (909.989 Karten) im Sommer einen Spitzenwert in diese Statistik einfließen. Dahinter folgt der 1. FC Kaiserlautern (678.469 Karten), der vor allem für seine Auswärtsfahrten in der letzten Saison gelobt wurde. Über 500.000 Tickets verkauften auch Hannover 96, der 1. FC Nürnberg und Fortuna Düsseldorf. Wie lange der neue Rekord bestehen bleibt, wird sich zeigen. Schon für die laufende Saison zeichnet sich noch einmal gesteigertes Interesse ab. Zumal mit dem SV Sandhausen, Jahn Regensburg und dem 1. FC Heidenheim gleich drei Klubs die Liga verlassen haben, die im Zuschauerranking die letzten Plätze einnahmen. Hinzu kommen dafür Hertha BSC und der FC Schalke 04, sowie der VfL Osnabrück. Im Gegensatz zur Bundesliga, so analysierte „Sport Bild“, verspreche die 2. Liga mehr „und wird so zur besseren Bundesliga!“ Schon jetzt hätten die Städte mit Unterhaus-Mannschaften „mehr Einwohner als die der 1. Liga.“ Während beispielsweise der 1. FC Magdeburg einen neuen Dauerkarten-Rekord aufstellte, waren beim HSV die letzten zehn Spiele in Folge (also einschließlich der Vorsaison) mit 57.000 Fans ausverkauft. Das in Liga zwei! Das wäre in England Platz fünf im Zuschauerschnitt – vor Liverpool! In Italien und Spanien jeweils Rang vier. Die Weichen für eine spannende Zweitliga-Spielzeit waren also gestellt. Und richtig: Es verging seither kein Spieltag ohne ein Spektakel. Vom öffentlichkeitswirksamen Trouble und (sportlichen) Querelen in den drei vermeintlichen Vorzeige-Klubs HSV, Schalke und Hertha ganz zu schweigen. Die letzten beiden erwiesen sich bis jetzt jedoch als Scheinriesen. „Man hat sich in der 2. Liga längst gemütlich eingerichtet“, merkte dazu Kolumnist Alfred Draxler säuerlich an. „Die Hütte ist voll, die Stimmung prächtig. Man gewinnt häufiger, als man verliert. Und wenn es mit dem Aufstieg wieder nicht klappt, feiert man sich halt selbst.“ Apropos Weichenstellung. Ein Team, das bisher im Stellwerk eifrig mit an den Schaltknöpfen drückt, ist der FCM. Nachdem im Frühsommer vorzeitig der Klassenerhalt gelungen war, ging es nur in eine Richtung: nach oben. Kaum ein Experte weit und breit, der die Blau-Weißen seither nicht als Bereicherung der Liga lobt. Derzeit belegt man Rang sechs, allerdings nur einen Zähler von einem Aufstiegsrang entfernt. Bei aller Anfälligkeit (neun Gegentore in den letzten drei Partien) und Fehlerhaftigkeit in der Defensive, der technisch anspruchsvolle, offensiv ausgerichtete Besitzfußball Titz`scher Art begeistert. „Magdeburg rockt die Liga“, hieß es bei Sky. „Gegen die ist schwer zu spielen, sie haben eine hohe Ballsicherheit“, befand Schalke-Angreifer Sebastian Polter. Seit April wurde nur eine Begegnung verloren. Und wenn es um die Zweitliga-Spektakel ging, die in den letzten Wochen ganz Fußball-Deutschland in ihren Bann zogen und die Emotionen heißlaufen ließen, war der FCM häufig einer der Beteiligten (6:4 gegen Hertha, 3:4 auf Schalke). Bei allen berechtigten Hosianna-Rufen auf die „Zweite“: Es gibt nicht nur Jubelmeldungen. Die mit dem meisten Nachhall und langfristig gefährlichsten sind vielleicht jene, bei denen es um die Finanzen geht. Vor allem um die TV-Gelder. Bis 2025 sind den DFL-Vereinen noch 1,1 Milliarden Euro pro Saison sicher. Aber danach! Branchen-Insider fürchten, dass sich die Summe dann auf eher 800 bis 900 Millionen Euro verringert. Seither sucht die Deutsche Fußball-Liga (DFL), also die Vereinigung der 36 Profiklubs aus den obersten beiden Spielklassen, nach Ersatz. Seit sich im Frühsommer eine DFL-Mehrheit gegen das Engagement eines Mega-Investors aussprach (es ging immerhin um schlappe zwei bis drei Milliarden Euro), hängt der Haussegen schief zwischen Bundesliga-Großklubs und den anderen; darunter viele Zweitligisten. Die Aufkündigung des sogenannten Solidarpakts, der den Zweitligisten 20 Prozent der Gesamterlöse zusichert – obwohl sie nach DFL-Berechnungen nur acht Prozent davon erwirtschaften – steht wie ein Menetekel an die Wand geschrieben. Schon jetzt bekommen es laut „Sport Bild“ viele Unterhaus-Vertreter zu spüren: Wegen geringerer TV-Abschlagszahlungen fehlen den meisten Summen in sechs- bis siebenstelliger Höhe. PS: Der 1. FC Magdeburg

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